Das verlängerte Elend

Viele Chancen hat Werder vergeben, eine letzte bleibt

Das Spiel in Mainz spiegelt die Leistung der ganzen Saison wider – und macht deshalb wenig Hoffnung, dass sich Werder am letzten Spieltag plötzlich doch noch in die Relegation rettet.
22.06.2020, 10:28
Lesedauer: 3 Min
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Viele Chancen hat Werder vergeben, eine letzte bleibt
Von Christoph Sonnenberg

Am 30. Juni 2002 war die Zeit Marco Bodes als Spieler vorbei. In Yokohama, dem Endspielort der WM, verlor er mit der Nationalelf im Finale 0:2 gegen Brasilien. Als Rudi Völler damals Bode in der 84. Minute gegen Christian Ziege austauschte, beendete Deutschlands Teamchef damit auch dessen Karriere. Wer Bode am Sonnabend auf der Tribüne der Mainzer Arena beobachtete, konnte etwas anderes denken. Wie ein Spieler auf der Ersatzbank ruderte Bode in der roten Sitzschale mit dem Oberkörper vor und zurück, sprang auf, tigerte umher, setzte sich wieder hin. „Komm noch mal, Werder!“, schrie Bode, der ja längst Vorsitzender des Aufsichtsrats ist und beigefarbene Hosen und grün-weißes Poloshirt trug statt Stutzen und Trikot. „Komm, noch ein Tor!“, rief er nach dem Anschlusstor zum 1:2.

Es wäre ein wenig überspitzt formuliert, würde man sagen, Bode zeigte auf der Tribüne den Einsatz, den er sich von den Spielern auf dem Platz erhoffte und zu dem er sie mit seinen verbalen Aufmunterungen treiben wollte. Und doch trifft es zu, dass auch nach der Niederlage in Mainz, der 19. in dieser Saison, das Gefühl bleibt, nicht alle haben alles gegeben, um diese zu verhindern. Bode, der seine Karriere mehr der richtigen Mentalität zu verdanken hat denn einem überragenden Talent, könnte etwas Ähnliches gedacht haben.

Zuschauen statt zupacken

Das Spiel in Mainz, das vielleicht wichtigste der Saison (im Falle der Relegation könnte das zu relativieren sein), hat in 90 Minuten komprimiert die komplette Spielzeit widergespiegelt. Mit all ihren Fehlern, den Auf und Abs. Trotz all der negativen Rekorde, die in dieser Saison bereits aufgestellt wurden, blieb immer noch ein klein wenig Hoffnung in dem ganzen Elend auf ein gutes Ende. Das ist auch nach Mainz so, eine winzige Restchance besteht, es geht in die Verlängerung.

Auf einen munteren Start in Mainz, der durchaus eine frühe Führung ermöglicht hätte, folgte abrupt ohne ersichtlichen Grund eine lethargische Phase, die der Gegner zügig mit Toren bestrafte. Tor Nummer eins, nach einem Standard erzielt, steht für viele Gegentore nach ruhenden Bällen in dieser Saison. Tor Nummer zwei steht für mangelnde Aggressivität und Gegenwehr, als Danny Latza durch das Mittelfeld tänzelte und bestenfalls eskortiert wurde, bis er den Treffer durch Boëtius auflegte. Zuschauen statt zupacken, noch so ein Problem, das sich durch die komplette Saison zieht.

An der Laufleistung liegt es nicht

Es folgte eine Phase des Aufbäumens, belohnt durch den Anschlusstreffer Osakos. Statt nachzulegen, da in den verbleibenden 32 Minuten noch alles möglich gewesen wäre, verflachten Werders Bemühungen recht schnell. Und weil die Defensive eben so anfällig ist, wie sie es ist, belohnte sich am Ende der Gegner, in diesem Fall Mainz, mit einem weiteren Treffer.

Der Mannschaft vorzuwerfen, sie habe nicht gewollt, wäre nicht gerecht. Auch das gilt für die Partie in Mainz und zugleich für fast alle der Saison. Die Spieler sind marschiert, Werders Laufdistanz liegt mit 117,1 Kilometer 0,1 Kilometer höher als die der Mainzer. Was eher fehlte, ist die Leidenschaft, ist der Wille, mehr zu investieren, wenn der Gegner auch viel investiert. Dafür gibt es keine statistischen Werte. Aber Fußball hat viel mit Symbolik zu tun, drumherum, aber auch im Spiel selbst. In bestimmten Situationen ein Zeichen zu setzen, und sei es durch ein Foul, kann für die eigene Mannschaft ebenso wichtig sein wie für den Gegner. Das mag sich nach Zeiten eines Stefan Effenbergs oder Lothar Matthäus‘ anhören, gilt aber auch heute noch, es wird nur anders benannt.

Diese Spielart beherrscht diese Mannschaft nicht, auch deshalb wirkte es oft so, als würde sie ihr Schicksal am Ende einfach hinnehmen, statt sich zu wehren, statt sich aufzulehnen. Dass diese Truppe nicht über einen Profis diesen Typs verfügt, ist jedoch kein Zufall. Gesucht und gefunden wurde eine andere Art von Spieler.

Die Saison lässt Abnutzungserscheinungen erkennen

Gefühlt dauert dieser Abstiegskampf bereits die ganze Saison, auch wenn sie sich bei Werder lange davor geziert haben, die Worte Abstieg und Kampf in Kombination zu benutzen. Und er hinterlässt Spuren. Es braucht keinen Profiler, um in den Gesichtern Florian Kohfeldts und Frank Baumanns die Abnutzungserscheinungen zu erkennen, die dieser Kampf mit sich bringt. Baumanns Haare werden nicht nur immer länger und länger, sie werden auch stetig grauer.

Kohfeldt versucht nicht einmal mehr zu erklären, was mal wieder nicht geklappt hat. „Ich werde jetzt nicht mehr nach großen Erklärungen suchen. Wir müssen einfach da sein in solchen Situationen“, antwortete er auf die Frage nach den schweren Fehlern vor den Gegentoren. Ob sich das am Sonnabend gegen Köln ändern lässt? „Das haben wir leider jetzt 33 Spieltage nicht geschafft“, stellte Kohfeldt ernüchtert fest, was nicht gerade sonderlich zuversichtlich klingt.

Das Ende hat Werder nun nicht mehr in der eigenen Hand, was nie eine gute Voraussetzung ist und nicht gerade Hoffnung schürt. Marco Bode schnappte sich nach Spielschluss in Mainz seinen Rucksack und war sehr schnell von der Tribüne verschwunden.

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