Wer ersetzt den verletzten Füllkrug?

Die große Lücke im Sturm

Mit Niclas Füllkrug fällt Werders bester Torjäger aus, und auch sein Stellvertreter Davie Selke fehlt wohl vorerst. In der Offensive muss sich Trainer Florian Kohfeldt daher etwas Neues einfallen lassen.
27.10.2020, 17:22
Lesedauer: 4 Min
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Die große Lücke im Sturm
Von Christoph Bähr

Als Florian Kohfeldt kurz vor dem Spiel gegen Hoffenheim mit der Frage konfrontiert wurde, wie abhängig Werder vom besten Torschützen Niclas Füllkrug ist, da ahnte er noch nicht, welche Relevanz dieses Thema in Kürze erhalten sollte. Kohfeldt sagte am Sky-Mikrofon das, was ein Trainer eben so sagt bei solch einer Frage. Dass es auch andere gute Spieler in der Mannschaft gebe. Dass Füllkrug davon profitiere, dass andere für ihn arbeiten. „Eine Abhängigkeit von einem Spieler ist grundsätzlich gefährlich“, betonte er. Schneller als gedacht wird sich nun zeigen, wie abhängig Werder tatsächlich von Füllkrug ist. Noch in der ersten Halbzeit des Hoffenheim-Spiels musste der Stürmer verletzt ausgewechselt werden. Inzwischen ist klar, dass Füllkrug wegen einer Muskelverletzung in der Wade mindestens die kommenden zwei Partien in Frankfurt und gegen Köln verpasst (wir berichteten).

„Er wird erst nach der Länderspielpause, vielleicht sogar erst Ende November wieder ein Kandidat für den Kader sein“, sagte Kohfeldt. Um zu erahnen, was das für Werder bedeutet, reicht schon ein kurzer Blick auf die Statistik. Sieben Saisontore haben die Bremer bislang erzielt, vier davon gehen auf Füllkrugs Konto. Beim 3:1-Sieg gegen Schalke traf der 27-Jährige nach einer Ecke, nach einer Freistoßflanke und per Strafstoß. Das 1:1 in Freiburg sicherte Füllkrug mit einem Elfmetertor. Vier der acht Punkte auf dem Werder-Konto kamen also durch Füllkrug-Treffer zustande. Da liegt die Frage nahe: Wer soll jetzt die Tore schießen?

Auch Vorlagengeber Augustinsson fehlt

Davie Selke wird diese Aufgabe wohl nicht übernehmen können. Eigentlich ist er als Füllkrugs Stellvertreter im Sturmzentrum eingeplant, doch den 25-Jährigen plagen Leistenprobleme. Bei Werder gehen sie momentan nicht davon aus, dass Selke, der bisher ein Saisontor erzielte, bis zur Partie in Frankfurt wieder richtig fit ist. Zusätzlich fällt mit Ludwig Augustinsson (Oberschenkelverletzung) auch noch der bislang beste Torvorbereiter voraussichtlich weiterhin aus. Der Linksverteidiger bereitete Selkes Treffer gegen Hertha vor und legte Füllkrug gegen Schalke ein Tor auf.

Ohne Füllkrugs Abschlussstärke und Augustinssons Flanken muss Werder im Offensivspiel ganz neue Ideen entwickeln. Das wird nicht einfach, denn trotz der guten Ausbeute von acht Punkten offenbarte die Mannschaft bisher einige Mängel im Spiel nach vorne. Oft fehlt es an Tempo, Kreativität und Unberechenbarkeit. Und wenn es im Spielaufbau mal wieder hakte, schlugen die Bremer gerne einen langen Ball auf den kopfballstarken Niclas Füllkrug. So entstand beispielsweise Maximilian Eggesteins Treffer zum 1:0 gegen Hoffenheim.

