Ehrenpräsident Fischer kritisiert Werder

„Es ist die Angst, sich zu stellen"

Klaus-Dieter Fischer bestimmte über Jahrzehnte als Funktionär bei Werder die Geschicke des Vereins mit. Er erlebte Triumphe und Krisen, im Interview spricht er über die aktuellen Fehler der Verantwortlichen.
30.06.2020, 10:26
Lesedauer: 6 Min
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„Es ist die Angst, sich zu stellen
Von Christoph Sonnenberg
„Es ist die Angst, sich zu stellen"

Ehrenpräsident Klaus-Dieter Fischer ist vom Klassenerhalt überzeugt, er appelliert aber auch an die Mannschaft: „Das ist die letzte Chance!“

Karten Klama

Herr Fischer, steht bei Ihnen als Ehrenpräsident derzeit die Freude über das Erreichen der Relegation im Vordergrund oder die Fassungslosigkeit über die gesamte Saison?

Beides. Die Saison war so katastrophal, dass ich jetzt durchatme, dass wir nicht Zweitletzter geworden sind. Durchatmen aber auch, um Kraft zu sammeln für die Spiele gegen Heidenheim, die sehr schwer werden. Es ist verführerisch zu sagen, die haben wir im Pokal geschlagen. Und dass sie vergangenen Sonntag beim Zweitliga-Meister Bielefeld 0:3 verloren haben. Aber Heidenheim hat eine richtig gute Saison gespielt. Sie zu unterschätzen, darin sehe ich die größte Gefahr.

Oft folgte bei Werder auf eine gute Leistung eine schlechte. Kann das auch in der Relegation passieren?

Ich hoffe, das Team bekommt es einmal hin, über drei Spiele gute Leistungen zu zeigen. Wer beim 6:1 gegen Köln dabei war, sollte wissen was es bedeutet, zu gewinnen. Es ist ein Gefühl, das sie gegen Heidenheim mitnehmen sollten. Meine Hoffnung ist, dass unsere Spieler jetzt endlich wissen, worum es geht. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Vergleicht man die Kader beider Teams, kommt schnell zu dem Schluss, dass Werder überlegen ist. Verleitet das zu Überheblichkeit?

Es reicht nicht, spielerisch besser zu sein, es geht um die richtige Mentalität. Das ist die letzte Chance! Ich weiß gar nicht, wer uns die gegeben hat. Zweimal waren wir weg, jetzt sollten wir es zu Ende bringen.

Verantwortlich dafür sind die Spieler. In der Fehler-Analyse geht es zumeist um den Trainer, den Sportchef. Sind die Spieler zu gut weggekommen für das, was sie geleistet ­haben?

Einen Teil der Spieler haben wir überfordert. Max Kruse nicht zu halten, bleibt für mich der Kardinalfehler. Diesen Verlust – sportlich, aber auch als Typ – durch die Umstellung des Systems zu kompensieren, hat nicht funktioniert. Weil einige Spieler nicht an die Leistung der vergangenen Saison herangekommen sind, sich nicht weiterentwickelt haben. ­Maximilian Eggestein sehe ich da, er hat wenig Führungspersönlichkeit gezeigt. Davy Klaassen, der es trotz großer Laufleistung nicht geschafft hat, verlängerter Arm des Trainers auf dem Platz zu sein. Und die richtige Mentalität in die Mannschaft zu bringen. Die Mannschaft hat einen großen Anteil an der Situation, in der wir uns befinden.

Könnte die Rettung für die Saison entschädigen?

Jeder, der den Fußball liebt, behält das letzte Ergebnis im Kopf. Ist es die Rettung, sagen viele: Ist gut! Aber das darf Werder nicht sagen, sie müssen Entscheidungen hinterfragen und Dinge verändern.

Sollte das transparent geschehen?

Alles kann man nicht nach außen tragen, bestimmte Dinge muss man aber sehr deutlich öffentlich sagen. Dadurch wird auch der Druck auf die Personen, die etwas verändern müssen, erzeugt.

Vieles hat nicht funktioniert, das lässt sich unabhängig vom Ausgang der Relegation sagen. Was sind die Kernfehler, was muss verändert werden?

Ich sehe drei Bereiche. Mannschaft, Geschäftsführer Sport und Trainer. Die restliche Geschäftsführung. Und den Aufsichtsrat.

Fangen wir beim ersten Bereich an.

Kruse habe ich angesprochen, das ist missglückt. Missglückt ist auch die weitere Transferpolitik. Niclas Füllkrug und Ömer Toprak waren nur zu verpflichten, weil sie durch ihre Verletzungsanfälligkeit bezahlbar waren. Das war ein Risiko, das leider nicht aufgegangen ist. Dazu kommt die medizinisch-therapeutische Abteilung. Dort ist seit Jahren der Wechsel die Konstante. Jetzt wird eine medizinische Abteilung im Stadion gebaut, wie wir es früher mit dem „Sporthep“ schon hatten. Und die Praxis, viele Talente zu verleihen, sehe ich kritisch. Hat das jemals funktioniert? Werder sollte die jungen Spieler selber weiter ausbilden.

Sollten Florian Kohfeldt und Frank Baumann im Amt bleiben?

Ich sehe sie, wie man in Bremen sagt, als ein Pott und ein Pann. Sie haben die meisten Entscheidungen gemeinsam getroffen, deshalb kann man sie auch nur gemeinsam sehen. Ein wichtiger Punkt ist, dass Geschäftsführung und Aufsichtsrat beide überfordert haben. Sie mussten viel zu viele Aufgaben zusätzlich übernehmen, zum Beispiel in der Öffentlichkeitsarbeit. Egal ob beim Thema Polizeikosten oder den Corona-Maßnahmen der Stadt gegen Werder, meistens haben nur die beiden gesprochen. Da hätte ich Unterstützung erwartet von Klaus Filbry, Hubertus Hess-Grunewald und auch Marco Bode.

