Warum der Chong-Wechsel geklappt hat

Ein Transfer mit besonderen Umständen

Dass Werder einen hochveranlagten Spieler wie Tahith Chong von Manchester United ausleihen konnte, hat seinen Preis. Die Bedingungen haben die Engländer bestimmt, Werder musste diese akzeptieren.
16.08.2020, 16:29
Lesedauer: 4 Min
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Ein Transfer mit besonderen Umständen
Von Christoph Sonnenberg
Ein Transfer mit besonderen Umständen
Nordphoto

Es soll gleich lustig zugegangen sein, als Tahith Chong am Sonnabendabend im Posthotel angekommen ist. Im schwarzen Shuttlebus wurde Chong von Frank Baumann persönlich vom Flughafen München ins rund 175 Kilometer entfernte Zillertal chauffiert. Nach der Ankunft – Chong trug Maske – ging es direkt in den Speisesaal zu den neuen Kollegen. Es sei dort „sehr lebhaft „ gewesen, sagt Baumann. Was auch an der Art des 20-Jährigen liege, offen gegenüber anderen Menschen zu sein. Die kleine Anekdote dient dem Sportchef dazu, den Niederländer ein wenig zu charakterisieren, der auf Leihbasis für ein Jahr von Manchester United zu Werder gewechselt ist. Er übernimmt die Rückennummer 22 von Fin Bartels, der zu Zweitligist Holstein Kiel gewechselt ist.

Interessiert sei er, lernbegierig, was sowohl Baumann als auch Florian Kohfeldt schnell aufgefallen ist in den ersten Gesprächen. Es gebe unterschiedliche Typen an Fußballern, erklärt Baumann. Zum Beispiel solche, die sich umziehen, auf den Trainingsplatz gehen und dort schauen, was sie so erwartet. So einer sei Chong nicht. „Tahith beschäftigt sich mit dem Spiel, mit taktischen Themen.“ Als die Wechselgespräche konkret wurden, hat sich Chong Werder-Spiele angeschaut um sich vorzubereiten auf das was kommen können. „Auch die Art, wie Tahith dem Trainer Fragen zu Abläufen, zu Trainingsarbeit gestellt hat, zeigt, dass er sehr interessiert und lernwillig ist“, sagt Baumann.

Chong ist auch ein Sprachtalent

Alles in allem hört sich das, was Baumann nach dem ersten Training mit Chong am Sonntagvormittag über den Neuzugang aus England sagt, nach einem Spieler an, der sich sehr zielstrebig auf seine neue Aufgabe vorbereitet hat. Ach so: Deutsch könne er als Niederländer zwar nicht, aber laut Baumann sei Chong ein Sprachtalent, das sich auch dieser Aufgabe umgehend zuwenden werde.

Dass Werder einen derart hochveranlagten Spieler nach Bremen lotsen konnte, verdient Anerkennung, da es keineswegs selbstverständlich ist. Bis zuletzt bestand die Sorge, dass andere, renommiertere oder finanzstärkere Klubs noch dazwischengrätschen und das Geschäft kaputt machen. Das ist nicht passiert, am Sonnabend wurden alle Vertragsdetails geklärt und die Papiere unterschrieben.

Manchester glaubt an den Spieler

Dass es beim Flügelspieler um ein Talent geht, an das man nicht zu hohe Erwartungen stellen solle, betont Baumann. „Es kann durchaus sein, dass er direkt spielt. Qualität hat er schon gezeigt.“ Einerseits. Andererseits „ist es uns wichtig darauf hinzuweisen, dass er eine gewisse Anlaufzeit braucht, um sich einzugewöhnen, in einen Rhythmus zu kommen“, sagt Baumann. Neues Land, neue Sprache, neue Liga, neuer Fußball, es gibt einiges, woran er sich gewöhnen muss. Werder bleibt aber nur ein Jahr, um seine Fähigkeiten auszubauen und von ihnen zu profitieren. Ein Zeichen für die Umstände, unter denen dieser Transfer gemacht wurde.

Die favorisierte Lösung war die Leihe über ein Jahr ohne Kaufoption nicht, das lässt sich im Gespräch mit Baumann heraushören.Die Rahmenbedingungen hat nahezu komplett Manchester United vorgegeben. Das betrifft die fehlende Kaufoption ebenso wie die Laufzeit. „Sie glauben an den Spieler“, das sei in den Verhandlungen mit den Verantwortlichen von Manchester immer zu spüren gewesen. Ein Verkauf stand deshalb nicht zur Disposition. Je nach Chongs Entwicklung bei Werder und der Planungen des Kaders in Manchester für die übernächste Saison, kann er im nächsten Jahr bereits wieder eine Option bei United sein. „Das wollten sie sich offen lassen“, sagt Baumann und fügt trocken an: „Das müssen wir akzeptieren.“

Kein Kauf-Transfer bei Werder in diesem Sommer

Es ist die Anpassung an die Gegebenheiten bei Werder, die in diesem Jahr noch enger abgesteckt sind als ohnehin. Die Folgen der Corona-Krise haben den finanziellen Druck erhöht, und zwar deutlich. Es wird nach Informationen des WESER-KURIER in dieser Transferperiode keinen einzigen Spieler geben, für den Werder eine Ablösesumme zahlt. Allein Wechsel ohne Ablöse oder Leihgeschäfte, für die eine Gebühr gezahlt wird, wird es geben. Das soll auch für den Fall gelten, dass Milot Rashica verkauft werden kann.

Das Geschäftsmodell, das bei Chong zum Einsatz kommt, könnte sich also wiederholen. „Man muss die finanziellen Möglichkeiten berücksichtigen“, sagt Baumann und meint damit seine Möglichkeiten. Es sei eben kein Wunschkonzert: „Man hat nicht auf alle Spieler zu 100 Prozent Zugriff.“ Statt zu kaufen müsse geliehen werden, was im Gesamtpaket dann deutlich kostengünstiger sei: „Deswegen kann man sich den einen oder anderen ausgeliehenen Spieler leisten.“

Das Beispiel Friedl zeigt, was möglich ist

Mehr ist nicht drin. Zumindest aktuell nicht. Wer weiß, wie das in den kommenden Jahren ausschaut. Das denken sie sich auch bei Werder. Nur weil Manchester jetzt nicht bereit ist, Chong längerfristig nach Bremen zu verleihen, muss das ja im nächsten Jahr nicht genauso sein. Ein Klub, der über Transfers in der Größenordnung von über 100 Millionen Euro nachdenkt, hat womöglich auch in der übernächsten Saison keinen Platz für einen Spieler der Kategorie Chong. Und dann käme Werder vielleicht wieder ins Spiel.

„Was sich nach einem Jahr aus der Leihe entwickelt“, sagt Baumann und lässt den Satz im Raum stehen, bevor er hinzufügt: „Da ist alles möglich.“ Bei Marco Friedl sei das Leihgeschäft im Januar 2018 zunächst auch ohne Kaufoption vereinbart worden. Vor einem Jahr änderte der FC Bayern seine Meinung, weil sie in ihrem Starensemble keine Verwendung für Friedl hatten. Werder kaufte den Verteidiger. „Da haben wir gesehen, dass aus einem Leihgeschäft irgendwann auch mal ein fester Transfer entstehen kann,“ sagt Baumann. Oder eine weitere Leihe. „Da gibt es verschiedene Optionen.“

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