Werder hat zu viele Chancen verspielt

Meister der Zuspitzung

Es passt zu dieser Saison, dass Werder im Rückspiel der Relegation ein Endspiel gegen Heidenheim hat. Zu viele Chancen auf ein besseres Ende hat die Mannschaft zuvor immer wieder verspielt.
06.07.2020, 10:23
Lesedauer: 4 Min
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Meister der Zuspitzung
Von Christoph Sonnenberg
Meister der Zuspitzung
Nordphoto

Was auch immer passiert am Montagabend im Albstadion in Heidenheim, eins steht schon jetzt fest: Danach geht's nach Hause. Trotz der späten Stunde, Anpfiff ist ja erst um 20.30 Uhr, wird der Bremer Tross noch ein Charterflugzeug besteigen und in den hohen Norden fliegen. Eine Landung auf dem Hans-Koschnick-Flughafen in Bremen ist nicht drin, das Nachtlande-Verbot macht das zwischen 22 und 7 Uhr unmöglich. Es wird wohl zum Flughafen Nordholz/Cuxhaven gehen und von dort mit Bussen ins rund 100 Kilometer entfernte Bremen. Die letzte Etappe sozusagen.

Der späte Flug lässt sich durchaus symbolisch deuten: Bloß weg, bloß endlich einen Schlussstrich ziehen unter diese Saison, die so schrecklich wie lang ist. Am 30. Juni 2019 ging es los, damals begann die Vorbereitung mit dem ersten Training am Weserstadion. Am 6. Juli, über ein Jahr später, endet sie im Albstadion in Heidenheim. Und dort wird sich entscheiden, ob es auf der letzten Dienstreise feucht-fröhlich zugehen wird oder sich jeder in seinen Sitz verkriecht, weil es mit dem Klassenerhalt nicht geklappt hat.

„Es geht bis zur letzten Minute"

Dieses Jahr hat allen enorm viel abverlangt. In erster Linie den Spielern und Verantwortlichen, aber auch den vielen, vielen Menschen die emotional teilhaben am Verein. Es hat Kraft gekostet, dieses stete Auf und Ab, die Rückschläge und die Momente der Hoffnung, das jetzt endlich alles besser wird. Immer gefolgt vom nächsten Rückschlag. Es passt zu Werder, zu dieser Spielzeit, dass erst ganz am Ende abgerechnet wird, bei der allerletzten Möglichkeit. Meister der Zuspitzung sind die Bremer dieses Jahr zweifelsfrei.

„Das ist definitiv so", sagt Frank Baumann. „Es geht bis zur letzten Minute." Er sagt, dass er schon früh darauf hingewiesen habe, dass es so kommen könne und dass sie darauf vorbereitet seien müssen und es auch sind. „Trotzdem wäre es schöner, wenn wir gewisse Dinge schon vorher hätten anders regeln können."

Fehlende Konstanz ist ein Problem

Wer auf die Ergebnisse der Saison schaut, erkennt, dass es viele Momente gab, in denen es möglich gewesen wäre, das Ende dieser Saison anders zu regeln. Der Auswärtssieg in Wolfsburg gehört dazu, Anfang Dezember. Es folgten vier Niederlagen und der Absturz von Rang 13 auf Platz 17. In Düsseldorf, zu Beginn der Rückrunde, gelang ein 1:0-Erfolg. Dann kamen sechs Niederlagen am Stück. Auch das überraschende 3:2 gegen Dortmund im Pokal hätte Schub geben können, vier Tage später verlor Werder 0:2 gegen Union Berlin.

Ein möglicher Aufschwung blieb jedes Mal aus. „Das war häufig der Fall, leider zu häufig", sagt Baumann. „Das war ein Problem." Eines, das auch am Ende zum Tragen kommt, in der Relegation. Die erreichte Werder nur durch das rauschhafte 6:1 gegen Köln, prallte dann aber an Heidenheim ab. Es fehlt die Konstanz, in der gesamten Saison schon. Baumann räumt das mit einer kleinen Einschränkung ein: „Nach der Corona-Pause waren wir konstanter in unseren Leistungen. Trotzdem war es in der Saison häufig nicht der Fall."

Die Mentalität wird nicht infrage gestellt

Der Auftritt gegen den Zweitligisten wirft die meisten Fragen auf. Die nach der Mentalität der Mannschaft zum Beispiel. „In der Öffentlichkeit herrscht das Gefühl: Werder hat es schon geschafft“, sagte Baumann vor dem Hinspiel. Als sei es ein Problem der Fans, nicht der Spieler. „Aber wir haben intern dagegen gesteuert", sagte der Sportchef kurz darauf, was nur bedeuten kann, dass auch im Team das Gefühl herrschte, der Favoritenrolle schon irgendwie gerecht zu werden. Den Auftritt vom vergangenen Donnerstag würde es jedenfalls in Teilen erklären.

Die Mentalität einer Mannschaft infrage zu stellen, ist gefährlich. Zumindest öffentlich. Die Spieler sollen und müssen es ja noch richten am Montag in Heidenheim. Florian Kohfeldt hat es nach der Nullnummer des Hinspiels vehement abgestritten. Auch Baumann tut das: „Es lag gegen Heidenheim nicht an der Einstellung. Wir haben nicht die richtigen Entscheidungen getroffen."

Probleme mit Heidenheims Spielweise

Dazu zählt für ihn der Umgang mit der generischen Spielweise. „Gegen das aggressive, mannorientierte Spiel haben wir kein Mittel gefunden„, sagt der Sportchef. „Wir haben uns aus dem Konzept bringen lassen, nachdem es die ersten Minuten nicht so lief. Heidenheim ist immer mutiger geworden, wir haben unser Selbstvertrauen verloren.“ So war über weite Phasen der Partie nicht zu erkennen, wer der Erstligist ist und wer Zweitligist.

Ursache für den enttäuschenden Auftritt im Hinspiel sind für Kohfeldt und Baumann fehlende taktische Disziplin. „Weil wir wild wurden. Ein Stück weit nervös, weil es nicht so lief", sagt Baumann. „Dann haben wir die Staffelung aufgegeben, haben uns nicht mehr so gezeigt, wie es in so einem Spiel wichtig ist." Kohfeldt sprach davon, dass es keine Phase im Spiel gab, „in der wir das gespielt haben, was wir spielen wollten". Montag soll das anders werden, da soll Davy Klaassen nicht plötzlich Linksaußen spielen oder Niclas Füllkrug im Mittelfeld auftauchen und dort Bälle verlieren. So ist es zumindest geplant.

Je länger das Hinspiel zurückliegt, desto zuversichtlicher sind sie bei Werder. „Trotz der schwachen Leistung gibt es kein desolates Ergebnis. Wir brauchen kein Wunder, um die Relegation zu überstehen„, sagt Baumann. „Wir müssen unsere Lehren daraus ziehen, um es am Montag besser und vor allem erfolgreicher zu gestalten.“ Damit zumindest der Abschluss der Saison ein positiver wird, ein allerletzter guter Moment.

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