Was Experten zu Werders Finanzsorgen sagen Die Transparenz und ihre Folgen

Werder hat die Finanzprobleme in der Corona-Krise bemerkenswert offen dargelegt. Das sei der richtige Weg, finden Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel und Ex-Bundesliga-Manager Klaus Allofs.
29.04.2020, 10:33
Lesedauer: 4 Min
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Die Transparenz und ihre Folgen
Von Christoph Bähr

Es kommt nicht mehr so häufig vor, dass Werder in der Bundesliga eine Vorreiterrolle einnimmt, doch jetzt haben es die Bremer mal geschafft, wenn auch aus unerfreulichem Anlass. Als erster Bundesligist hat Werder seine großen finanziellen Probleme durch die Auswirkungen der Corona-Krise detailliert offengelegt. Im schlimmsten Fall drohen dem Klub bis Jahresende Einbußen von 45 Millionen Euro. Um die Zahlungsfähigkeit zu sichern, nimmt Werder einen Kredit in zweistelliger Millionenhöhe bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) auf, wie Geschäftsführer Klaus Filbry ankündigte. Werders Transparenz sorgte bundesweit für Aufsehen und viel Lob, wirft aber auch einige Fragen auf.

Ist die Kreditaufnahme sinnvoll?

„Die Kreditaufnahme ist richtig und seriös“, findet Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel. Für Unternehmen, die unverschuldet in Not geraten, seien die Kredite der KfW gedacht. „Werder arbeitet seit einigen Jahren sehr transparent und hat sich einen Vertrauensvorschuss erarbeitet, der bei der Kreditaufnahme hilft“, sagt Hickel. Filbry betonte ausdrücklich, dass die SV Werder Bremen GmbH & Co. KGaA erstmals Schulden macht. Kredite bedienen muss Werder allerdings trotzdem schon länger: Die Bremer Weser-Stadion-Gesellschaft, die zu je 50 Prozent der Stadt Bremen und dem Verein gehört, zahlt die Schulden aus verschiedenen Umbauten ab, die nach aktuellem Stand bei etwa 60 Millionen Euro liegen sollen.

Der KfW-Kredit werde den Klub aber erst einmal nicht einschränken, glaubt Hickel. „Durch die KfW ist die Zinsbelastung durch den SVW finanzierbar. Ich bin mir auch sicher, dass die ersten Jahre tilgungsfrei sind.“ Werder muss somit nicht auf die Schnelle an anderer Stelle Einsparungen vornehmen. „Das ist eine echte Chance“, betont Hickel. "Wenn wir alle zurückkommen aus der Krise, kann die Rückzahlung über viele Jahre gestreckt in Angriff genommen werden.“

War es schlau, die finanziellen Sorgen derart detailliert öffentlich zu machen?

„Werder hat jetzt eine Vorbildfunktion und legt die Karten offen auf den Tisch. Anderen Vereinen geht es ja finanziell in der Corona-Krise ganz ähnlich“, sagt Rudolf Hickel. Auch Klaus Allofs, ehemaliger Geschäftsführer bei Werder und beim VfL Wolfsburg, begrüßt die Transparenz: „Ich denke nicht, dass man sich unnötig arm redet. Dieser offene Umgang mit der Situation ergibt durchaus Sinn. So weiß jeder Bescheid, wie die Lage aussieht.“

Welche Folgen haben die Finanzprobleme für den Transfersommer?

Eines ist klar: Alle wissen jetzt, dass Werder dringend Geld braucht. Da könnten andere Vereine ihre Chance wittern und Spieler zu Schnäppchenpreisen verpflichten wollen. Diese Gefahr sei durchaus vorhanden, sagt Klaus Allofs. „Aber das hängt am Ende immer auch vom Verhandlungsführer ab.“ Werders Sportchef Frank Baumann hat bereits mehrfach betont, dass in Bremen keine Schnäppchen zu machen seien, schon gar nicht im Fall von Milot Rashica, dessen Verkauf in diesem Sommer viel Geld in die Kassen spülen soll.

Selbst mit Einnahmen aus einem Rashica-Transfer dürfte Werder allerdings angesichts der finanziellen Probleme kaum große Ausgaben für Zugänge tätigen können. "Werders Transparenz ist auch ein Signal nach draußen, durch das bei den Fans erst keine außergewöhnlichen Transferwünsche entstehen. Das heißt aber nicht, dass man keine guten Spieler bekommen kann“, betont Allofs. Kreative Lösungen seien gefragt. Erst einmal tat Werder etwas Naheliegendes und schöpfte aus dem Pool der vielen Leihspieler: Mit Romano Schmid und Manuel Mbom kehren zwei hoffnungsvolle Talente an die Weser zurück.

Zwei andere Leihspieler wiederum könnten die Klubkasse arg strapazieren. Sollte Werder erstklassig bleiben, greifen in diesem Sommer Kaufpflichten: Für Leonardo Bittencourt würden sieben Millionen Euro fällig, für Ömer Toprak vier Millionen Euro. Im vergangenen Sommer war es aus Werder-Sicht sinnvoll, diese Ausgaben auf das kommende Jahr zu schieben, weil die Transfereinnahmen fehlten. Von der Corona-Krise konnte damals niemand etwas ahnen, doch sie hat nun den Transfermarkt durcheinandergewirbelt. „Wenn man so offensiv mit seiner Lage umgeht wie Werder, ist vielleicht in diesen Zeiten auch eine gewisse Solidarität bei ausstehenden Zahlungen möglich“, sagt Allofs. Hoffenheim bei Bittencourt und Dortmund bei Toprak könnten Werder entgegenkommen, indem sie weniger Geld fordern oder sich zumindest auf eine Ratenzahlung einlassen. Auf die Personalie Toprak angesprochen hielt sich Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke im Gespräch mit dem TV-Sender Sky allerdings bedeckt: „Ein Bremer Abstieg wäre eine Tragödie, deshalb drücke ich alle Daumen, dass es nicht so kommt. Über alles Weitere sprechen wir, wenn es so weit ist.“

Wie könnte Werder neben der Kreditaufnahme noch Einnahmen generieren?

Rudolf Hickel ist schon länger Befürworter einer Idee, die er auch in der Krise für sinnvoll hält: „Ein Investorenmodell, an dem sich Bremer Unternehmen beteiligen. In der aktuellen Situation würde ich es einen Solidarfonds für den SV Werder nennen. Ganz wichtig ist dabei, dass es ein Modell auf der Finanzierungsseite ist, ohne Einfluss auf das operative Geschäft.“ Der Wirtschaftsexperte gibt allerdings zu, dass so etwas nicht leicht zu realisieren ist. Mit Marco Fuchs (OHB) und Kurt Zech (Zech Group) sitzen zwar zwei wichtige Bremer Unternehmer im Werder-Aufsichtsrat, doch als Investoren wollten sie bislang ebensowenig einsteigen wie andere Firmen.

Wegen finanzieller Hilfe an das Land Bremen heranzutreten, davon rät Hickel ab: "Das kann der finanziell belastete Zwei-Städte-Staat nicht auch noch leisten.“ Bleibt die Frage, ob sich die Werder-Profis, die bereits auf Teile des Gehalts verzichten, noch stärker einbringen könnten. „Dass die Spielergehälter zu hoch sind, sage ich als Sportökonom schon lange, aber man sollte die Corona-Krise nicht nutzen, um Probleme zu lösen, die man schon lange lösen wollte", findet Hickel. "Wenn die Spieler nun auf 50 Prozent des Gehalts verzichten würden, würde es das Problem auch nicht lösen, und irgendwann braucht der Verein besonders motivierte Spieler. “

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