Werders Pläne nach Rashicas Abgang Diese eine bange Frage: Wer schießt künftig die Tore?

Max Kruse ist weg, Milot Rashica und Claudio Pizarro sind bald weg. In zwei Transfersommern verliert Werder dadurch insgesamt 70 Scorerpunkte. Also stellt sich die Frage: Wer soll künftig die Tore schießen?
26.04.2020, 17:27
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer und Stefan Rommel

Die Erinnerungen an Bundesligaspiele fühlen sich ohnehin schon an, als wären sie eine kleine Ewigkeit her. Will man sich aber an das letzte Stürmertor erinnern, das Werder in der Liga im Weserstadion gelang, muss man nicht nur Wochen oder Monate, sondern sogar ein Kalenderjahr zurückgehen. Denn in der Rückrunde war der Mannschaft daheim gegen Hoffenheim (0:3), Union (0:2) und Dortmund (0:2) in drei Spielen gar kein Treffer gelungen. Auch im Dezember gab es keinen grün-weißen Torjubel im Weserstadion, nicht gegen Paderborn (0:1), nicht gegen Mainz (0:5). Und so muss man tatsächlich bis zum 23. November 2019 zurückgehen, um in der Bundesliga ein Heimtor des SV Werder zu finden. Erzielt wurde es immerhin von einem Angreifer, aber es hatte keinen Wert: Es war der Ehrentreffer bei der 1:2-Niederlage am zwölften Spieltag gegen den FC Schalke 04, Yuya Osako traf in der 80. Spielminute. Zwei Tage später öffnete in Bremen der Weihnachtsmarkt.

So gesehen ist es nur auf den ersten Blick ein schönes Geschenk für Werder, dass Milot Rashica den Verein in diesem Sommer für eine hohe Ablöse verlässt und künftig nach Lage der Dinge für RB Leipzig seine Tore schießt, auch wenn sein neuer Verein in Zeiten der Corona-Diskussionen einen solchen Millionen-Transfer noch nicht bestätigen möchte. Denn mit sieben Toren in der Bundesliga und drei Treffern im DFB-Pokal ist Rashica der erfolgreichste Bremer Stürmer dieser Saison. Wie schon im Vorjahr verliert Werder seinen Topscorer, damals ging Max Kruse nach zwölf Pflichtspieltoren und 14 Vorlagen in seiner letzten Bremer Saison. Und mit Claudio Pizarro hört nun auch die Sturmlegende schlechthin auf, der Peruaner kam in den vergangenen beiden Spielzeiten immerhin noch auf (bisher) neun Pflichtspieltore und zwei Assists. Addiert man die Werte dieser drei Angreifer aus ihren letzten beiden Saisons im Werder-Trikot, ergibt das 43 Pflichtspieltore und 27 Torvorlagen. 70 Scorerpunkte, die Werder allein durch diese Spieler binnen zwei Transfersommern verliert.

Konnten die Fans nach Kruses Abgang noch auf Rashica hoffen, so stellt sich jetzt die bange Frage: Wer soll in der nächsten Saison für Werder die Tore schießen? Der Blick in den noch vorhandenen Kader zeigt: Ein vielversprechendes Grundgerüst ist im Angriff zwar noch vorhanden, ohne gezielte externe ­Verstärkungen und weniger Pech bei Verletzungen dürfte es aber schwer werden, genügend Tore zu erzielen – völlig egal in welcher Liga.

Passen Selke und Füllkrug zusammen?

Die beiden besten Stürmer bei Werder würden im Falle des Klassenerhalts Niclas Füllkrug und Davie Selke heißen. Aber die beiden robusten Brecher gemeinsam im Angriff? Das wäre kompliziert. Werders bevorzugte Anordnung in der Offensive ist die mit zwei Flügelspielern und einem zentralen Angreifer. Wobei die Flügelspieler stark im Eins-gegen-eins sein müssen, während die Spitze Zuspiele festmachen und verteilen soll. Füllkrug und Selke sind keine Flügelspieler, die neue Spielsituationen über ein Dribbling erzwingen. Als Wandspieler im Zentrum ist einer perfekt, im Doppelpack aber wäre wegen ihrer ähnlichen körperlichen Voraussetzungen wohl einer zu viel. Das könnte nur gelingen, wenn der spielerisch stärkere Füllkrug hängend hinter Selke agiert, um durch seine Stärken im Passspiel Räume zu schaffen und Tore einzuleiten.

Selke und Füllkrug wären ein kopfballstarkes Sturmduo, würden aber in dieser Besetzung eine Abkehr vom zuletzt üblichen Werder-Fußball bedeuten. Denn das präferierte 4-3-3-System mit nur einer zentralen Spitze und zwei Flügelstürmern passt am besten zu Kohfeldts Spielprinzipien, ist mit beiden Angreifern auf dem Platz aber kaum zu spielen. Es bleiben Kombinationen mit einem Zweier-Angriff. Werders zweite Grundordnung im 3-5-2 könnte noch stärker in den Fokus rücken oder auch die legendäre Raute im Mittelfeld hinter zwei Spitzen.

Kohfeldt weiß um die Chancen und Risiken im Bremer Angriff. „Im Sturmzentrum wären wir mit Füllkrug und Selke gut aufgestellt“, sagt er mit Blick auf die nächste Saison und eine Zeit nach Rashica, „aber es wäre natürlich auch wichtig, aus anderen Positionen mehr Torgefahr auszustrahlen. Dahin müssen wir uns wieder entwickeln.“

Der große Sprung bleibt aus

Das geht vor allem durch kluge Transfers, aber auch durch die Weiterentwicklung eigener Spieler, wobei die offensiven Außenbahnen und das offensive Mittelfeld die Positionen sind, die Kohfeldt primär meinen dürfte. In ihre Überlegungen werden die Entscheider bei Werder einfließen lassen, dass sich einige Angreifer in der jetzigen Saison nicht so entwickelt haben, wie man sich das erhoffen konnte. Johannes Eggestein, Benjamin Goller oder Joshua Sargent etwa ist der große Sprung in ihrem Fortkommen nicht geglückt, und deshalb könnte die Hoffnung trügerisch sein, dass sich daran in der nächsten Saison etwas ändert. Im offensiven Mittelfeld soll Leonardo Bittencourt eine bedeutendere Rolle spielen, wenn er aus Hoffenheim fest verpflichtet wird. Nachwuchs-Angreifer Nick Woltemade soll zudem ebenso Spielanteile bekommen wie die Mittelfeldspieler Jean-Manuel Mbom und Romano Schmid, die nach Ausleihen zurückkehren. Sie alle sind aber keine Spieler, die Werder eine zweistellige Trefferzahl versprechen.

Und Fragezeichen gibt es auch bei Füllkrug und Selke. Bei Füllkrug nur, was die Gesundheit betrifft, nach drei Knorpelschäden und einem Kreuzbandriss. Bei Selke steht der Beweis der fußballerischen Qualität im Sturm noch aus: In seinen bisher drei Bundesligaspielen für Werder seit seiner Rückkehr im Winter aus Berlin schoss auch er kein Tor.

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