Der Abstieg droht, ein Aufruhr bleibt aus

Ein stiller Abschied

Nach 40 Jahren droht Werder am Sonnabend der zweite Abstieg der Klubgeschichte. Ein Aufruhr unter den Bremer Anhängern bleibt dennoch aus – trotz der vielen Fehler, die der Klub in dieser Saison begangen hat.
25.06.2020, 10:48
Lesedauer: 4 Min
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Ein stiller Abschied
Von Christoph Sonnenberg
Ein stiller Abschied
Nordphoto

Am Sonnabend ist eine Menschenkette geplant. Einmal rund um das ganze Stadion wollen sich viele Hundert Fans versammeln, um ihren Unmut sichtbar und lautstark auszudrücken. In den vergangenen Tagen waren bereits Protest-Plakate rund um die Arena platziert, mehrere Meter lang und breit, mit großen schwarzen Buchstaben. Der Wortlaut war, wen wundert es, wenig schmeichelhaft. Es sind Zeichen des Protests gegen eine beklagenswerte sportliche und wirtschaftliche Entwicklung, die viele Anhänger trotz der coronabedingten Einschränkungen nicht mehr hinnehmen wollen.

All das passiert oder passierte nicht am Weserstadion, der Schauplatz liegt rund 250 Kilometer südwestlich von Bremen, an der Veltins Arena, Heimat von Schalke 04. In erster Linie geht es um Clemens Tönnies, Aufsichtsratsvorsitzender des Klubs. Und die Vorwürfe sind vielschichtig. „Keine Rassisten auf Schalke – Tönnies raus“ stand auf einem Plakat. Es bezieht sich auf Tönnies’ Satz „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn‘s dunkel ist, Kinder zu produzieren“, den er vergangenes Jahr beim Tag des Handwerks sagte und der eine Rassismus-Debatte zur Folge hatte.

Es geht auch um eine von Tönnies geplante Ausgliederung der Profi-Abteilung aus dem e. V., um den Klub, der einen Schuldenberg von 197 Millionen Euro angehäuft hat, für Investoren zu öffnen. Es geht um entlassene Mini-­Jobber, die für 450 Euro im Monat Fahrdienste übernahmen und nun von einer externen Firma ersetzt werden sollen. Und es geht um den Umgang mit Dauerkarteninhabern, die belegen sollten, weshalb sie ihr Geld für Geisterspiele zurückhaben wollen. Nicht zuletzt spielt die sportliche Situation eine Rolle, 15 Spiele ist Schalke ohne Sieg. All das soll zu einem Fan-Protest führen am Sonnabend, während Schalke zeitgleich das letzte Saisonspiel in Freiburg bestreitet. Nun teilt Werder bei Weitem nicht alle Probleme, die sie in Gelsenkirchen haben. Einen Rassismus-Skandal gibt es nicht, zum Glück. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten. Die finanzielle Situation ist auch bei Werder angespannt. Durch Einnahmeverluste aufgrund der Corona-Pandemie. Aber auch durch einen sehr teuren Kader, der sehr wenig Erfolg hatte und die Handlungsfähigkeit nun enorm einschränkt.

Protest gibt es in Bremen nicht

Ärger um die Rückerstattung von Dauer­karten gibt es auch. Werder räumte die Möglichkeit ein, das Geld zurückzubekommen. Es gab aber auch ein Anschreiben, das die Adressaten duzte und für den Verzicht mit einem Sixpack Bier und einer Fan-Party lockte. Das sorgte für viel Unmut unter Dauerkarten-­Inhabern.

Allem voran ist da die sportliche Situation. Nur ist sie in Bremen noch weitaus dramatischer als in Gelsenkirchen. Sieben von 33 Spielen haben die Bremer gewonnen, im heimischen Stadion gerade mal eins. Es gibt eine lange Liste an Prognosen, die nicht eingetroffen sind. Ziele, die weit verfehlt wurden. All das könnte am Sonnabend zum ersten Abstieg seit 40 Jahren führen bei dem Verein, der mehr Bundesligaspiele hat als jeder andere.

Einen vernehmbaren Protest aber gibt es in Bremen nicht. Keine Plakate am Stadion, keine Proteste in der Stadt, keine Solidaritätsbekundungen. Nichts. Sollte Werder nach dem Spiel am Sonnabend zweitklassig sein, es wäre ein stiller Abschied.

Es fehlt eine Form der Aufmerksamkeit

In erster Linie sind es Ultra-Gruppierungen, die für gelebte Unterstützung oder Protest stehen oder dafür, die Mannschaft für besondere Momente zu sensibilisieren. 500 Fans zogen im vergangenen Juni durch Bremen, als Werder die Namensrechte des Weserstadions an das Immobilien-Unternehmen „Wohninvest Holding GmbH“ verkauft hatte. Vor besonderen Spielen gab es in der Vergangenheit häufig Plakate am Trainingsplatz, speziell vor Nordderbys gegen den HSV. Aber auch vor dem entscheidenden Spiel um den Klassenerhalt gegen Frankfurt im Mai 2016. Die Spieler mussten nach dem Training durch eine große Anzahl von Fans den Weg in die Kabine antreten. Es hat Eindruck gemacht, wenn dort ein paar Hundert Anhänger standen, und so manchem auch Beine.

Diese Form der Aufmerksamkeit fehlt. Den Spielern zu unterstellen, sie wüssten nicht, was auf dem Spiel steht, wäre nicht gerecht. Sie unmittelbar damit zu konfrontieren, sei es beim Training, im Stadion oder nach den Spielen, hat dennoch eine Wirkung, die nicht zu unterschätzen ist. Jetzt gehen sie nach dem Training oder dem Spiel zu ihren Autos und fahren nach Hause, ohne dass es zum Kontakt mit Menschen kommt, die mit Leib und Seele an Werder hängen.

Ein Treffen mit Fanklub-Vertretern ist ausgefallen

Schon als sich der Re-Start des Spielbetriebs abzeichnete, distanzierten sich die Ultras. Sie sind gegen Geisterspiele und für eine Veränderung des Fußballsystems, so haben sie es verkündet. Und sie brechen diese Ankündigung auch nicht. Also gibt es keine Plakate, sei es zur Aufmunterung oder Ermahnung.

In Bremen gab es mehr gelebte Identifikation mit dem Klub als in vielen anderen Städten. Was nicht nur an Ultra-Gruppierungen liegt. Die Bilder der Busankunft am Weserstadion vor dem Spiel gegen Frankfurt am 15. Mai 2016 gingen durch das ganze Land. Bremen ist Werder und Werder ist Bremen, egal wie hart die Zeiten waren, und es gab in jüngerer Vergangenheit verdammt harte Zeiten, dieser Spruch hat gestimmt. Jetzt ist alles still.

Das liegt zum Großteil an der Corona-Pandemie. Größere Versammlungen sind nach wie vor verboten, damit entfällt die wohl wichtigste Ausdrucksmöglichkeit für Gefühle. Es macht auch den umgekehrten Weg unmöglich, dass die Spieler zu den Fans gehen oder den Mitarbeitern. Es war angedacht, ein Treffen zu organisieren zwischen Profis und Vertretern von Fanklubs. Auch ein Gespräch mit Mitarbeitern des Vereins und Spielern wurde diskutiert, um eine unmittelbare Wirkung der Konsequenzen eines Abstiegs zu vermitteln. Beides kam nicht zustande, weil es die Corona-­Maßnahmen nicht zulassen. Die Folgen könnten bitter sein am Sonnabend.

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