Werders Remis in der Analyse

Das beste Spiel des Jahres

Werder ist dem Spitzenteam aus Gladbach überlegen und zeigt die stärkste Mannschaftsleistung seit langer Zeit - weil Trainer Florian Kohfeldt die richtigen Maßnahmen ergreift und diese sauber umgesetzt werden.
27.05.2020, 13:27
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Rommel
Das beste Spiel des Jahres

Die Bremer Abwehr funktionierte, Kapitän Niklas Moisander und seine Nebenleute zeigten kaum Schwächen.

nordphoto

Werder-Trainer Florian Kohfeldt änderte seine Startelf auf zwei Positionen: Für den verletzten Kevin Vogt rückte Christian Groß ins Team, dazu ersetzte Yuya Osako Leo Bittencourt. Sein Gegenüber Marco Rose wollte oder musste vier Änderungen vornehmen. Für die verletzten Breel Embolo und Tobias Strobl kamen Christoph Kramer und Lars Stindl in die Mannschaft, dazu machten Ramy Bensebaini und Jonas Hofmann Platz für Oscar Wendt und Tony Jatschke. Neben den beiden personellen Wechseln wählte Kohfeldt gegen den spielstarken Gegner auch eine andere Grundordnung und Ausrichtung.

Ein zweiter „Sechser“ hilft

Werder agierte auf dem Papier im eigenen Ballbesitz mit einer Raute gegen Gladbachs 3-4-3, zeigte dabei aber einige wichtige Anpassungen. Groß blieb im tiefen Aufbau vor den Innenverteidigern und im besten Fall im Rücken des zentralen Gladbacher Spielers in deren höchsten Linie. Um gegen die drei Gladbacher Pressingspitzen noch besser aufbauen zu können, unterstützte in der Regel Maximilian Eggestein den tiefen Ballvortrag zusätzlich, inklusive Keeper Jiri Pavlenka und den beiden Innenverteidigern konnte Werder also ein Fünf gegen Drei stellen und so das Pressing der Borussia in der ersten Linie aufbrechen.

Die Hereinnahme von Osako als Zehner hinter den Spitzen Milot Rashica und Josh Sargent sollte mehr körperliche Präsenz im Mittelfeld bringen und den Raum im offensiven Zentrum immer besetzt wissen. Das gelang nach ein paar Anlaufschwierigkeiten ebenfalls ziemlich gut, Osako war sauber in der Ballverarbeitung und -verteilung und bot auch Niklas Moisander oder Milos Veljkovic immer die Option, mit einem direkten diagonalen Pass in den Zehnerraum nach vorne zu kommen. Die Außenverteidiger Marco Friedl und Theo Gebre Selassie standen im Spielaufbau etwas asymmetrisch, Gebre Selassie schob in der Regel deutlich höher ins Feld als Friedl, der doch einigermaßen engen Anschluss an Moisander hielt.

Mutig und riskant gegen den Ball

Gegen Gladbachs hohes Pressing war das zwar alles einigermaßen riskant, Werder spielte auch auf die Gefahr, sofort am eigenen Sechszehner massiv gepresst zu werden, trotzdem kurz an und versuchte sich spielerisch und über Groß oder eben den zurückfallenden Eggestein zu lösen. Was oft genug auch gut gelang. Ähnlich mutig agierte die Mannschaft gegen den Ball. Eine große Herausforderung gegen Gladbach ist der Spagat zwischen frühem Druck in der ersten Linie und der nötigen Tiefensicherung gegen die Läufe von Marcus Thuram und Alassane Plea. Kohfeldt entschied sich auch hier im 5-2-3 für die eher riskante Lösung.

Werder attackierte in einer Mischung aus hohem Mittelfeld- und teilweise sogar Angriffspressing und mit einer 2-1-Staffelung in der ersten Linie. Hinter Rashica und Sargent blieb Osako etwas versetzt im Zentrum, alle drei Spieler aber immer recht eng beieinander. Friedl und Gebre Selassie nahmen ihre Gegenüber Wendt und Stefan Lainer früh in Empfang und verhinderten so jene Dynamik und Tiefe, die Gladbach auch über die Flügel erzeugen kann. Weil jeder Spieler schon vor dem zu antizipierenden Pass auf seinen nächsten Gegenspieler wachsam und auf dem Spring war, hatte Werder in jeder Situation Druck am Ball, Gladbachs Spieler konnten selten mal in Spielrichtung aufdrehen und so Tempo aufnehmen. Stattdessen prallten die Zuspiele wieder zurück zum Absender und der Raumgewinn war dahin.

Guter Zugriff und ein Problem

Groß rutschte dabei im Gladbacher Ballbesitz eine Linie nach hinten und füllte die Vierer- zu einer Fünferkette auf. Das hatte gleich mehrere Vorteile: Die zusätzliche Tiefensicherung gegen lange Bälle und die Möglichkeit, dass Veljkovic und Moisander als Halbverteidiger ihre Gegenspieler teilweise bis tief ins Mittelfeld verfolgen konnten. So hatte Werder bei einem Pass ins Mittelfeldzentrum immer genug Personal in Ballnähe, konnte phasenweise sogar Überzahl herstellen und das eigentliche Gladbacher Vorhaben mit zurückfallenden Angreifern zum Überladen des Mittelfeld wieder austarieren. Lediglich wenn sich Stindl mal wieder ganz tief auf Höhe der eigenen Sechser fallen ließ, war der Zugriff erschwert. Dann war Gladbachs entscheidender Verbindungsspieler aber weit genug entfernt vom Bremer Tor und Thuram, der Stindls Position einnahm, von den Bremer Innenverteidigern gut zugedeckt.