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Ohne Füllkrug und Selke wird wohl Josh Sargent die Position im Sturmzentrum einnehmen, der zuletzt eher als hängende Spitze agierte. Der 20-Jährige erzielte zwar ein Kopfballtor im Pokal gegen Jena, doch im Luftzweikampf verfügt er nicht über Füllkrugs Durchsetzungsstärke. Werder sollte also versuchen, sich häufiger auch nach vorne zu kombinieren. Das würde Kohfeldts Idee vom Fußball ohnehin eher entsprechen. Der Coach erhofft sich noch mehr dominante Spielphasen von seiner Mannschaft und konstatierte nach dem Remis gegen Hoffenheim: „Wir werden wieder schwieriger zu verteidigen im Spiel mit dem Ball. Langsam geht es dahin, dass wir uns wieder Optionen erarbeiten. Jetzt müssen wir an den Entscheidungen arbeiten.“

Um den Fokus stärker auf das Spielerische zu legen, sind Spieler vonnöten, die ihre Stärken in diesem Bereich besitzen. Der dribbelstarke Romano Schmid wäre solch ein Kandidat, besitzt bei Kohfeldt bislang aber wenig Kredit. Füllkrugs Ausfall könnte schon eher die Chance für Tahith Chong sein, der mit seiner Schnelligkeit ein neues Element ins Angriffsspiel bringen würde. In den Testspielen überzeugte die Leihgabe von Manchester United zumeist, in der Liga kam Chong nur gegen Hertha über längere Zeit zum Einsatz. In Frankfurt könnte nun die zweite echte Bewährungsprobe für den 20-Jährigen folgen. Kohfeldt lobte Chong bereits nach dessen Kurzeinsatz gegen Hoffenheim: „Er hatte ein, zwei Situationen gegen den Ball, in denen er uns mit seinem Tempo geholfen hat.“

Rashica muss erst fit werden

Mit dem klassischen Flügelangreifer Chong müsste Werder wohl auf ein System mit drei Stürmern umstellen. Eine Flügelzange mit Chong auf der rechten Seite und Milot Rashica auf der linken Seite wird es jedoch wohl nicht geben. Die linke Offensivposition könnte eher Leonardo Bittencourt bekleiden. Rashica könne nach seiner Knieprellung aktuell nur für maximal 30 Minuten eingeplant werden, sagte Kohfeldt. „Nach der Länderspielpause soll er in der Form sein, dass er uns von Beginn an oder über einen längeren Zeitraum helfen kann." Erst einmal schiebt Rashica Sonderschichten, um körperlich wieder den Anschluss zu finden. Am Montag absolvierte der 24-Jährige, dessen angestrebter Transfer in der abgelaufenen Wechselperiode gescheitert war, mehrere Extraläufe nach dem Training. Neben der Frage nach der körperlichen Fitness steht bei ihm außerdem die Frage im Raum, wie motiviert er ist. Nach seiner Einwechslung gegen Freiburg fiel er durch einen lustlos wirkenden Auftritt negativ auf.

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Die Lücke in der Offensive, die durch Füllkrugs Ausfall entstanden ist, kann Rashica kurzfristig ohnehin nicht füllen. Gegen Hoffenheim war es Yuya Osako, der für den verletzten Füllkrug eingewechselt wurde und dessen Position im Angriff einnahm. Osako konnte sich kaum einmal gegen seine Gegenspieler durchsetzen. Seine einzige Chance vergab er überhastet mit einem harmlosen Weitschuss. „Da hätte Yuya ruhiger bleiben müssen“, sagte Kohfeldt. Kurz vor Schluss zog sich Osako noch eine Knieprellung zu. Es ist gut möglich, dass er gegen Frankfurt trotzdem einsatzbereit ist. Dass der Japaner der Werder-Offensive neuen Schwung verleihen kann, erscheint momentan aber schwer vorstellbar.

Nick Woltemade konnte ebenfalls keine Pluspunkte sammeln, als er gegen Freiburg in der Startelf stand. Vielleicht sorgen die Ausfälle in Werders Offensive nun dafür, dass der 18-Jährige eine weitere Chance bekommt. Woltemade ist gelernter Stürmer, wird von Kohfeldt aber eher als offensiver Mittelfeldspieler gesehen. Einen echten Mittelstürmer, der momentan fast nach Belieben trifft, gibt es übrigens auch noch in Werders U 23. Eren Dinkci schoss in der Regionalliga bereits sieben Saisontore. Seine Berufung in den Kader wäre allerdings eine echte Überraschung.

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