Corona-Krise behindert Planungen

Ungewissheit für Werders Nachwuchsteams

Weil der Fußball in allen Ligen ruht, muss Björn Schierenbeck, Direktor des Werder-Leistungszentrums, mit mehreren Szenarien arbeiten. Was ihn tief berührt, ist die Hilfsbereitschaft seiner Mitmenschen.
30.03.2020, 12:56
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Freye
Ungewissheit für Werders Nachwuchsteams

Björn Schierenbeck ist um seinen Job aktuell nicht zu beneiden.

nordphoto

Fußball wird gerade nicht gespielt. Das gesamte Leistungszentrum des SV Werder ist angesichts der Corona-Krise stillgelegt, kein Training, erst recht kein Spiel für die zahlreichen Nachwuchsmannschaften und die U23 des Vereins. Das heißt aber nicht, dass der Direktor des Leistungszentrums gerade nichts zu tun hat. Im Gegenteil. „Wir machen Ende März immer die Budgetplanung für die kommende Saison“, sagt Björn Schierenbeck. Man kann sich vorstellen, was das in dieser Zeit bedeutet: Solange niemand weiß, wann wieder gespielt wird und ob die auch für die Nachwuchsabteilung maßgebliche Profimannschaft im nächsten Jahr erstklassig antritt, muss mit Szenarien gearbeitet werden.

Das heißt: Es sind mehrere Varianten ­notwendig. „Die Ungewissheit macht es schwieriger als sonst“, so Schierenbeck. Er will sich aber gar nicht beklagen. Die aktuelle Lage hat viele Branchen im Griff, auch deutlich wichtigere; sie betrifft daneben auch alle Fußballvereine und deren Abteilungen. Zudem verbindet Björn Schierenbeck mit der Zwangspause und deren Begleiterscheinungen auch einige sehr positive Erfahrungen: „Die Hilfsbereitschaft und die Solidarität beeindrucken mich tief.“ Der Werder-Direktor ist derzeit nicht nur mit konzentrierter Arbeit an einer ungewissen Zukunft beschäftigt. Er ist auch ziemlich gerührt, dass die Menschen im ­Umfeld des Vereins trotz eigener Sorgen noch den Blick für die Probleme anderer Menschen haben.

Vierstelliger Betrag eingespart

Da gab es etwa diesen Vorstoß aus dem Kreis der Eltern. Weil nicht alle auswärtigen Kicker und Kickerinnen durch einen der zahlreichen Fahrdienste zum Training gefahren werden, ist für die Selbstfahrer ein Fahrtkostenzuschuss vorgesehen – aber darauf will man nun nicht mehr bestehen. Zwar wird derzeit auch kein Talent von seinen Eltern oder Großeltern gefahren. Aber Björn Schierenbeck hält es trotzdem nicht für eine „Selbstverständlichkeit, dass man freiwillig auf Vertragsinhalte verzichtet“.

Ebenso positiv kamen bei ihm die zahlreichen Hilfsangebote an. „Viele sagen: Wir haben auch unsere Probleme, aber ein bisschen können wir euch geben“, erzählt der Werder-Direktor. Man sei jedenfalls sehr dankbar für die angebotene Hilfe. Das gilt auch für die Kooperation der vielen nebenamtlichen Kräfte. Es gibt nämlich einige Scouts und Trainer, die bereits ihren Verzicht angekündigt haben. „Sie sagen: Ich mache gerade nichts, also will ich auch nichts“, so Schierenbeck. Er schätzt, dass dem Leistungszentrum durch die willkommenen Maßnahmen insgesamt ein vierstelliger Betrag erspart bleibt.

Wer geht oder muss gehen?

