Warum Werders Trainer so sauer reagiert

Kohfeldts Kampf an zwei Fronten

Man musste schon genau hinhören, um Werders Trainer Florian Kohfeldt bei seiner Wutrede richtig zu verstehen. Dem Spiel in Freiburg kommt nun eine besondere Bedeutung zu. Es geht ihm nicht nur um die Kritiker.
23.05.2020, 11:22
Lesedauer: 6 Min
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Von Jean-Julien Beer
Kohfeldts Kampf an zwei Fronten

Teamgeist, zumindest auf der Maske: Werders Trainer Florian Kohfeldt sieht nun vor allem auch die Spieler in der Pflicht.

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Florian Kohfeldt ist sauer. Auf die Kritiker, die sich den Abstiegskandidaten Werder Bremen nach dem schwachen Spiel gegen Leverkusen heftig vorgeknüpft haben. Und auch auf seine Mannschaft, die ein weiteres Spiel verstreichen ließ, in dem es um wichtige Punkte im Kampf um den Klassenerhalt ging. Beides wurde am Freitag deutlich, als Kohfeldt vor dem Spiel in Freiburg (Sonnabend, 15.30 Uhr) in einer coronabedingten Online-Pressekonferenz vor die Medien trat. „Ich sage deutlich: Das tut weh, das tut richtig weh, was dort teilweise geschrieben wird“, sagte Werders Cheftrainer, und präzisierte: „Es tut weh, wenn man über die Medien von Leuten kritisiert wird, die sonst so jovial und freundschaftlich rüberkommen, die aber selbst keine Verantwortung übernehmen.“ Er dürfte damit auch die Werder-Legenden Rune Bratseth und Dieter Burdenski gemeint haben, die sich kritisch über den Trainer und die Vereinsführung geäußert hatten – die damit aber nur offen aussprachen, was viele Fans denken.

Kohfeldt, so wirkt es, möchte in dieser historisch schlechten Saison nicht mehr für jeden und alles der Sündenbock sein. Der Prügelknabe, hinter dem sich die Woche für Woche versagenden Spieler wunderbar verstecken können. „Ich bin seit über 20 Jahren in diesem Verein und kann jedem versprechen, dass ich alles immer im Sinne von Werder Bremen getan habe und auch tue“, erklärte Kohfeldt nun, „deshalb tut mir die Kritik sehr weh. Wir spielen aus verschiedensten Gründen in diesem Jahr eine beschissene Saison, da gibt es auch kein anderes Wort für. Aber: Ich und die Geschäftsführung, wir übernehmen Verantwortung. Und wir werden auch die Verantwortung dafür übernehmen, wenn es am Ende nicht reicht. Definitiv! Uns jetzt vorzuwerfen, dass wir alles laufen lassen und dass kein Feuer da ist, das empfinde ich als Frechheit. Es tut weh, es tut sehr weh. Aber es fördert bei mir eher eine gewisse Form von Trotz. Ich werde es trotzdem allen zeigen!“

Vorhang in der Kabine

Man würde gerne erleben, dass Werders Trainer seine Spieler in dieser Deutlichkeit mal verbal an die Kabinenwand nagelt. Auch nach dem indiskutablen 1:4 gegen Leverkusen musste sich auch Kohfeldt die Kritik gefallen lassen, die Spieler zu sehr zu schützen und lieber mikroskopisch kleine Fortschritte in den Vordergrund zu stellen. Auch darauf ging er am Freitag ein. Es sei einer seiner wichtigsten Grundsätze als Trainer, „dass ich nicht öffentlich meine Spieler bloßstellen werde“, betonte Kohfeldt, und zwar unabhängig davon, wie bedrohlich die Situation – auch für ihn – gerade sei.

Aber es gibt aber offenbar zwei Werder Bremen in diesen aufgeregten Tagen. Das eine, das gruselig spielt, aber von den Verantwortlichen wie Kohfeldt und Manager Frank Baumann öffentlich bewusst geschützt wird. Und das andere Werder, das ebenfalls gruselig spielt und verliert, dafür aber hart miteinander umgeht – was aber da draußen, außerhalb der engsten Werder-Familie, niemand mitbekommen kann, darf und soll. Diesen Unterschied hob auch Kohfeldt hervor: „Die Kabine ist ein Heiligtum, da ist keiner dabei. Und dort fällt dieser Vorhang, dass ich einzelne Spieler nicht anspreche. Da sind wir unter uns, und da wird kritisch miteinander gesprochen.“ Was er direkt im Anschluss sagte, klang immerhin wie eine öffentliche Drohung an seine Spieler mit Blick auf die Aufstellung für die Partie in Freiburg: „Ich habe jetzt Handlungsmöglichkeiten, anders als im Laufe der gesamten Saison – und wir werden sehen, was jetzt passiert. Was ich auf jeden Fall sagen kann, ist, dass ich es nicht dahinplätschern lassen werde.“

Zeit des netten Miteinanders vorbei

Überhaupt ging es in den letzten Tagen hinter dem grün-weißen Vorhang sehr viel um die Frage, was nun passieren muss. Auch in den Sitzungen mit der Mannschaft, in der es mal wieder um engagiertes Verteidigen und ums Toreschießen im letzten Drittel ging. Beides sind übrigens Basics, die als Dauerschleife in diesen Werder-Sitzungen laufen. Kohfeldt erwartet von seinen Spielern jetzt „eine kritische Auseinandersetzung mit der Situation“, und meint damit, dass die Zeit des netten Miteinanders vorbei sein müsse. „Das betrifft die Spieler und auch mich. Es muss jetzt vollkommen egal sein, ob der Teamkollege einen noch mag oder nicht. Es geht nur darum, zu gewinnen.“

