Wie Werders Krise Kohfeldt verändert hat

Ende der Erklärung

Bisher hat Florian Kohfeldt Werders Spiele wortreich erklärt und analysiert, damit hat der Trainer nach dem 1:0-Sieg gegen Schalke 04 aufgehört. Das hat auch mit der Kritik an seiner Arbeit zu tun.
01.06.2020, 11:36
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Von Christoph Sonnenberg
Ende der Erklärung
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Frank Baumann wurde vor ein paar Tagen gefragt, ob sich Florian Kohfeldt verändert habe durch die Corona-Pause und die daraus resultierenden Geisterspiele. Einen Moment stutzte der Sportchef, dann fiel ihm etwas ein. „Ich glaube, dass er sich zurückgehalten hat mit den Kaugummis. Das hat er in den Spielen deutlich eingeschränkt„, sagte er und schob die Erklärung gleich hinterher: „Um da keine Angriffsfläche zu bieten.“

Bei rund zwei Packungen pro Spiel lag sein Verbrauch, hat Kohfeldt mal verraten, was 24 Kaugummis entspricht. Nicht das Kauen an sich hat eine Angriffsfläche geboten, es war der Umgang mit den ausgekauten Gummis. Kohfeldt verteilte die alten großflächig in der Coaching-Zone rund um die Bank, dann schob er sich ein neues in den Mund. Nicht jedem hat das Ausspucken gefallen, das im Schnitt alle paar Minuten zu beobachten war. Ob es im Zusammenhang mit dem Hygienekonzept der DFL steht, dass Kohfeldt sein Verhalten verändert hat, ist nicht bekannt.

Die sportliche Talfahrt hat Spuren hinterlassen

Der Trainer will keine Angriffsfläche mehr bieten. Diese Wandlung hat eher wenig mit der Corona-Krise zu tun, sie ist dafür eng verbunden mit der sportlichen Talfahrt der letzten Monate. Die ist zwar nun gestoppt, zumindest vorerst, doch sie hat Spuren hinterlassen beim Trainer.

Das war zu sehen, beziehungsweise zu hören, als Kohfeldt nach dem Sieg auf Schalke die Veränderungen erklären sollte. Sieben Punkte aus den letzten drei Spielen hat Werder in einer Woche gesammelt. Eine beachtliche Zahl, wenn man bedenkt, dass vorher 18 Zähler aus 25 Partien eingefahren wurden. Und, in diesen drei Spielen haben die Bremer kein einziges Gegentor kassiert, nicht mal nach Standardsituationen. Betrachtet man die Anzahl der Gegentore nach 25 Spielen, 59 an der Zahl, kommt diese Bilanz unerwartet.

Der Trainer sollte diese kleine Serie erklären, die den Klassenerhalt wieder in den Bereich des Möglichen rückt. Zunächst tat er das auch, bevor er mitten in seinen Erläuterungen innehielt und sagte: „Das ist gut. Aber ich möchte das mit einer klaren Botschaft verbinden: Ich würde gerne gar nicht so viel erklären und herumreden. Ich mache das sonst gerne, aber wir haben jetzt noch sechs Endspiele. Es geht nicht darum, jetzt etwas zu erklären. Es geht darum, weiter im Tunnel zu bleiben, fokussiert zu bleiben, die Punkte zu holen und in der Klasse zu bleiben."

Komplexe Sachverhalte nachvollziehbar erklären

Dem ist eigentlich nicht viel entgegenzuhalten, genau darum geht es. Und doch ist es bemerkenswert, weil große Teile seiner Fähigkeiten als Trainer damit verbunden sind, dass Kohfeldt erklärt und erklären kann. Das gilt sowohl für die Mannschaft, es gilt aber auch für die Öffentlichkeit. Etliche Spieler, die in seiner Zeit als Trainer zu Werder gewechselt sind, haben es im Anschluss damit begründet, Kohfeldt habe sie überzeugt. Überredet könnte man vielleicht auch sagen.

Ungefähr vor einem Jahr, Werder hatte damals knapp die Europa League verpasst, loteten mehrere Vereine die Möglichkeit aus, Kohfeldt zu verpflichten. Gladbach gehörte dazu, Schalke und auch Dortmund. Das hatte neben seiner Art, Fußball spielen zu lassen auch mit seinen Fähigkeiten als Kommunikator zu tun. Journalisten schätzen es, auf Augenhöhe behandelt zu werden. Und Zuschauer mögen es, komplexe Sachverhalte nachvollziehbar erklärt zu bekommen, ohne den Ton eines Oberlehrers. Kohfeldts Art kam an, in der ganzen Bundesliga und selbst im Ausland erweckte er das Interesse einiger Klubs.

Die Kritik hat Kohfeldt getroffen

Doch die Fähigkeit, Probleme weg zu moderieren, funktioniert in einer sportlichen Krise nur zeitlich begrenzt. Kohfeldt kann Fußballspiele sehr gut erklären. Wenn die Spiele aber immer häufiger verloren werden und der Trainer es stets gut begründen kann, taucht zwangsläufig irgendwann die Frage auf: Wenn er das so genau weiß, warum ändert er es nicht?

Diese Frage haben sich immer mehr Leute gestellt. Erst leise, dann laut. Die Kritik an seiner Arbeit, geäußert von ehemaligen Spielern wie Dieter Burdenski oder Rune Bratseth nach der Niederlage gegen Leverkusen, hat Kohfeldt getroffen, das hat er öffentlich zugegeben. Sie hat ihn auch überrascht, weil sie sich bis ins Private zieht. Kohfeldt merkt jetzt, dass es das eine ist zu wissen, dass es im Job eines jeden Trainers schwierige Phasen gibt. Dass es aber etwas anderes ist, tatsächlich eine solche Phase zu durchleben – mit allen Konsequenzen. Dazu gehört auch öffentliche Kritik von Leuten, die er auf seiner Seite wähnte.

Der Erklärer hat das Ende der Erklärung ausgerufen in einer Phase, in der es endlich einmal wieder Positives zu erklären gäbe. Auf die Frage, wie der Stimmungsumschwung zustande gekommen sei, sagte Kohfeldt am Sonnabendabend: „Von einem Stimmungsumschwung kann ich mir nichts kaufen. Kaufen kann ich mir nur etwas, wenn wir am Ende in der Liga bleiben.„ Ob diese kleine Serie Werder nun den Schub geben würde, den es für den Klassenerhalt braucht, wollte Kohfeldt ebenfalls nicht sagen: „Schub ist nicht mein Thema.“ Das sei ein anderes: „Drinbleiben!„ Das Programm bis zum nächsten Spiel sei deshalb recht schlicht: „Frankfurt anschauen, regenerieren und Mittwoch wieder alles raushauen. Es geht nichts anders.“

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