Niclas Füllkrug bekommt ein Spezialprogramm

Geduld, bitte!

Um Niclas Füllkrug in Form zu bringen, bekommt der 27-Jährige ein Spezialprogramm. Füllkrug ist der Hoffnungsträger, Florian Kohfeldt warnt aber vor zu hohen Erwartungen an den Stürmer.
22.08.2020, 15:18
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Geduld, bitte!
Von Christoph Sonnenberg
Geduld, bitte!
Nordphoto

Belastungssteuerung heißt eines der Zauberwörter. Eine der Lehren, die sie bei Werder aus der Vorbereitung des vergangenen Jahres gezogen haben, war, den Umfang des Trainings gezielter zu steuern. Nicht zu viel, nicht zu überehrgeizig. Beinahe im Wochenrhythmus fielen ja damals Spieler aus, darunter etliche wichtige. Das sollte anders werden in diesem Jahr und ist es auch. Bisher gibt es wenig zu vermelden aus der medizinischen Abteilung. Bis auf ein paar übliche kleine Wehwehchen, die in dieser Phase eben vorkommen, sind alle Spieler in der Spur.

Am Freitagvormittag wurde Niclas Füllkrugs Belastung gesteuert. Dass heißt, er stand nicht auf dem grünen Rasen sondern im Fitnessraum des Team-Hotels. Anhand der Daten, die in jeder Einheit von jedem Spieler aufgezeichnet und ausgewertet werden, lässt sich genau ablesen, wann ein Spieler eine Ruhepause braucht oder weiter voll belastbar ist. Und bei Füllkrug, sagt Florian Kohfeldt, sei eben noch immer ein wenig Vorsicht angebracht. „Niclas ist nicht wieder der Alte, nur weil eine Sommerpause dazwischen lag.„ Viele mögen das vergessen haben, aber „er war neun Monate weg“.

Auch mental braucht es eine gute Fitness

Auf der Suche nach den Ursachen für die missratene Saison ging es auch um Füllkrug. Seine Rolle als Torjäger, die er aufgrund seines Kreuzbandrisses nicht erfüllen konnte. Aber auch die als Führungsspieler, der Probleme, die aus dem Ruder zu laufen drohen, rechtzeitig einfängt. Ein Regulativ, wie es die Mannschaft gebraucht hätte aber nicht hatte. Seine gerade, impulsive und unverblümte Art hat gefehlt auf dem Platz und besonders in der Kabine. Also sind sie vorsichtig mit ihm. Der Gedanke, von beiden Seiten, sei ein geduldiger Aufbau zum ersten Spiel, sagt Kohfeldt: „Ich bin sehr optimistisch, dass Niclas zum Saisonstart in sehr guter Verfassung ist."

Zur Verfassung gehört aber nicht nur die körperliche Komponente, auch mental braucht es eine gute Fitness, um beste Leistungen zeigen zu können. Und um die steht es bei Füllkrug gerade nicht zum Besten. Die Schlagzeilen um ein von ihm geleastes Auto, das durch einen Bekannten bei einem Mitglied eines berüchtigten Berliner Familienclans landete, waren groß. Ein offener Streit mit Kohfeldt auf dem Trainingsplatz kam hinzu. Der Trainer hätte beide Vorkommnisse am liebsten lautlos unter den Teppich gekehrt. Großstadtkriminalität in einem Atemzug mit einem seiner Spieler – welcher Klub braucht das schon? Was natürlich nicht möglich war. Also sagte er: „Wir sollten das Thema nicht zu groß machen."

„Es ist umso wichtiger, dass wir für ihn da sind"

Nur weil sich jemand einen Mercedes AMG S 63 leasen kann, einen Wagen, der 200.000 Euro kostet und den alleine deshalb vermutlich viele Menschen als ultracool bezeichnen würden, ist er nicht automatisch so cool, dass eine bundesweite Berichterstattung in einem negativen Kontext an ihm abprallt. So ist das auch bei Füllkrug. „Die Situation ist gerade nicht nur Sonnenschein„, sagte Kohfeldt, der dann doch noch ein paar Sätze zu diesem Thema von sich gab. „Es ist eine schwierige Situation für einen sehr jungen Menschen, in die er nach unseren Informationen vollkommen unverschuldet geraten ist.“

Spieler und Trainer verbindet eine lange gemeinsame Vergangenheit. Füllkrug war Spieler in der U14, als Kohfeldt seinen ersten Trainer-Job bei Werder antrat, den Posten des Co-Trainers. Beide schätzen sich, durchaus ein wenig mehr als in einem Arbeitsverhältnis vielleicht üblich. Nach dem Krach auf dem Trainingsplatz und dem Vorfall um das Auto haben beide ausführlich miteinander gesprochen. „Auch wenn es mal Meinungsverschiedenheiten gibt, ist es umso wichtiger, dass wir für ihn da sind. Und dass auch ich für ihn da bin„, sagte Kohfeldt. „Es ist wichtig, dass er das weiß.“

Vergangene Saison hat sich Füllkrug aufgeopfert

Um die Psyche Füllkrugs geht es also auf der einen Seite. Aber auch körperlich ist der hühnenhafte Stürmer noch nicht auf dem Niveau, das viele vermuten, weil er ziemlich fit und durchtrainiert ausschaut. „Rein sportlich beginnt der Aufbau für ihn erst jetzt", sagt Kohfeldt. „Niclas macht hier im Zillertal nahezu alles mit, lässt aber schon mal die eine oder andere Einheit weg." Eine Belastungssteuerung, die ganz auf den Saisonstart Mitte September ausgerichtet ist: „Gegen Ende der Vorbereitung muss er da sein, über 90 Minuten die Wege zu gehen."

Ein bisschen da gewesen ist er schon gegen Ende der vergangenen Saison, auch wenn das nie der Plan war. Durch die Unterbrechung inmitten der Corona-Pandemie zog sich die Spielzeit so weit in den Sommer, dass Füllkrug nach seinem Kreuzbandriss im September 2019 doch noch eingreifen konnte. „Niclas hat gesagt: Wenn du mich für fünf Minuten brauchst, bin ich da„, erzählt Kohfeldt. Und dazu kam es dann ja auch. „Das rechne ich ihm hoch an.“

Die Erwartungen bitte nicht überhöhen

Vier Einsätze in der Bundesliga, zwei Tore erzielte er dabei. Dann zweimal in der Relegation, einmal sogar in der Startelf. Auch wenn die körperlichen Defizite zu erkennen waren, Füllkrugs Präsenz auf dem Platz war es auch. Und dass diese in der Saison gefehlt hat. „Niclas hat sich aufgeopfert„, sagt Kohfeldt über diese Einsätze am Schluss der Spielzeit. „Das dürfen wir nicht vergessen.“

Dieses Opfer führt dazu, dass Füllkrug jetzt noch nicht da ist, wo er seien muss oder seien sollte um die Rolle zu erfüllen, in der viele ihn sehen, die des Torjägers und Führungsspielers zugleich. Seine Sprintwerte seien die besten seiner Karriere, heißt es. Und wenn Füllkrug das Trikot hebt, kommt ein beneidenswert definiertes Sixpack zum Vorschein. Es sind andere Dinge, die fehlen. Die Gewöhnung an den Platz, an den Ball, an die Räume, die Spielsituationen. Das fußballspezifische eben. „Von heute auf morgen kommt das nicht wieder„, sagt Kohfeldt. Hinter seiner Vorsicht steckt eine Absicht, wie er verrät: „Ich will dafür werben, Niclas Zeit zu geben und die Erwartungen an ihn nicht zu überhöhen.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+