Auch Kohfeldt will nicht, dass sein Verein zu einem „SV Laber Bremen“ wird. Er will auch selbst diese Kratzer nicht mehr abbekommen. Deshalb sieht er die Spieler, mehr denn je, in der Pflicht: „Wir werden natürlich auch noch weitere Gespräche führen. Aber wir werden in diesen Tagen jetzt nicht das Rad neu erfinden können bei der Mannschaft. Es geht darum, jetzt wirklich in diesen Wettkampfmodus zu kommen.“

Nichts anderes fordern die Fans und die Kritiker. Also die da draußen, aus der Werder-Sicht. Aber die, die erschreckend teilnahmslos wirken, sitzen drinnen. Wenn man so will, ist es nun ein Zwei-Fronten-Kampf von Kohfeldt. Hier gegen die Kritiker, die seinen Verein angreifen. Und dort gegen die Fehlerteufel in grün-weißen Trikots, die keine Mühe scheuen, es immer noch schlechter zu machen. Ob er sich angesichts dieser durchaus undankbaren Rolle Gedanken gemacht habe, zurückzutreten, wurde Kohfeldt am Freitag gefragt. Er lieferte eine Antwort, bei der es auf die einschränkenden Details ankommt. „Nein“, er habe einen Rücktritt nicht in Erwägung gezogen. „Weil ich der Meinung bin und dieses Gefühl habe, dass ich für diesen Verein kämpfe und weil ich es auch so sehe, dass ich nach wie vor der Beste bin auf dieser Position - aktuell.“ Was nichts anderes bedeutet, als: VOR dem Freiburg-Spiel. Auch Kohfeldt, vom Ehrgeiz getrieben, wird sich genau ansehen, wie diese Bremer Mannschaft auf all die Kritik der letzten Tage im Spiel reagiert. Er sagte am Freitag auch noch: „Wenn jemand anderes das Gefühl hätte – die Mannschaft, und insbesondere die Geschäftsführung – , dass ich nicht mehr der Beste bin für diese Position, dann weiß ich, dass man mir das auch sagen würde. Dann wäre ich genauso derjenige, der im Sinne von Werder entscheiden würde. Aber dieses Gefühl habe ich nicht.“

Ein größerer Horizont

Es sind komplizierte und offenbar unkontrollierbare Tage für Kohfeldt. Das nagt an ihm, der sich von seiner ganzen Veranlagung her lieber mit dem Streben nach Perfektion beschäftigt als mit absurdem Dilettantismus. Er will Werder in der Liga halten, mit allem, was er dazu beitragen kann. Und er will gleichzeitig nicht als überforderter Abstiegs-Trainer abgestempelt und wahrgenommen werden, der nichts auf die Reihe bekommt. Deshalb machte er nun auch seinem Ärger darüber Luft, dass die Kritiker die viel bessere Saison nach der dramatischen Rettung zu seinem Dienstbeginn einfach mal ignorieren würden. In diesem Kontext gewährte er einen Einblick in seine Gedanken, deren Horizont bei „Deutschlands Trainer des Jahres“ von 2018 ganz offensichtlich weit über den Osterdeich hinausreicht. „Ich habe die letzten Tage und Monate natürlich auch genutzt, um mich mit Kollegen auszutauschen. Auch mit Kollegen, die heute vielleicht sehr exponiert und erfolgreich sind. Und ich glaube, es ist hier bei uns nun echt schon eine lange Zeit mit vielen Niederlagen, die tun immer weh. Aber viele andere Trainer sind auch da durchgegangen, um dann auf einer anderen Ebene große Erfolge zu haben. Das ist schon etwas, wo ich auch für mich sage: Okay, das gehört dazu. Es war klar, dass es nicht durchgehend einfach nur nach oben geht. Und das nehme ich auch mit und versuche auch aus dieser Situation zu lernen.“

„Es muss losgehen!“

Im Moment aber, und das muss man sehr wörtlich nehmen, habe er nicht im Kopf, dass der Punkt schon erreicht sei, wo es für ihn bei Werder nicht mehr weitergehe. „Es gibt natürlich private Dinge, die irgendwann erreicht sein können, da sind wir aber auch noch weit von entfernt“, sagte Kohfeldt vor dem Abflug nach Freiburg, „der entscheidende Punkt ist: Traue ich mir zu, mit dieser Mannschaft die Klasse zu halten? So lange ich dieses Gefühl habe, ist dieser Punkt definitiv nicht gekommen.“ Ob sich dieses Gefühl grundsätzlich ändert, hängt offenbar sehr stark vom Spiel in Freiburg ab. Kohfeldt: „Wir können ja jetzt nicht sagen, lass uns mal schauen, gegen wen wir noch gewinnen können und wann wir gegen die spielen. Freiburg ist gut drauf und spielt eine gute Saison. Wenn wir die individuellen Möglichkeiten betrachten, ist es für uns aber nicht aus der Welt, gegen Freiburg zu gewinnen. Es muss losgehen! Wir haben keine Zeit!“

Es liegt nun allein an den elf Spielern, die Kohfeldt für diese Partie auswählt. Man könnte auch sagen: Vorhang auf!

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