Wie sich die Mentalität verändert hat

Werder wehrt sich wieder

Irgendetwas muss nach der 1:4-Pleite gegen Leverkusen bei Werder passiert sein. Gegen Freiburg und Gladbach traten die Bremer viel selbstbewusster auf. Coach Florian Kohfeldt verweist auf zahlreiche Gespräche.
28.05.2020, 11:26
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Werder wehrt sich wieder
Von Christoph Bähr
Werder wehrt sich wieder

Eine Szene, die zeigt, dass Werder gegen Gladbach sehr entschlossen zur Sache ging: Maximilian Eggestein lässt sich im Zweikampf mit Ramy Bensebaini nicht abdrängen.

nordphoto

Gegen Ende der ersten Halbzeit reichte es Oliver Neuville. Gladbachs Co-Trainer hatte bis dahin ganz alleine in einer Sitzreihe auf der Südtribüne des Weserstadions gesessen und sich still Notizen gemacht. Jetzt aber zog er seinen Mundschutz kurz zur Seite und rief in Richtung der Bremer Ersatzspieler: „Hört doch mal auf! Ihr reklamiert bei jeder Szene.“ Bei Neuville und einigen anderen Gladbachern kam das lautstarke Engagement der gegnerischen Reservisten am Dienstagabend naturgemäß nicht so gut an. Für Werder dagegen ist diese Anfeuerung von außen, die schon in Freiburg zu hören war, ein wichtiges Zeichen dafür, dass sich in der Mannschaft etwas getan haben muss.

Beim ersten Geisterspiel gegen Leverkusen (1:4) war noch kaum etwas zu hören von der Bremer Bank, während die Mannschaft auf dem Platz weitestgehend wehrlos eine weitere Niederlage kassierte. In Freiburg (1:0) und gegen Gladbach (0:0) wehrte sich Werder plötzlich wieder, auf und neben dem Platz. „Wir haben darüber gesprochen, aber das ist keine Anordnung von mir. Alle eine Kutte an und auf die Ersatzbank – das funktioniert nicht, das kommt aus der Mannschaft heraus“, sagte Kohfeldt über das Mitfiebern der Ersatzspieler und Betreuer. „Wenn sonst keiner da ist, helfen auch zehn, elf Leute. Ich finde das gut, weil es kein Pöbeln ist, sondern eine positive Ansprache an die Mitspieler.“

Hellwach bei Standards

Am wichtigsten war aber natürlich das Verhalten der Spieler auf dem Platz, die in den jüngsten zwei Partien eine ganz andere Entschlossenheit demonstrierten als im Großteil der bisherigen Saison. Nach Ballverlusten drehten sie nicht ab, sondern setzten sofort nach. Sie trauten sich Einzelaktionen zu und hielten in den Zweikämpfen energisch dagegen. Bester Beweis hierfür: Werder hat gegen Freiburg und Gladbach nach gegnerischen Standardsituationen kaum etwas zugelassen, zuvor hatten die Bremer unfassbare 18 Gegentore nach ruhenden Bällen kassiert. Das Verteidigen dieser Situationen hat sehr viel mit Willen, Konzentration und Durchsetzungskraft zu tun. All diese Attribute fehlten Werder bislang fast immer, waren nun aber zweimal vorhanden. Was also ist vor dem Freiburg-Spiel passiert?

Florian Kohfeldt betonte, dass er das Leverkusen-Spiel nicht so negativ bewertet habe wie viele Experten, die danach teilweise sehr deutliche Kritik an der Mannschaft und an der sportlichen Führung äußerten. Natürlich habe es aber nach der 1:4-Pleite zum Re-Start der Bundesliga Gespräche mit den Spielern gegeben. „Wir haben darauf hingewiesen, dass wir 101 Prozent brauchen in Sachen Intensität, Leidenschaft, Reinschmeißen in den Ball und Sprints zurück“, schilderte der Werder-Trainer. Und die Spieler haben offenbar verstanden, worum es geht. Diesen Eindruck erweckten sie zumindest gegen Freiburg und Gladbach.

So ganz traut Kohfeldt dem Ganzen allerdings noch nicht, es gab einfach zu viele Rückschläge in dieser verkorksten Spielzeit. „Ich kann nicht sicher sein, dass es so weitergeht“, sagte der Coach. „Ich kann nur festhalten, dass wir keine Zeit haben, wieder eine Formdelle zu bekommen.“ Daran besteht kein Zweifel. Werder ist schließlich weiterhin Vorletzter und sieben Spiele bleiben noch, um den Klassenerhalt oder zumindest den Sprung auf den Relegationsplatz zu schaffen. „Das sind sieben Finals. Wir müssen komplett in diesem Tunnel bleiben. Wir dürfen nicht ansatzweise in eine Phase kommen, in der es weniger wird“, appellierte Kohfeldt an die Spieler.

Vier Wochen lang im Tunnel

Seine Hoffnung auf eine nachhaltige Wende wird genährt vom körperlichen Zustand der Mannschaft, der sich während der Corona-Zwangspause ganz offensichtlich verbessert hat. Gegen Freiburg und Leverkusen lief Werder insgesamt jeweils mehr als 123 Kilometer, gegen Gladbach waren es zwar nur „nur“ rund 117 Kilometer, doch das waren immer noch drei Kilometer mehr als beim Gegner. „Wir sind körperlich auf einem anderen Niveau und können dadurch unser Spiel besser spielen als vorher in dieser Saison“, unterstrich Kohfeldt.

Er hat seine Spieler darauf eingeschworen, nun vier Wochen lang alles aus sich herauszuholen, um dann als Erstligist in die Sommerpause gehen zu können. „Es könnte ein Vorteil für uns sein, dass wir wenig Zeit zum Nachdenken haben. Über die gesamte Saison kann man 101 Prozent nicht dauerhaft rauskitzeln, aber jetzt sind es vier Wochen – der Fokus liegt in der inneren Kommunikation nur darauf.“ Die ersten drei Geisterspiele innerhalb von acht Tagen habe seine Mannschaft gut verkraftet. „Und wir werden auch gegen Schalke physisch voll da sein“, versprach Kohfeldt.

Es ist eine Mischung aus drei Komponenten, auf die Werders Coach im Saisonendspurt baut: „Mentalität und Physis plus das eine oder andere Fußballerische, das mit dem Vertrauen wiederkommt.“ Gegen Freiburg zitterte sich Werder in der Schlussphase noch zum 1:0-Sieg, gegen Gladbach waren die Bremer dann in den letzten Minuten überlegen und drängten auf den Siegtreffer. „In Freiburg haben wir am Ende nicht mehr aus den Positionen heraus verteidigt, dadurch fehlten nach Ballgewinnen die Anspielstationen. Das war gegen Gladbach anders. So ist ein Spiel auf Augenhöhe entstanden, was sich im Vorfeld wohl nicht viele vorstellen konnten“, sagte Kohfeldt in einem kurzen Anflug von Genugtuung, den er aber schnell bekämpfte. Werders Trainer ist zuletzt vorsichtiger geworden und hütet sich vor Versprechungen, die dann womöglich doch nicht eintreten. Nach dem Gladbach-Spiel sagte er also: „Wenn wir diese physische und mentale Leistung weiterhin bringen, bin ich mir sicher, dass wir punkten werden und dass es reichen wird.“

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