Hat die Sportliche Leitung keine Fehler begangen?

Es sind unglückliche Transfers getroffen worden zu Beginn der Saison. Frank ist sehr reflektierend, sehr überlegend. Manchmal dürfte er ruhig mal auf den Tisch hauen. Aber das ist auch eine Frage der Öffentlichkeitsarbeit. Und da wurden katastrophale Fehler begangen.

Welche meinen Sie?

Zu allererst den Brief an die Dauerkarten-Inhaber, in dem man um ihr Geld gebettelt hat. Dieser Brief entspricht den ethisch-moralischen Ansprüchen Werder Bremens nicht. Die Kunden zu duzen, ihnen ein Sixpack Bier und die Möglichkeit anzubieten, sich Kurvenheld nennen zu dürfen – da lache ich mich kaputt! Sehr häufig bin ich darauf angesprochen worden und habe mich zutiefst geschämt. Nur Schalke 04 hat uns da noch übertroffen. Eine Aktion, die uns enorm geschadet hat und für die wir noch viel Abbitte werden leisten müssen.

Dieter Burdenski hat angemahnt, Werder höre nicht auf externe Meinungen. Wie sehen Sie das?

Es ist die Angst, sich zu stellen. Die Verantwortlichen haben einen Kokon gebaut, der sie schützt oder vielleicht schützt. Filbry ist bereit, sich beraten zu lassen. Entscheidend ist aber, zu wissen, wer sie beraten kann. Die, die ihnen nach dem Mund reden? Die können es nicht sein. Man muss bereit sein, sachlich zu diskutieren. Genau das ist es, was fehlt.

Bleibt der Aufsichtsrat. Erfüllt er die Rolle, die er erfüllen sollte?

Marco Bode hat als Vorsitzender einen Aufsichtsrat um sich, der durch die Persönlichkeiten der Mitglieder und ihre Kompetenzen stärker besetzt ist als je zuvor. Die Leute wissen, wie man ein Unternehmen führt, sie sind gut vernetzt. Sie üben ihre Aufsicht aus, sie fragen aber nicht nach. Im Oktober letzten Jahres wurde der Vertrag mit Klaus Filbry verlängert, kommuniziert wurde das aber erst im Januar 2020. Warum? Was gibt es zu verbergen, dass man das nicht mitteilt? Tarek Brauer, Werders Justitiar, wurde in die Geschäftsleitung berufen, weil er Aufgaben Hess-Grunewalds übernommen hat. Ein schlauer Kopf. Also warum sagt man das nicht? Aus Angst, dass diese Entscheidungen nicht ankommen? Das kreide ich dem Aufsichtsrat an. Aber das ist dieser Konkon, sie sind abgeschlossen, bleiben unter sich.

Bleibt die Frage, ob Kohfeldt und Baumann im Amt bleiben sollten.

Mit meiner Erfahrung aus den Zeiten mit Otto Rehhagel und Thomas Schaaf, mit meiner grün-weißen Seele ist die Hoffnung verbunden, wieder eine Ära zu erleben. Auch wenn die finanziellen Möglichkeiten gänzlich anders sind. Das Paar Kohfeldt und Baumann verspricht Zukunft für Werder. Beide haben so viel Potenzial, unterstützt von Marco Bode, den ich mit hinzunehmen würde, dass sie Werder aus dieser Misere herausführen können.

Es braucht, unabhängig der Ligazugehörigkeit, neue Impulse für eine Aufbruchsstimmung. Können Bode, Baumann und Kohfeldt die setzen?

Ich hoffe, dass wir durch den Klassenerhalt – und wir werden die Klasse halten –, ein solcher Impuls ausgeht, dass einiges damit ausgeglichen wird. Anderes, dazu gehört der Umgang mit Dauerkarteninhabern, das Thema Wohninvest, die fehlende Lobby in der DFL und das Verhältnis zur Stadt, sicher nicht. Bei Innensenator Ulrich Mäurer gilt: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.

Ist das nicht ein „Weiter so“?

Nach außen muss dargestellt werden, an welchen Stellschrauben gedreht wird. Das geht über die Medien, mit einer Pressekonferenz mit Baumann, Kohfeldt, Filbry und Bode. Das muss nach der internen Saisonanalyse passieren und es müssen klare Maßnahmen verkündet werden, die sich aus dieser Analyse ergeben. So findet im gewissen Maß eine öffentliche Kontrolle statt.

Und was passiert, wenn Werder doch absteigt?

Ich sage auch für diesen Fall aus Überzeugung: Macht das wieder gut! Und ich bin sicher, dass Baumann, Kohfeldt und Bode es schaffen. Mit bestimmten Veränderungen. Baumann muss energischer werden, Kohfeldt seinen Abstand zur Mannschaft erhöhen. Und Bode muss nach außen kommunikativer werden. Dann bin ich optimistisch für Werders Zukunft.

Info

Zur Person

Klaus-Dieter Fischer (79)

ist seit 1955 Mitglied bei Werder und seit ­Dezember 2014 Ehrenpräsident. Zuvor hat er über Jahrzehnte als Funktionär die Geschicke Werders mitbestimmt und in dieser Zeit alle Titel und Triumphe der Vereinsgeschichte ­miterlebt – allerdings auch die Krisen.

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