Vergleiche mit der Vorsaison sind unerwünscht Bloß nicht zurückblicken

Werders derzeitige Lage erinnert in mehreren Punkten fatal an die vergangene Saison, als nach dem zehnten Spieltag der Absturz begann. Clemens Fritz will von solchen Vergleichen aber nichts wissen.
09.12.2020, 14:56
Lesedauer: 3 Min
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Von Christoph Bähr und Christoph Sonnenberg

Clemens Fritz tritt in Mediengesprächen zumeist ruhig und sachlich auf. Kurzzeitig geriet Werders Leiter Profifußball und Scouting am Mittwoch jedoch in Rage. Ein waschechter Wutanfall à la Rudi Völler war es nicht, aber als es um Parallelen zwischen der vergangenen Katastrophen-Saison und der aktuellen Spielzeit ging, hob Fritz die Stimme und wurde etwas lauter: „Immer dieser Rückblick! Ich kann es nicht mehr hören, ehrlich gesagt. Ich verstehe, dass Ihr Journalisten immer etwas sucht. Aber intern machen wir das nicht. Wir sollten nicht immer zurückschauen auf die vergangene Saison. Was bringt uns das denn, wenn wir immer über die Vergangenheit sprechen? Das zieht einen nur runter.“

Bei allem Frustpotenzial, das der Blick zurück beinhaltet, können momentan allerdings auch viele Fans nicht anders und schauen in die Vergangenheit. Es gibt eben gewisse Parallelen, die sich nicht leugnen lassen. Das fängt bei den Zahlen an. Elf Punkte, eine Tordifferenz von -4, Platz zwölf – so stand Werder in der Vorsaison nach zehn Spielen da. Elf Punkte, eine Tordifferenz von -3, Platz 13 – so steht Werder aktuell nach zehn Partien da. Und dazu kommen noch die Unentschieden. Fünfmal in Folge spielte Werder in der Vorsaison bis zum zehnten Spieltag remis. Dann folgten zwei Niederlagen gegen Gladbach und Schalke, die Werders Absturz einleiteten.

Erst die Unentschieden, dann der Absturz

Aktuell sieht es ganz ähnlich aus. Die Bremer spielten fünfmal in Serie 1:1, ehe sie dann zuletzt gegen Wolfsburg und Stuttgart verloren. Setzt nun wieder der freie Fall ein, wie im Dezember 2019? Die Angst davor ist zumindest im Werder-Umfeld groß. Bei Clemens Fritz dagegen ist die Sorge vor einem unliebsamen Déjà-vu nicht besonders ausgeprägt: "Man spürt, dass die Mannschaft nicht zufrieden ist. Man spürt auch diese Energie, das verändern zu wollen. Der Zusammenhalt in der Mannschaft ist da. Die Intensität und der Kampf um die Plätze sind im Training sehr hoch. Das alles stimmt mich positiv.“ Der auffälligste Unterschied zur Vorsaison ist die Verletzungsmisere, die im vergangenen Jahr ganz andere Dimensionen erreichte. So viele Ausfälle wie damals gibt es aktuell zwar nicht, doch mit Niclas Füllkrug und Milot Rashica fehlen zwei wichtige Offensivkräfte lange. „Die Verletzungen tun uns weh, keine Frage“, sagte Fritz. „Trotzdem sind wir ein Stück weiter, was den Konkurrenzkampf in der Mannschaft angeht. Es sind noch Möglichkeiten da.“

Bei der jüngsten 1:2-Niederlage gegen Stuttgart sei nicht alles schlecht gewesen, betonte Fritz. „Wir waren zunächst gut drin im Spiel, waren kompakt und haben dem Gegner kaum Raum gelassen. Allerdings müssen die Intensität und Zweikampfschärfe in jedem Moment gegeben sein. Was das Defensivverhalten angeht, hatten wir die letzte Konsequenz schon in Wolfsburg nicht. Wir müssen die Basics auf den Platz bringen, das fordern wir immer wieder ein.“ Auch wenn es Fritz nicht gefallen dürfte: Schon in der vergangenen Saison begann Werders Absturz mit Spielen, in denen die Bremer nicht unbedingt schlechter waren als ihr Gegner, aber in entscheidenden Situationen patzten - so wie zuletzt gegen Wolfsburg und Stuttgart.

Friedls Aussage weckt Erinnerungen

Erschwerend kam vor einem Jahr hinzu, dass der Ernst der Lage erst spät erkannt wurde. Nach sieben Spielen ohne Sieg fand Davy Klaassen damals noch, dass Werders Mannschaft zu gut für den Abstiegskampf sei. Nach der Niederlage gegen Stuttgart sagte Marco Friedl kürzlich: „Wir wissen, dass wir deutlich mehr Qualität haben als dass wir gegen den Abstieg spielen.“ Eine Aussage, die zwangsläufig negative Erinnerungen weckt. Clemens Fritz wollte sie jedoch richtig eingeordnet wissen: „Marco hat auch sehr kritische Worte gesagt, aber im Endeffekt bleibt diese eine Aussage stehen.“

Den Abstiegskampf ausrufen wollte der Leiter Profifußball zwar nicht, doch er versicherte, dass sich niemand bei Werder zu sicher sei. Fritz: „Das Entscheidende ist, dass man sich nie auf seine Qualität verlassen sollte. Um die Qualität auf den Platz zu bringen, musst du erst einmal die Basics abrufen. Wir wissen, dass wir spielerische Qualität verloren und die Mannschaft verjüngt haben. Es wird Höhen und Tiefen geben, aber wir sind überzeugt von dieser Mannschaft. Wir haben nicht die Qualität, die wir vor zehn Jahren hatten, als auch mal 95 Prozent ausgereicht haben, um ein Spiel zu gewinnen. Jeder Einzelne weiß, dass wir immer ans Limit gehen müssen.“ Die Mannschaft wolle es unbedingt besser machen als zuletzt und habe natürlich aus der Vorsaison gelernt, unterstrich Fritz. „Trotzdem schauen wir nicht zurück, sondern wollen nach vorne blicken.“ Bei vielen Fans allerdings werden aktuell unweigerlich böse Erinnerungen an die vergangene Saison wach, daran können verbale Beteuerungen ohnehin nichts ändern, sondern nur Siege auf dem Platz.

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