Im Prinzip ähnelten sich beide Mannschaften sehr in ihrer Formation und Anlage, beide attackierten früh und griffen mutig und hoch im Feld an. Das kam Werder ziemlich entgegen, das Positionsspiel sah so gut wie lange Zeit schon nicht mehr aus. Als Makel blieb aber die fehlende Tiefe im Spiel, sodass Werder zu wenigen Strafraumszenen kam. Aber, auch wenn das in dieser Partie noch keinen nennenswert positiven Nachdruck hinterließ: Werder erarbeitete sich einige Ecken und hatte da ein paar neue Ideen parat. Zum einen mit viel Personal und Verkehr im gegnerischen Fünfer, wenn der Ball mit Schnitt zum Tor und auf den ersten Pfosten kam. Oder aber weg vom Tor, mit dem entsprechenden Einlaufen von der Strafraumgrenze.

Es geht deutlich voran

Weil aber wie schon in Phasen gegen Freiburg das Durchsichern des eigenen Ballbesitzes stark war und in den direkten Duellen auch wieder die Aufmerksamkeit und Gefahrenwahrnehmung stimmten, war die Mannschaft wieder extrem griffig. Ein Problem blieben allerdings die Bewegungen und das Vorrücken von Florian Neuhaus als höherem Gladbacher Sechser. Neuhaus zeigte ein tolles Timing im Aufrücken und tauchte ein paar Mal sehr gefährlich am Bremer Strafraum auf, ohne dass sich ein Werder-Spieler dafür zuständig sah.

Nach der Pause änderte sich an der Systematik und Herangehensweise beider Mannschaften nichts, wohl aber am Kräfteverhältnis. Anders als in den ersten zehn Minuten der ersten Halbzeit war Werder nun die dominantere Mannschaft. Über ein sicheres Passspiel auch tief in der gegnerischen Hälfte mit vielen kleinen Kombinationen kam die Mannschaft immer wieder in die gefährliche Zone und packte auch beim Gegenpressing beherzt zu. Gladbach konnte sich nur selten spielerisch befreien. Erst nach rund einer Stunde schienen die Gäste die Partie wieder besser in den Griff zu bekommen und erneut war es Neuhaus, der dabei herausstach.

Gladbach zu umständlich

Über kleine Kombinationen in den Halbräumen brach Gladbach Werders Pressing ein wenig auf und brachte Neuhaus mit Dynamik im Zentrum ins Spiel. Dann wurde es sofort gefährlich für Werders Restverteidigung, allerdings stellte sich die Borussia beim letzten Pass oder im Abschluss zu umständlich an und vergab diese an sich zwei, drei richtig gefährlichen Angriffsaktionen fahrlässig. Bei einem Konter wurde Werder nur einmal erwischt, aber den durchgebrochenen Thuram fingen dann gleich fünf Bremer Spieler wieder ein - auch das Rückzugsverhalten stimmte in diesem Spiel.

Mit Bittencourts Einwechslung für Osako bekam Werder den Gladbacher Sechserraum wieder besser in den Griff, Bittencourt spielte im Pressing ein paar Meter tiefer als zuvor Osako und hielt sich im Dunstkreis von Kramer und Neuhaus auf. Die Partie wurde in der Schlussphase immer hektischer und es ergaben sich mehr Umschaltsequenzen, was auch eher Werder in die Karten spielte als der Borussia. Mit dem schrittweisen Austausch aller drei Offensivspieler durch frische Kräfte blieb Werders Pressing bis zum Schluss scharf, beinahe profitierte die Mannschaft davon bei zwei Lässigkeiten von Keeper Sommer. Werder war läuferisch besser drauf als der Gegner und bekam noch eine letzte Chance nach einem abermals griffigen Gegenpressing, vergab aber den durchaus verdienten Sieg.

Bissig und mit Tempo

Trotzdem war die Leistungssteigerung der Mannschaft in fast allen Bereichen markant und insgesamt betrachtet war die Partie trotz des Remis besser als jene im Pokal gegen Dortmund. Kohfeldts Plan passte perfekt zu Gladbachs Spiel, die Umsetzung war bis auf kleine Wackler gegen eine Mannschaft dieser Güteklasse stark. Werders Spieler können das Tempo gehen und halten es bis zum Schluss, was ein sehr wichtiger Faktor werden könnte in diesem eng getakteten Spielplan und der Aussicht auf viele enge Partien, die womöglich erst in der Schlussphase entschieden werden. Das Spiel gegen den Ball war bissig und geprägt von gegenseitiger Hilfe und mit dem Ball passt es bis ins Angriffsdrittel. Da gibt es aber noch einiges an Arbeit. Und klar ist auch: So mitspielen wie Gladbach werden im weiteren Saisonverlauf garantiert nicht alle anderen Gegner.

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