Wie Füllkrug auf die drei Tore reagiert

Der Spielball kommt in die Vitrine

Am Tag nach seinen drei Toren zum Bremer Sieg auf Schalke gewährt Niclas Füllkrug Einblicke in seine Gedanken. Poetisch, ehrlich und etwas überrascht ist er - und zwar über sich selbst.
27.09.2020, 17:08
Lesedauer: 4 Min
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Der Spielball kommt in die Vitrine
Von Jean-Julien Beer
Der Spielball kommt in die Vitrine

Drei Tore für Werder: Niclas Füllkrug wird von Davy Klaassen bejubelt.

nordphoto

Am Tag nach seinem Dreierpack auf Schalke legte Niclas Füllkrug am Weserstadion liebevoll den Spielball in sein Auto. Werders Zeugwart hatte ihm den Ball besorgt, jetzt wird das gute Stück noch mit dem Datum versehen und kommt dann zu Hause in eine Vitrine. „Darin hebe ich ein paar Pokale, Medaillen und Auszeichnungen auf“, erzählt der Torjäger, „ich schreibe auch noch auf den Ball, was genau an diesem Tag passiert ist. Es ist einfach schön, sich an den Moment zu erinnern.“

So viel Fußballromantik gönnt sich Füllkrug dann doch, auch wenn der Stürmer seine drei Tore nach diesem wichtigen Bremer 3:1-Sieg auf Schalke gar nicht zu hoch hängen möchte. Um das zu betonen, wählt er einen geradezu poetisch klingenden Satz: „Der Sinn dieser drei Tore hat deutlich mehr wert als die Tatsache, dass ich sie geschossen habe – weil wir dieses Spiel einfach gewinnen mussten.“

Er brauchte den Dreierpack nicht...

Füllkrug trägt das für Torjäger typische Selbstbewusstsein in sich. Er weiß, dass er dadurch manchmal arrogant wirkt. Er meint seine Worte aber nie überheblich, sondern einfach ehrlich. Natürlich ist ihm bewusst, dass er durch diese Art eine Ausnahme im braven Werder-Kader darstellt, wobei er seine Wort stets durch einen leidenschaftlichen Spielstil untermauert. „Ich habe das schon mal gesagt, und schon da wurde ich etwas komisch angesehen“, merkt er am Sonntag an, „ich kenne meine Stärken. Ich hätte keinen Dreierpack schießen müssen, um für mich selber zu wissen, dass ich der Mannschaft weiterhelfen kann. Der Dreierpack unterstreicht das. Aber ich bin in das Spiel gegangen und wollte es einfach unbedingt gewinnen.“

Trainer Florian Kohfeldt mag ihn für diese Art, für seinen selbstbewussten Charakter und für seine Wehrhaftigkeit auf dem Platz. Weil kein Max Kruse mehr da ist, an dem man sich mal öffentlich reiben könnte, muss nun immer die Beziehung zwischen Kohfeldt und dem betont selbstbewussten Füllkrug dafür herhalten. Eigentlich ist das Quatsch, dass es zwischen beiden nicht passt. Es war schließlich Kohfeldt, der Füllkrug trotz aller Knieprobleme unbedingt aus Hannover verpflichten wollte. Und es war ebenfalls der Trainer, der in höchster Abstiegsnot immer wieder darauf verwies, dass ihm kein Spieler so sehr fehlt wie der am Kreuzband verletzte Torjäger. Weil Füllkrug nach seiner langen Leidenszeit gerne schon wieder eine noch wichtigere Rolle bei Werder spielen würde und sich ohnehin als einziger traut, dem Trainer auch mal vor noch laufenden Kameras die Meinung zu sagen, schaukelte sich das Verhältnis in der öffentlichen Wahrnehmung etwas hoch. Es hatte was von Mini-Hollywood vom Osterdeich, zumal Füllkrug im Pokalspiel in Jena und auch beim Bundesligastart gegen Hertha BSC nicht in der Startelf stand.

