Der Routinier ist auch als Ratgeber gefragt Toprak in der Pizarro-Rolle

Das erste Jahr bei Werder war schwierig für Ömer Toprak, doch jetzt will er die Fans von seinen Qualitäten überzeugen. Der 31-Jährige ist mit seiner Erfahrung nun besonders wichtig im verjüngten Werder-Kader.
19.08.2020, 16:52
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer und Christoph Sonnenberg

Ömer Toprak ist kein Mann für spektakuläre Auftritte. So routiniert und unscheinbar, wie er auf dem Spielfeld die gegnerischen Stürmer abläuft, so löst er auch die kniffligen Fragen im Alltag. Zum Beispiel die nach seinem Alter. Im Juli feierte der gebürtige Allgäuer seinen 31. Geburtstag, es war sein erster als „richtiger“ Werder-Spieler. Bisher war er ja nur ausgeliehen, nun wurde er fest verpflichtet. Insgesamt fließen rund 6,5 Millionen Euro für die Leihe und den Kauf an den Branchenriesen Borussia Dortmund. Und für dieses Geld, das macht Toprak im Trainingslager im Zillertal deutlich, hat sich Werder keinen Methusalem eingekauft. „31 finde ich jetzt, ehrlich gesagt, nicht so alt. Da gibt es noch ein paar ältere Spieler in der Liga, das ist doch kein Alter“, sagt der Abwehrspieler, auch wenn er natürlich mitbekommen hat, dass langjährige Wegbegleiter wie Andre Schürrle (29 Jahre) oder Benedikt Höwedes (32) gerade ihre Karriere beendet haben.

In der Stadt aber, die Claudio Pizarro noch mit 41 Jahren in der Bundesliga zujubelte, fühlt sich Toprak erst recht am richtigen Platz. „Ich kann zwar alle Kollegen verstehen, die ihre Karriere beendet haben, das sind persönliche Entscheidungen“, meint der Bremer Innenverteidiger, „ich aber habe noch sehr viel Spaß am Fußball und ich will noch sehr lange spielen.“ In diesem Sommer, so hat er selbst durchgezählt, geht Toprak in seine 13. Saison, damit ist er vielen Teamkameraden weit voraus, zumal bei Werder gerade „sehr viele junge Spieler dazugekommen sind“, wie er anmerkt.

Ganz nach seinem Naturell

Und so rückt er ein wenig in die Pizarro-Rolle im Bremer Kader, als Ratgeber für die jungen Mitspieler. Schließlich verfügt Toprak wie Pizarro über einen enormen Erfahrungsschatz aus internationalen Spielen, in der Champions League mit Leverkusen und dem BVB, zudem im türkischen Nationalteam. Auch wenn Pizarro sogar noch zehn (!) Saisons mehr auf dem Buckel hatte, machen diese Erfahrungen Toprak für die jüngeren Kollegen interessant. Als Ratgeber auf dem Feld, wenn es ums Stellungsspiel oder taktische Kommandos geht, „das ergibt sich ja allein schon aus meiner zentralen Position in der Abwehr“, wie Toprak findet. Aber weil es grundsätzlich seinem Naturell entspreche, für die jüngeren Spieler da zu sein, könnten sie sich auch mit anderen Fragen melden. „Da geht es um die großen Stadien, in denen ich gespielt habe“, erzählt Toprak, „aber auch um die Gegenspieler auf diesem Niveau oder um Kleinigkeiten, die man zum Beispiel bei der Regeneration beachten kann.“

Gerade Toprak gilt in solchen Fragen als Musterprofi. Seit rund zehn Jahren lässt er sich privat von einem Physiotherapeuten betreuen und absolviert viele Zusatzschichten, um den Körper zu schützen. Dass derlei so gar nicht zu seinem ersten Bremer Jahr passt, ärgert Toprak. Er selbst nennt das, was ihm bei Werder bisher passierte, eine „Ausnahmesituation“. Immer wieder wurde er von Verletzungen gestoppt. Und als er zu Beginn der Rückrunde endlich fit und zunehmend stabil war, beförderte ihn Frankfurts Kostic mit einem üblen Tritt von hinten ans Sprunggelenk in eine lange Reha. Das war in der ersten März-Woche – und bis heute Topraks letztes Pflichtspiel.

