Die Lehren aus dem Pokalspiel

Nur nicht hektisch werden

Ein System, das nicht passte. Spieler, die hektisch wurden. Werder hat beim Pokalduell in Jena gezeigt, dass es noch reichlich Arbeit gibt. Einen Rückschlag kann und will Florian Kohfeldt aber nicht erkennen.
13.09.2020, 17:07
Lesedauer: 4 Min
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Nur nicht hektisch werden
Von Malte Bürger
Nur nicht hektisch werden

Es lief noch nicht alles rund bei Werder, einen Rückschlag wollte Florian Kohfeldt aber nicht erkennen.

dpa

Ein paar Fans hatten sich besonders viel Mühe gegeben. Auf einem Banner, das sie pünktlich zum Anpfiff in die Höhe hielten, stand es klipp und klar: „Macht die Sensation perfekt!“. Adressat dieser Forderung waren die Jenaer Spieler. Als hätten sie die Zeilen tatsächlich gelesen, versuchten die Regionalliga-­Kicker in den folgenden etwas mehr als 90 Minuten ihr Möglichstes. Und genau das war Werders Problem. Es dauerte jedenfalls erschreckend lange, ehe der Klassenunterschied zwischen dem Erst- und Viertligisten auch tatsächlich zu erkennen war. Nämlich bis in die zweite Hälfte hinein.

„Es war eine schwere erste Runde, aber wir sind durch“, meinte Trainer Florian Kohfeldt hinterher. „Das war eine typische erste Pokalrunde. Für uns zählt, dass wir weiter sind. Das ist wichtig“, erklärte Mittelfeldspieler Maximilian Eggestein. Die Ähnlichkeit der beiden Aussagen zeigt die ganze Erleichterung. Es war vielleicht kein blaues Auge, mit dem die Bremer davon gekommen waren, dafür wurde es am Ende ein doch noch zu souveräner Erfolg. Aber der Aufgalopp in Thüringen lud nun auch nicht gerade dazu ein, um uneingeschränkt voller Glücksgefühle in die neue Saison zu starten.

Pressing ohne Sinn

Die Vorbereitung hatte Werder mit guten Ergebnissen beendet. Es gab sieben Erfolge in sieben Testspielen, in den meisten Fällen legte das Team mit frühen Toren den Grundstein für die späteren Siege. So sollte es eigentlich gegen Jena weitergehen. Doch dieser Plan ging nicht auf. „Vor dem Spiel war die Spannung richtig da, auch in der Kabine war es sehr laut“, hatte Kohfeldt beobachtet. „Nach 20 Minuten war dann aber zu spüren, dass einige sich Gedanken gemacht haben, weil es immer noch 0:0 steht, hinten vielleicht sogar einer reinfallen könnte.„ Diese psychische Zusatzherausforderung führte dazu, dass die ohnehin schon nicht sehr ausgeprägte spielerische Linie weiter verloren ging. “Da sind wir zu wild geworden. Ich würde vielleicht nicht von panisch sprechen, aber zumindest hektisch war es„, monierte Kohfeldt. “Da wollten wir teilweise hoch pressen, wo es überhaupt keinen Sinn ergibt.“

Diese Unsauberkeiten sorgten dafür, dass die Jenaer mutiger wurden. Wer weiß, was passiert wäre, wenn es kurz vor dem Pausenpfiff tatsächlich einen Elfmeter für die Heimelf gegeben hätte? Den gab es bekanntlich nicht, nachdem Theodor Gebre Selassie die Hacken seines Gegenspielers Dominik Bock touchiert hatte. Dafür gab es einige andere Reibereien. „Wir haben uns in Scharmützel verwickeln lassen, die zum Teil aber auch von uns ausgingen“, sagte Kohfeldt und übte direkte Kritik an einem seiner Stürmer: „So war es von Davie Selke völlig unnötig, kurz vor der Halbzeit eine Rudelbildung auszulösen.“

Fehlerkorrektur in der Pause

Als es dann kurz darauf in die Kabine ging, war das für die Bremer die ideale Gelegenheit zur Beruhigung, zum Neustart. Auch Florian Kohfeldt korrigierte das, was in den ersten 45 Minuten überhaupt nicht funktioniert hatte: sein System. Das 4-2-2-2 blieb jedenfalls fast komplett ohne positive Wirkung. „Der Gedanke vor dem Spiel war, dass wir viele Boxaktionen haben wollten. Mit Yuya Osako und Leonardo Bittencourt wollten wir eigentlich etwas breiter spielen, damit wir den Flügel überladen. So wie es mit Ludwig Augustinsson einige Male gut gelungen ist“, sagte der 37-Jährige. „Yuya und Leo sollten dann in die Box nachgehen. Das hat aber nicht geklappt, das muss man klar so sagen.“

Bittencourt zeigte sich nach dem Seitenwechsel und der Umstellung immerhin minimal verbessert, Osako bekam die Chance zur Wiedergutmachung nach einem weiteren dürftigen Auftritt erst gar nicht. Auch Zugang Patrick Erras musste weichen, weil sich die überraschende Variante der Doppel-Sechs gegen den Außenseiter überhaupt nicht auszahlte. „Wir haben die Spielanlage ein bisschen verändert, weil der Gegner eine sehr enge Viererkette gespielt hat“, sagte Kohfeldt. „Wir haben dann mit Tahith Chong und Josh Sargent die Flügel etwas tiefer bestellt, dadurch sind wir dort in gute Situationen gekommen – wie beim ersten Tor.“

Das Warten auf die Souveränität

Gegen einen Regionalligisten war Werder also in der Lage, die eigenen Unzulänglichkeiten noch rechtzeitig abzustellen und letztlich ungefährdet zu gewinnen. Auch weil noch genügend Qualität von der Bank kam. Aber wie sieht das aus, wenn es ab dem kommenden Wochenende wieder auf höchster deutscher Ebene zur Sache geht? Schafft es der Fast-Absteiger der Vorsaison tatsächlich, die erhoffte Trendwende einzuleiten? „Man muss klar sagen, dass es in der Bundesliga ein ganz anderes Spiel werden wird. Da werden andere Dinge gefordert sein als in dieser Partie“, sagte Florian Kohfeldt. „Rein von der Leistung würde ich daher nicht zu viel ableiten. Was man aber ableiten kann, ist, dass in einem Pflichtspiel jetzt eben nicht so schnell ein Tor für uns fällt. In der Vorbereitung waren wir das anders gewohnt. Daher war es gut, dass wir nun diese Erfahrung gemacht haben.“

Nun nach einer schwachen ersten Hälfte gegen den FC Carl Zeiss Jena aber gleich das ganze Konzept infrage zu stellen, ist nichts, was Werders Chefcoach für zielführend hält. „Ich würde jetzt nicht von einem Rückschlag sprechen, der in irgendeiner Form dramatisch ist. Aber es kommen jetzt einfach Pflichtspiele. Und da wird es Momente geben, in denen der Fuß nicht mehr so locker ist. Das hat man in diesem Spiel gemerkt“, sagte Kohfeldt. „Die Souveränität kommt nicht mit einem Fingerschnippen. Sie ist in der Vorbereitung sicher ein Stück gewachsen im Vergleich zur Vorsaison, aber wir müssen sie uns hart erarbeiten. Entscheidend ist, dass wir uns auf unsere Handlungen konzentrieren und nicht unsere Emotionalität an die falsche Stelle packen.“

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