Wie Werder das Hoffenheim-Spiel angeht

Zurück zur Lockerheit

Nach dem positiven Corona-Test bei Felix Agu begannen für Werder turbulente Tage. Florian Kohfeldt spricht über diese schwierige Zeit und erklärt, wie der Fokus auf das Hoffenheim-Spiel gerichtet werden kann.
24.10.2020, 17:40
Lesedauer: 4 Min
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Zurück zur Lockerheit
Von Christoph Bähr

Die vergangene Werder-Woche war vieles, aber sicher nicht normal: ein positiver Corona-Test, Quarantäne, ein kurzfristig abgesagtes Training am Donnerstag. Plötzlich lief alles anders als geplant, sogar im Hause Kohfeldt. „Ich habe das Mittagessen gekocht, das ist an einem Donnerstag nicht üblich bei uns zu Hause“, erzählte Florian Kohfeldt und verriet noch, dass er seiner Familie ein Bauernfrühstück zubereitete: „Nudeln, Kartoffeln, Gemüse, grobe Mettwurst und dann ein Ei drüber schlagen. Hervorragend!“ Werders Trainer bemühte sich während der Pressekonferenz am Sonnabend darum, in einer angespannten Gesamtsituation eine Portion Lockerheit auszustrahlen, machte aber auch keinen Hehl daraus, dass die vergangenen Tage ihn durchaus mitgenommen haben: „Am Mittwoch haben wir alle einen kleinen Schock bekommen, als spät am Abend das Testergebnis kam.“

Mit Felix Agu wurde erstmals ein Werder-Profi positiv auf das Coronavirus getestet. Auf einmal trat die Vorbereitung auf das Heimspiel gegen Hoffenheim am Sonntag (18 Uhr) in den Hintergrund. Die Verantwortlichen um Kohfeldt und Sportchef Frank Baumann berieten sich sofort mit Mannschaftsarzt Daniel Hellermann. Es ging nicht mehr um einen Matchplan oder die Taktik, sondern um gesundheitliche Fragen. „Zuerst haben wir natürlich mit Felix gesprochen“, schilderte Kohfeldt. „Er gehört keiner Risikogruppe an, trotzdem ist das mental nicht so einfach. Ich war nach dem Gespräch erst einmal beruhigt, dass er es gut weggesteckt hat. Ihm ist auch überhaupt kein Vorwurf zu machen. Er hat sich vorbildhaft verhalten. Das Virus kann jeden treffen und lauert überall.“

Tahith Chong und ein Mitglied des Funktionsteams mussten ebenfalls in Quarantäne geschickt werden, weil sie vom Gesundheitsamt als Kontaktpersonen der Kategorie 1 eingestuft wurden. Schließlich informierte Kohfeldt die restlichen Spieler darüber, dass sie sich vorsorglich in häusliche Quarantäne begeben sollen. Die Gefahr weiterer Ansteckungen sollte dadurch minimiert werden. „Und es ging auch um unsere Vorbildfunktion“, unterstrich er.

Matchplan-Sitzung als Videokonferenz

Als das Mittagessen am Donnerstag gekocht und verspeist war, widmete sich der Coach in häuslicher Quarantäne dann wieder dem Sportlichen: In einer Videokonferenz mit seinem Trainerteam erarbeitete er den Matchplan. Zudem führte Kohfeldt viele Telefongespräche mit seinen Spielern und Mitarbeitern. „Ein, zwei Handyakkus hat mich das gekostet“, scherzte er. Erst am Freitag, nachdem eine weitere Testreihe durchweg negative Ergebnisse erbracht hatte, kehrte wieder so etwas wie Normalität ein am Osterdeich. „Nach den negativen Ergebnissen war eine gewisse Erleichterung in der Mannschaft spürbar, bei mir persönlich auch“, berichtete Kohfeldt. „Man macht sich natürlich Gedanken. Wenn es einen ganz unmittelbar betrifft, ist es schon etwas anderes.“

Rückblickend hielt er fest: „Wir hatten zwei unruhige Tage und haben einen Trainingstag verloren, aber darüber sollte man nicht klagen. Das passiert in dieser Zeit anderen Vereinen auch. Das ist keine Ausrede, wenn es am Sonntag nicht laufen sollte wie gewünscht.“ Dazu hat sich die Personallage unerwartet etwas entspannt, denn Chong fehlt doch nicht gegen Hoffenheim. Da Agu mittlerweile leichte Symptome einer Covid-19-Erkrankung zeigt, verringerte sich der Betrachtungszeitraum der Kontaktpersonen gemäß den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts auf 48 Stunden, wie Werder vom Gesundheitsamt erfuhr. Wäre Agu symptomfrei geblieben, hätte diese Zeitspanne sieben Tage betragen. Chong steht somit im Kader, seine Startelfchancen sind aber wohl eher gering. Kohfeldt: „Er hat am Freitag die taktische Einheit zum Spiel nicht mitgemacht. Das ist nie besonders gut.“

Gegner schwer einzuschätzen

Der Fokus liegt nun also wieder voll auf dem Hoffenheim-Spiel. Werder trifft auf einen Gegner, der ebenfalls Corona-Sorgen hat. Andrej Kramaric, Kasim Adams und Pavel Kaderabek befinden sich in Quarantäne. „Kramaric war der herausragende Einzelspieler in den ersten Spielen. Natürlich ist es ein Vorteil für uns, dass er nicht dabei ist. Trotzdem haben sie sehr viel Qualität im vorderen Bereich“, sagte Kohfeldt. Er beschrieb den Gegner als Mannschaft, die „viele Bälle in die Tiefe hinter die Kette spielt“. Ein ganz klares Bild gebe Hoffenheim allerdings noch nicht ab, was auch daran liegt, dass Trainer Sebastian Hoeneß ganz neu in der Bundesliga ist. Es sei ein Rätsel, wie er die Partie gegen Werder angehe, nachdem Hoffenheim erst am Donnerstag in der Europa League gegen Belgrad (2:0) im Einsatz war, sagte Kohfeldt. „Soll seine Mannschaft erst einmal kompakt stehen oder von Anfang an Vollgas geben? Das kann man bei ihm noch nicht sagen.“

Wie Werder auftritt, ist auch nie ganz klar. Kohfeldt änderte mehrmals die Grundordnung, und in jedem Spiel gab es gute, aber auch schlechte Phasen. „Die guten Phasen müssen wir ausbauen“, forderte Kohfeldt. „Wir wollen Phasen haben, in denen wir die Spielkontrolle haben. Daran haben wir gearbeitet.“ Von dem Saisonziel, attraktiven Ballbesitzfußball zu bieten, ist Werder trotz respektabler sieben Punkte ein gutes Stück entfernt. Bisher hatten die Bremer den Ball stets seltener als der Gegner. Kohfeldt: „Wir können auch mit 30 Prozent Ballbesitz ein gutes, attraktives Spiel gemacht haben. Im Normalfall brauchst du dafür aber mehr Ballbesitz als wir aktuell haben.“ Was er sich für das Hoffenheim-Spiel wünscht, war damit klar: „80 Prozent Ballbesitz, totale Dominanz, 4:0“, sagte Kohfeldt und sorgte ein weiteres Mal für lockere Stimmung, ehe er anfügte: „Was realistisch ist, steht auf einem anderen Blatt.“

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