Was gegen Wolfsburg taktisch nicht klappte

Werder mit neuen Ideen und alten Problemen

Die Spiele gleichen sich: Werder zeigt gute Ansätze und spielt dank netter Ideen auf Augenhöhe. Aber ohne Durchschlagskraft wird der Klassenerhalt unmöglich, analysiert unser Taktik-Experte Stefan Rommel.
08.06.2020, 11:30
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Rommel
Werder mit neuen Ideen und alten Problemen

Und schon wieder ist ein Spiel für den Gegner gewonnen: Wolfsburg bejubelt das Siegtor in Bremen durch Wout Weghorst.

gumzmedia/nordphoto

Vorab die Fakten zum Personal: Werder-Trainer Florian Kohfeldt baute seine Startelf auf drei Positionen um; für Marco Friedl, Fin Bartels und Davie Selke (alle Bank) rückten Ludwig Augustinsson, Philipp Bargfrede und Joshua Sargent ins Team. Wolfsburgs Trainer Oliver Glasner ersetzte lediglich den gesperrten Renato Steffen durch Admir Mehmedi. Die Gäste blieben auch ihrem 4-2-3-1 treu, während Kohfeldt nicht nur personelle Änderungen vollzog, sondern auch an der Grundordnung bastelte.

Werder kehrte zur Dreierkette zurück, spielt im eigenen Ballbesitz in einem 3-4-3 und gegen den Ball mit der Fünferkette hinten, je zwei Sechsern und zwei Zehnern davor plus Sargent als Störspieler im Pressing. In dieser Anordnung sollten wohl Wolfsburgs zentrale Aufbauspieler Maximilian Arnold und Xaver Schlager auf der Doppel-Sechs besser kontrolliert werden. Jedenfalls verfolgten Werders Zehner Osako und Davy Klaassen beide Spieler im tiefen Wolfsburger Aufbau teilweise fast bis zur Seitenlinie.

Andere Aufgaben für die Flügelverteidiger

In der letzten Linie blieb das Rezept der letzten Partien aber bestehen: Durch die drei Innenverteidiger mit dem zentralen Kevin Vogt zwischen Milos Veljkovic (rechts) und Niklas Moisander (links) konnten die Halbverteidiger auf Wolfsburgs Flügelangreifer herausrücken und diese auch mal bis ins Mittelfeld verfolgen und auch Vogt besser auf Wout Weghorsts Zurückfallen ins Mittelfeld reagieren. Wolfsburgs Mittelstürmer ließ sich immer mal wieder tiefer fallen, um das Mittelfeld kurzzeitig zu überladen; Vogt glich diese gewollte zahlenmäßige Überlegenheit aber wieder aus.

Und noch zwei Dinge gestalteten die Bremer etwas anders als in den letzten Wochen. Nicht die klassischen Signale im Pressing, etwa das Zuspiel des gegnerischen Innenverteidigers auf den Außenverteidiger oder dessen Pass ins Zentrum dienten als Trigger - die Bremer Flügelverteidiger Gebre Selassie und Augustinsson bestimmten mit ihrer Auftaktaktion den geplanten Zugriff der Mannschaft. Und auch im eigenen Ballbesitz kam den Flügelverteidigern eine etwas andere Rolle zu, weil Gebre Selassie und Augustinsson auch ballfern die Angriffe bis in den gegnerischen Strafraum durchlaufen sollten. Unterstützt von den drei ohnehin vorne postierten Spielern und einem nachrückenden Sechser wollte Werder so mehr Personal in die torkritischen Zonen des Gegners abstellen und es - entgegen der eigentlichen Spielanlage - vermehrt auch mit Flanken versuchen.

Dafür hatten die Flügelverteidiger in der Kontersicherung dieses Mal etwas weniger Verantwortung. Die Spieler standen dafür schlicht zu hoch und breit, um im Falle eines Ballverlusts im Zentrum noch Zugriff herstellen zu können. Die Restverteidigung aus Innenverteidigern plus mindestens einem Sechser sollte Wolfsburger Konter im Nachschieben verhindern.

Wolfsburg macht das Zentrum dicht

Wolfsburg verfolgte grundsätzlich eine eher zurückhaltende, abwartende Strategie mit recht klassischen Stilmitteln. Der totale Fokus im Spiel gegen den Ball lag auf der Sicherung des Zentrums. Im 4-2-3-1 liefen die Gäste von innen nach außen an und drängten Werder so früh es ging auf die Flügel. Für die zuletzt immer wieder zu sehenden diagonalen Zuspiele der Bremer Halbverteidiger in den Zehnerraum waren durch das Anlaufen alle Passwege ins Zentrum geschlossen und auch die Halbräume konnte Werder nicht so leicht bespielen. Die Gäste wollten unbedingt die gefährlichsten Zonen im Bremer Spielvortrag unter Kontrolle halten. So musste vieles für Bremer Verhältnisse früh über die Flügel nach vorne gehen, wo Wolfsburgs Außenverteidiger in letzter Konsequenz durch ihre Geschwindigkeitsvorteile einige im Ansatz gute Bremer Durchbrüche noch löschen konnten.

