Taktik-Analyse Risiko statt Dominanz – wie sich Werder gegen Dynamo Dresden befreite

Nach dem 2:1 gegen Dynamo Dresden bleibt Werder Bremen Tabellenführer in der 2. Bundesliga. Einfach war es am Sonntag für die Bremer nicht, schließlich reisten die Gäste mit neuem Trainer und neuen System an.
07.03.2022, 12:54
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Escher

Die Taktik des neuen Trainers von Dynamo Dresden stellte Werder Bremen vor eine Herausforderung. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten fanden sie die richtigen Lösungen – und spielten doch in mancher Situation arg riskant, meint unser Taktikanalyst Tobias Escher.

Wenn der Gegner vor dem Spiel seinen Trainer entlässt, erschwert dies die Vorbereitung ungemein. Welche Taktik der neue Trainer wählt, ist völlig offen. Die vergangenen Spiele taugen nicht mehr als Maßstab. Gegen Dynamo Dresden stand Werder Bremens Coach Ole Werner vor genau dieser Aufgabe. Deren neuer Trainer Guerino Capretti hatte sich gegen Werder etwas Interessantes ausgedacht.

Dynamo Dresden setzt Werder Bremen anfangs stark unter Druck

Nachdem Dresden zuletzt in einem 4-2-3-1 agiert hatte, änderte Capretti die Grundformation. In Bremen trat Dynamo in einer Mischung aus 4-3-3 und 4-4-2 an. Interessant war hier vor allem die Rolle von Morris Schröter, der zwischen Rechtsaußen und Sturm pendelte. Dynamos Matchplan sah vor, hohen Druck auf der (halb-)rechten Seite auszuüben. Schröter schob dazu auf eine Höhe mit Stürmer Christoph Daferner. Gemeinsam liefen sie Bremens Innenverteidiger an. Marco Friedl und Ömer Toprak sahen sich besonders in der Anfangsphase ständigem Druck ausgesetzt.

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Dresden reagierte damit auf den Spielaufbau der Bremer Mannschaft. Dieser ist leicht asymmetrisch angelegt: Rechtsverteidiger Mitchell Weiser rückt weit vor. Dadurch muss wiederum Milos Veljkovic weit nach Außen rücken, um sich in der Breite anzubieten. Im Zentrum übernehmen Friedl und Toprak den Aufbau. Dresden spiegelte das Bremer System und lenkte somit den Aufbau von Friedl und Toprak weg. Werder benötigte einige Minuten, um sich gegen das aggressive Pressing der Gäste zurechtzufinden. Nach dem frühen Rückstand (2.) fanden sie jedoch schnell zum eigenen Rhythmus. Sechser Christian Groß sollte in der Folge der Schlüssel werden. Ständig ließ er sich fallen oder bewegte sich nach Außen, um Anspielstationen zu kreieren. Von dort aus suchte Werder die Verlagerung, meist auf den rechts freistehenden Veljkovic.

Werder geht Risiko, verliert dabei die Kontrolle über das Spiel

Mit zunehmender Zeit konnte Werder Kontrolle über die Partie gewinnen. Dresden überzeugte zwar im hohen Pressing. Sobald dieses überspielt war, zogen sie sich in einem passiven 4-5-1 zurück. Bremen fand vor allem auf den Flügeln Räume vor. Marvin Ducksch wich wie gewohnt nach links aus, Leonardo Bittencourt schuf Überzahlen auf der rechten Seite. Meist fanden sie sich nur einem Gegenspieler gegenüber; Dresden rückte hier nicht konsequent genug nach. Noch folgenschwerer für Dresden war die Tatsache, dass sie häufig den Passweg ins Zentrum nicht schlossen. Werder konnte relativ simpel Pässe vom Flügel an die Strafraumkante spielen, so auch vor dem 1:1 (16.).

In den guten Phasen der Partie überzeugte Werder mit Risiko im zweiten sowie im letzten Spielfelddrittel. Fast immer suchten sie die riskante Lösung. In den meisten Fällen beinhaltete dies ein Pass ins Zentrum; hier boten sich der zurückfallende Niclas Füllkrug sowie Niklas Schmidt an. Im Idealfall kombinierte sich Werder schnell zum gegnerischen Strafraum – so auch vor dem 2:1 (44.). Mit der Zeit jedoch wurde das Spiel der Bremer ungenauer. Dresden stellte sich auf die zahlreichen Pässe ins Zentrum ein. Sechser Sebastian Mai stand etwas tiefer, um den Raum vor der Abwehr zu stärken. Werder verlor zunehmend Bälle – und damit auch die Kontrolle über die Partie.

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Dies sollte über die gesamten neunzig Minuten ein Problem darstellen. Nach Ballgewinnen versuchten die Bremer, den Konter zu erzwingen. Nur selten funktionierte dies. Da Dresden nach Ballverlusten ebenfalls sofort nach vorne spielte, meist in Form eines langen Balls, entstand ein zerfahrenes, aufgeregtes Spiel – eine Partie also, an der Bremen eigentlich kein Interesse hatte, spätestens nach der 2:1-Führung. Auch im gegnerischen Strafraum wählte Bremen meist die etwas riskante Variante. Beizeiten hatte man das Gefühl, die Bremer Spieler wollen den Ball ins Tor passen. Im gegnerischen Strafraum spielte Werder fast doppelt so viele Pässe, wie sie Schüsse abgaben (28:15). Solch eine Statistik ist äußerst selten. Zum Vergleich: Dresdens Wert lag bei 9:10, Aufstiegskonkurrent St. Pauli kam an diesem Wochenende auf 8:13, Darmstadt gar auf 5:10.

Das etwas zu verschnörkelte Spiel sorgte dafür, dass Werder gegen einen offensiv recht harmlosen Gegner lange Zeit zittern musste. Dresdens Versuche, mit Angriffen über die eingerückten Außenstürmer zum Erfolg zu gelangen, hätte fast zum Ausgleich geführt. In der Schlussviertelstunde konnte Debütant Capretti jedoch keine neuen taktischen Ideen aufbieten. Seine Dresdner wirkten nun müde. So gewann Werder ein Spiel, in dessen Verlauf sie in manchen Momenten Kombinationsfußball zelebrierten. In anderen Situationen fehlte jedoch die Zielstrebigkeit. Mit der unbekannten Taktik des Gegners kam Werners Team indes gut zurecht.

Am kommenden Wochenende dürfte die Vorbereitung leichter fallen. Heidenheims Trainer Frank Schmidt ist seit 2007 im Amt. Es gibt also genug Material, das Werders Spielanalysten durchforsten können.

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