Ursachenforschung Werder: Die Schießbude der Liga

Bremen. Werder hat mittlerweile die zweitmeisten Gegentreffer der Liga kassiert. Wo liegt das Problem? An der Taktik und dem Trainer oder an den Spielern und ihrer individuellen Qualität? Eine Ursachenforschung.
25.02.2013, 05:00
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Werder: Die Schießbude der Liga
Von Marc Hagedorn

Bremen. Sechs Gegentore in München, 18 Gegentore in den sechs Spielen der Rückrunde, 47 insgesamt – Werder hat die zweitmeisten Treffer von allen 18 Bundesligisten kassiert. Wo liegt das Problem? Bei der Taktik, für die der Trainer verantwortlich ist? Bei den Spielern, die ihre Vorgaben nicht erfüllen? Oder ist es eine Frage der individuellen Qualität? Ursachenforschung.

Sebastian Mielitz sah müde aus gestern Morgen. "Unruhig" sei die Nacht gewesen, berichtete der 23-Jährige, immer wieder sei er im Kopf die sechs Gegentore aus dem Bayern-Spiel durchgegangen. "Das war deprimierend", sagte der Werder-Torwart, der in seiner ersten Saison als Bundesliga-Stammkraft nun 47 Gegentore kassiert hat. Nur bei 1899 Hoffenheim liegt der Ball häufiger im Netz, aber dort durften sich in dieser Spielzeit auch schon drei Torhüter ausprobieren. Heute haben Mielitz und seine Teamkollegen trainingsfrei: "Das wird mir ganz gut tun."

Werder hat ein Gegentor-Problem, aber kein Torwartproblem. An Mielitz liegt es am allerwenigsten, dass Werder nur drei Mal zu Null gespielt hat in dieser Saison. Bei höchstens einer Handvoll Gegentreffer sah Mielitz nicht gut aus, ein paar Mal – wie bei den 2:1-Siegen in Freiburg und gegen Düsseldorf – hielten seine Paraden zur rechten Zeit Werder im Spiel. Wo, wenn nicht im Tor, liegen dann aber die Bremer Probleme?

Weil Cheftrainer Thomas Schaaf gestern beim Training fehlte, war es an Assistenztrainer Wolfgang Rolff, auf Ursachenforschung zu gehen. Rolff, hochdekorierter Nationalspieler in den 80er Jahren, stand trotz Minusgraden in kurzen Hosen bei den Journalisten und redete Klartext. Werders Spielsystem, das Auftreten der Mannschaft, das Zweikampfverhalten – eine Menge Themen kamen zur Sprache.

Eine Frage der Taktik?

Thomas Schaaf ist seit 1999 Cheftrainer von Werder und die von ihm trainierten Mannschaften haben seitdem unvergessliche Spiele geliefert, mal 5:4 gegen Hoffenheim gewonnen, mal 5:2 in Bayern. Es gab ein 4:4 gegen Stuttgart und recht früh in Schaafs Wirken ein 7:2 in Wolfsburg. Der Werder-Trainer, früher Verteidiger, gewinnt Fußballspiele gern auf die offensive Weise. Jahrelang ist das gut gegangen, seit einigen Spielzeiten stimmt das Verhältnis zwischen geschossenen und kassierten Toren aber nicht mehr. Werder bekommt regelmäßig viel zu viele Gegentore (siehe Statistik rechts). Schaaf findet für dieses Problem schon lange keine Lösung.

Auch in dieser Saison richtet der Werder-Trainer sein Team offensiv aus. Der einzige Sechser im Mittelfeld ist Zlatko Junuzovic, von Haus aus ein Offensivgeist. Vor Junuzovic spielen in der Regel vier weitere Profis, die ihre Stärken im Spiel nach vorne haben: meist Aaron Hunt, Kevin De Bruyne, Marko Arnautovic und Eljero Elia. Und einen Mittelstürmer gibt es in Nils Petersen auch noch. Ist das zu viel Sturm und Drang?

Der FC Bayern, Borussia Dortmund oder Überraschungsmannschaft Eintracht Frankfurt etwa spielen mit einer Doppel-Sechs vor der Abwehr, die dem Mittelfeld mehr Stabilität verleihen soll. Ein Modell auch für Bremen? Schaaf-Assistent Rolff will sich auf eine Systemdiskussion nicht einlassen. "Wir können uns auch mit elf Leuten in den Strafraum stellen", sagt er, "aber wenn nicht das richtige Zweikampfverhalten da ist, bringt das alles nichts." Man kassiere zu viele "einfache Tore", sagt Junuzovic.

Eine Frage der Mentalität?

Rolff nennt Werders Verhalten bei allen sechs Bayern-Toren "naiv". In Werders Kader stehen viele junge Leute, allesamt Profis, die ihren Job ernst nehmen. Aleksandar Ignjovski, Assani Lukimya, Sebastian Prödl, Theo Gebre Selassie oder Lukas Schmitz sind außerhalb des Platzes nette und sympathische Typen. Manchmal sind sie das auch auf dem Platz, was im harten Bundesligageschäft eher von Nachteil ist. Mit Blick auf das 1:6 gegen Bayern sagte Rolff: "Es ist keiner da, der mal ein Zeichen setzt. Es geht nicht darum, jemandem weh zu tun, aber eine gewisse Aggressivität muss da sein." 25 Minuten lang sei man "griffig" gewesen, fand Junuzovic. Dann schossen die Bayern die ersten beiden Tore und das Debakel nahm seinen Lauf.

Die ohnehin überschaubare Portion Mut war weg. "Die Bayern musst du beschäftigen, hat uns der Trainer gesagt", so Petersen, "aber wir haben das nicht umgesetzt." Woher die Angst? "Angst?" fragt Rolff, "das macht doch Spaß, wenn ich Robben oder Ribéry ausschalte. Dann bekomme ich eine gute Presse, das ist doch klasse."

Eine Frage der Qualität?

Vor gar nicht langer Zeit hießen die Spieler in Bremen noch Tim Wiese, Per Mertesacker, Naldo, Torsten Frings, Mesut Özil und Claudio Pizarro. Sie waren ausgebuffte Stars oder auf dem Weg dorthin. Nun sind sie weg und mit ihnen unfassbar viel Qualität. "Das ist jetzt nicht mehr die Mannschaft von vor drei Jahren", sagt Rolff, "früher hatten alle Respekt vor uns, das ist jetzt anders." Nationalspieler haben die Bremer trotzdem immer noch einige, exakt zwölf, darunter etwa Theo Gebre Selassie. Der tschechische Rechtsverteidiger, der im Sommer noch eine so gute Europameisterschaft spielte, steckt in Bremen aber seit Monaten im Tief. "Weil ihm die Frische fehlt", sagt Rolff, "weil er auch Pech im Zweikampfverhalten hat und weil ihm vielleicht manchmal die Unterstützung vom Mann vor ihm fehlt. Dass er grundsätzlich Bundesliga-Niveau besitzt, hat er ja schon gezeigt." Genau wie all die anderen. Grundsätzlich, aber nicht jede Woche.

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