Toprak kann fast alles mitmachen

„Das war ein Foul, da kann man als Spieler nichts machen“, weiß Toprak, dennoch sei es wegen der vielen Verletzungen „für mich persönlich wirklich eine sehr schwierige erste Saison bei Werder“ gewesen. Rein körperlich sei es wohl „die schlechteste oder unglücklichste Saison“ der ganzen Karriere. Sein größter Wunsch ist deshalb, „nun gesund zu bleiben, trainieren zu können und der Mannschaft helfen zu können“. Bereits während der Sommerpause habe er sehr gut gearbeitet und viel trainiert, „ich bin froh, dass ich jetzt eigentlich fast alles mitmachen kann“.

Aus seiner langen Erfahrung im Profifußball weiß er, dass jede Saison anders laufen kann. Deshalb gehe es nun darum, die vergangene schlechte Werder-Saison nicht zu vergessen, sondern die richtigen Lehren zu ziehen und wieder Spaß am Fußball zu haben, und dabei trotzdem gut zu arbeiten. „Ich denke, diesen Spaß sieht man uns bereits an“, sagt er nach den ersten beiden Trainingswochen mit dem verjüngten Kader, „keiner will so eine Saison noch einmal erleben.“

Erstes Ziel: Weniger Gegentore

Mit einem Saisonziel ist Toprak zwar vorsichtig („Dazu muss man die jungen Spieler erst besser kennen, außerdem ist das Transferfenster noch lange offen“), ein Zwischenziel steht für ihn aber fest: „Vergangene Saison haben wir sehr viele Gegentore, das sollte sich ändern.“ Dass er dabei, wie schon im Vorjahr geplant, eine Schlüsselrolle einnehmen soll, ist Toprak bewusst – zumal seine Konkurrenten in der Abwehr wie Niklas Moisander oder Milos Veljkovic wieder verletzt pausieren mussten. Toprak sagt selbstbewusst: „Ich kenne meine Qualitäten. Ich versuche, fit zu sein und dem Team zu helfen. Ich gehe davon aus, dass ich spiele, wenn ich fit bin.“

Neben dem großen Erfahrungsschatz und der Siegermentalität gefällt Trainer Florian Kohfeldt an Toprak vor allem die Geschwindigkeit in Laufduellen, eine Qualität, die man in der zuletzt fast schon chronisch langsamen Werder-Defensive vergeblich suchte. Mit nun 31 Jahren sieht auch Toprak selbst in diesem Tempo weiterhin eine seiner Stärken, „wobei schnell immer relativ ist“, wie er schmunzelnd anmerkt, denn: „So schnell wie Bayerns Alphonso Davies bin ich natürlich nicht. Aber für einen zentralen Verteidiger habe ich schon ein gutes Tempo.“ Dass er dieses den Werder-Fans noch nicht zeigen konnte, weiß er. „Aber wenn es von Verletzung zu Verletzung geht, so wie im Vorjahr, dann ist doch klar, dass ich nicht in Hochform sein konnte. Es war definitiv schwierig für mich, meine Schnelligkeit zu zeigen. Ich hoffe, auch das wird sich jetzt ändern.“

„Ein guter Haufen“

Immerhin fühlt er sich nicht nur formal wegen des Transfervertrages als richtiger Bremer. Er schwärmt von einem „super Verein und einer super Stadt“, das Weserstadion hat es ihm eh schon seit vielen Jahren angetan. „Als Gast habe ich da schon immer gerne gespielt“, erzählt er, „jetzt freue ich mich, zur Heimmannschaft zu gehören und hoffe, dass wir dort bald wieder vor unseren Fans spielen können.“ Einfach sei die Integration in Bremen für ihn aber nicht gewesen, wegen der Verletzungen, und wegen der Pandemie. „Als die ausbrach“, sagt Toprak, konnten verletzte Spieler wie er „nicht mehr mit der Mannschaft reisen oder gemeinsam trainieren“. Trotzdem verstehe er sich „mit den Jungs“ inzwischen sehr gut, betont er, „viele kenne ich seit Jahren aus der Bundesliga, jetzt sind viele Neue dazugekommen. Wir haben einen guten Haufen.“ In diesem Haufen soll und will er eine Führungsrolle einnehmen. Als erfahrener Mann, der trotzdem erst 31 ist.

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