Es entwickelte sich ein Spiel mit vielen Zweikämpfen im Mittelfeld und vielen Momenten, wo es um den zweiten Ball ging - oft nach einem neutralen Ball des jeweiligen Torhüters. Werder war da in der ersten Halbzeit sehr aufmerksam und kam auf diese Art oder über den Zugriff im Pressing zu einigen Ballgewinnen im Mittelfeld. Dieser positiven Erkenntnis stand aber mal wieder sofort eine negative Begleiterscheinung gegen. In den Umschaltmomenten benötigten Werders Spieler (ohne Bartels oder Rashica) schlicht zu lange, um sofort Zug und Tiefe zum Tor zu entwickeln. Stattdessen hatte Wolfsburg mit seinem guten Rückzugverhalten fast immer die Chance, wieder genug Personal hinter dem Ball zu versammeln.

Werder entwickelt keine Dynamik

Und wenn sich die Gelegenheit doch einmal bot, weil der Ball schon zu nahe am Tor war oder Wolfsburg in der Rückwärtsbewegung zu spät war, zeigte sich die alte Leier im Bremer Spiel: Statt einer Tempoverschärfung nach innen und zum Tor hin folgte eine (individuelle oder gruppentaktische) falsche Entscheidung, die jegliche Dynamik killte und den Angriff so verschleppte. Da auch Wolfsburgs Idee, Werders Flügelverteidiger durch einen tief angebunden Außenverteidiger im Spielaufbau ins Pressing zu locken, um dann mit einem lange Ball oder einer kurzen Kombination in dessen Rücken zu gelangen, blieben sauber konzipierte und durchgeführte Spielzüge auf beiden Seiten eher Mangelware. Bis auf eine Chance von Weghorst und einen abgeblockten Schuss von Sargent war nicht viel los.

Nach der Pause fand Wolfsburg in beide Richtungen besser ins Spiel. Gegen den Ball wurde noch ein bisschen an der Intensität gedreht und im Ballbesitz fanden Brekalo und Victor durch ihr Ausweichen auf die Flügel in Gebre Selassies und Augustinssons Rücken mehr Freiräume. Wolfsburg kam so zu zwei, drei gefährlichen Attacken, spielte aber diese wie Werder auch nicht gut zu Ende. Kohfeldt wechselte nach einer Stunde Bartels für Bargfrede ein und zog Klaassen dafür auf die Doppel-Sechs neben Eggestein zurück. Bartels übernahm Klaassens Position.

Entscheidende Wolfsburger Änderungen

Wolfsburg reagierte ebenfalls mit einem (Doppel-)Wechsel und auch einer Umstellung: Vom 4-2-3-1 ging es nun im 4-4-2 weiter, mit Daniel Ginczek als verkapptem zweiten Angreifer neben Weghorst und mehr Tempo durch Felix Klaus. Wolfsburg hatte nun eine deutlich bessere Tiefe im Spiel und fand immer öfter den Zehnerraum als Anspielstation, um von dort aus dann mit Tempo nachzurücken. Werders Innenverteidiger konnten nicht mehr so einfach rausrücken, sondern waren tiefer gebunden. Das ließ die Partie immer noch ein Stück auf Seiten der Gäste kippen, ohne dass diese besonders gefährlich geworden wären.

Eine längere Fehlerkette begünstigte dann aber doch das entscheidende Wolfsburger Tor. Bittencourts Fehlpass am gegnerischen Strafraum war zwar noch weit genug weg vom eigenen Tor, Werders kollektives Gegenpressing aber nicht möglich, Augustinsson war allein. Eggestein hätte dem Konter Tempo rausnehmen können, ging aber auf den Ballgewinn und verlor etwas unglücklich den Zweikampf. Fatal war dann allerdings das Verhalten der Bremer Spieler im Strafraum. Klaassen ließ sich vom ersten Pfosten wegziehen und machte den Raum frei für Weghorst, den Vogt wiederum nicht aufnahm.

Kohfeldt brachte mit Davie Selke und Nick Woltemade zwei große Angreifer und beorderte in den letzten Minuten vier, fünf Spieler mit nach vorne. Die langen Bällen fielen aber dennoch nicht Bremer Spielern vor die Füße, sondern wurden von Wolfsburg relativ problemlos verteidigt. Und auch die eine Einladung zum Konter in der Nachspielzeit ließ Bittencourt ungenutzt. Stattdessen vergaben die Gäste noch Chancen auf ein zweites Tor.

So blieb letztlich trotz einiger neuer Ideen irgendwie dann doch alles beim Alten: Werder agierte lange auf Augenhöhe, zeigte in allen Spielphasen ordentliche Ansätze, war im letzten Drittel aber kaum existent und leistete sich dann doch einen (oder mehrere) Aussetzer, die der Gegner effizient bestrafte. Und wie schon gegen Frankfurt kamen die entscheidenden Impulse beim Gegner von der Bank - wogegen Werders Wechsel allesamt verpufften.

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