Aber natürlich sehen sich die hauptamtlichen Mitarbeiter des Leistungszentrums auch selbst gefordert – ganz abgesehen davon, ob sie von einer angedachten Kurzarbeit der Grün-Weißen betroffen wären. „Es gibt diese Diskussion im Leistungszentrum“, sagt Schierenbeck. Er verweist dabei aber auch auf die „großen Unterschiede“ innerhalb seiner Abteilung: „Man kann einem jungen Familienvater nicht einfach 20 Prozent wegnehmen.“ Derzeit sind sie ja auch alle noch mit ihren Aufgaben gefordert, selbst wenn die eigentliche Arbeit mit den Nachwuchsteams gerade entfällt. „Und bis Schulen nicht wieder geöffnet sind, werden wir auch nicht über die aktuellen Maßnahmen hinwegsehen können“, betont Björn Schierenbeck.

Also machen sie im Büro oder im Homeoffice weiter. Dabei geht es in diesen Tagen besonders um die Kaderplanung. Wer geht oder muss gehen? Und wer soll in Zukunft das Werder-Trikot tragen? Weil im Moment auch keine Probetrainings möglich sind, wird in erster Linie mithilfe von Videos nach neuen Spielern gesucht. „Wir haben daneben auch noch eigenes Scouting-Material und einige Datenbanken“, so Schierenbeck. Auf der anderen Seite gibt es auch rund ein Dutzend Werder-Talente, das voraussichtlich keine Zukunft in der U19 oder der U23 haben wird. Da diese Spieler sich gerade bei keinem Verein vorstellen können, fertigt das Leistungszentrum Videos für diese Kicker an – eine Bewerbungsmappe in Bildern also.

Der Rest ist Warten. Darauf, dass vielleicht bald feststeht, wie es weitergeht mit dem großen Fußball. Darauf ist nämlich auch die Nachwuchsabteilung angewiesen. Zwar generierte sie in den vergangenen Jahren immer mal wieder eine Ablösesumme, weil sich Talente wie Jano Baxmann (Borussia Dortmund) und der mittlerweile zurückgekehrte Louis Poznanski (Bayern München) anderen Bundesligaklubs anschlossen. Aber selbst in sehr guten Jahren kam dabei lediglich eine sechsstellige Summe zusammen. Sie steht deshalb in keinem Verhältnis zum eigentlichen Etat des Talentschuppens inklusive der U23 – er liegt bei einer einstelligen Millionensumme im mittleren Bereich. „Es gibt eine klare Abhängigkeit von der Bundesliga“, sagt Schierenbeck.

So läuft es für die Teams

Werders A-Junioren führen aktuell die Bundesliga an. Dass sie pausieren müssen, wird bei aller Notwendigkeit schon als ausgesprochen unglücklich empfunden. Gerade in dieser Saison trifft es die grün-weißen Juniorenteams aber insgesamt besonders hart. „Wir werden aktuell ziemlich ausgebremst“, sagt Schierenbeck. Die U19 absolvierte bislang eine überragende Spielzeit, ist souveräner Tabellenführer der A-Junioren-Bundesliga und steht im Halbfinale des DFB-Pokals. Die U17 mischt als Tabellendritter der B-Junioren-Bundesliga mit an der Spitze ihrer Spielklasse, und die U15 führt die Regionalliga Nord an.

Aktuell werden die Erfolge der vergangenen Monate bedroht. „Es ist extrem schade, dass nun sogar das Risiko besteht, dass es gar nicht mehr weitergeht“, sagt Schierenbeck. Bis zum 19. April ist der Betrieb erst einmal lahmgelegt. Bis dahin wird weder trainiert, noch gespielt. „Und wir wissen einfach nicht, wann es danach wieder losgeht“, sagt Schierenbeck. Man darf ­jedoch davon ausgehen, dass sich die unteren Spielklassen und die Juniorenligen an der ­Bundesliga orientieren. Sie wird wohl mindestens bis zum 30. April pausieren. Andernfalls könnten etwa die Duelle zwischen Nachwuchsteams in der Regionalliga oder den Jugend-Spielklassen mangels Alternativen von größeren Fangruppen besucht werden – und so wären selbst Geisterspiele mit einem großen organisatorischen Aufwand verbunden und im Zweifelsfall zu unterbinden.

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