Viele Gespräche mit Kohfeldt

Doch auch nach diesen Spielen verwies Kohfeldt eigentlich immer darauf, dass er den Tag herbeisehnt, wann er Füllkrug nach all den Reha-Monaten endlich wieder in der Startelf bringen könne. Gegen Schalke war es nun so weit, nach einer wortreichen Woche, wie der Trainer berichtet: „Wir haben viel miteinander geredet, auch am Morgen des Spieltages wieder. Für mich war ausschlaggebend, dass er sagte, dass er sich nun bereit fühlt. Dann habe ich es entschieden, dass er spielt. Es war keine gemeinsame Entscheidung.“ Kohfeldt nennt es „eine Bauchentscheidung“, und fügt mit gesundem Humor an: „Und bei der habe ich ausnahmsweise mal Glück gehabt.“

Füllkrug bestätigt diese Gespräche. Aus seiner Sicht waren die aber gar nicht so wichtig für sein Startelf-Comeback. Wichtiger sei seine Reaktion im Training gewesen. „Was bleibt einem anders übrig, als Gas zu geben und weiterzumachen?“, fragt er, „natürlich war ich enttäuscht, wie jeder, der nicht in der Startelf oder im Kader steht. Ich habe in den Trainingseinheiten dann aber ganz deutlich gezeigt, dass ich unzufrieden mit der Situation bin. Das habe ich aber nicht negativ gezeigt, sondern mit Leistung.“ Wenn einem dann auch noch drei Tore gelingen, sei es natürlich immer leicht, zu sagen: Stark, der hat eine Reaktion gezeigt. Füllkrug sieht es anders: „Ich finde: Die Art und Weise, wie ich gespielt habe, hat es auch gezeigt.“

Plötzlich ein Sprinter

Das lobt auch Manager Frank Baumann: „Niclas hat uns mit seiner Art sehr gut getan in diesem Spiel: die breite Brust, das frühe und hohe Anlaufen – das war schon sehr gut. Auch die anderen Angreifer haben das gut gemacht oder nach ihren Einwechslungen nahtlos fortgesetzt. Das ist das, was wir brauchen.“ Gesunder Konkurrenzkampf nämlich, nicht nur zwischen Füllkrug und seinem Rivalen Davie Selke, sondern insgesamt im breit gefächerten Werder-Angriff.

Zuletzt hat Füllkrug viel mehr trainiert als gespielt, und natürlich geht es allen bei Werder darum, „ihn konstant durch die Saison zu bringen“, wie Kohfeldt betont. Aber einen überraschenden Nebeneffekt hat die ganze Schinderei offenbar: Füllkrug ist augenscheinlich schneller geworden. Auf Schalke lief er in einer Szene der gesamten Abwehr weg, er hat sich das selbst noch mal angesehen. Er sei noch nicht mal mit dem Ball am Fuß langsamer geworden, staunte Füllkrug dabei über sich selbst, „und es ist wirklich so, dass ich im Training ganz andere Sprintgeschwindigkeiten erreiche als vor meiner Verletzung. Ich weiß nicht, warum. Ich laufe regelmäßig 34 km/h im Training, da sind unsere Fitnesstrainer auch total zufrieden. Das hat man in dieser Szene gesehen. In so einem Sprint fühle ich mich schon sehr spritzig und schnell im Moment.“

Trotzdem sei es ihm lieber, wenn der Trainer ein Auge auf ihn hat. „Er sagt ja nicht umsonst in jedem zweiten Satz, dass er mich behutsam aufbauen möchte“, sagt Füllkrug über Kohfeldt, „letzte Saison hat es nun mal in meinem Knie extrem geknallt, das möchte ich auch nicht noch mal erleben. Dann gehe ich lieber drei Spiele über 60 Minuten, statt über 90 – und komme diese Saison ohne große Verletzung aus.“

Zwischen ihm und Kohfeldt sei „alles okay, unverändert“, versichert Füllkrug. Wenn er mal wieder nicht in der Startelf steht, vielleicht schon am Wochenende gegen Bielefeld (Kohfeldt: „Es gibt jetzt keinen Automatismus, dass er immer spielt“), dann wird er trotzdem sauer sein. Alles andere wäre aber auch nicht Füllkrug. Sondern schlimm.

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