„Das ist eine absolute Frechheit" Ein Fan-Gespräch über Geisterspiele und Gehaltsverzicht

Der Fußball will, dass in der Bundesliga möglichst schnell wieder gespielt wird. Aber was wollen die Fans? Eine Diskussion über den Sonderweg des Profi-Fußballs und welche Folgen dieser haben könnte.
29.04.2020, 15:47
Lesedauer: 9 Min
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Ein Fan-Gespräch über Geisterspiele und Gehaltsverzicht
Von Christoph Sonnenberg

Seit Mitte März steht rollt kein Ball mehr. Fehlt Ihnen der Fußball?

Holger Parchmann (Foto: Mitte): Es fehlt generell der Kontakt mit Freunden und anderen Menschen. Das macht mit Fußball noch viel mehr Spaß. Er fehlt als Teil der Geselligkeit.

Marc Terborg (Foto: rechts): Mir fehlt er von Tag zu Tag immer mehr. Zunächst hatte das einen Sommerpausen-Charakter, aber selbst da hat man zumindest Transferspekulationen oder ähnliches. Da auch das gerade total abgeht, ist das für mich eine harte Zeit.

Hanno Amenda (Foto: links): Mir fehlt der Fußball sehr. Auch im sehr persönlichen Umfeld. Ich spiele selbst noch aktiv, meine beiden Söhne ebenfalls. Die Bewegung, das Spiel an sich und natürlich auch die 3. Halbzeit fehlen einfach. Und natürlich auch die Bundesliga. Ich verpasse kein Spiel meines Lieblingsvereins – auch der Austausch mit Freunden und Kollegen am Montagmorgen im Büro.

Wenn es wieder Spiele gibt, wird es Geisterspiele geben. Wie stehen Sie zu Spielen ohne Zuschauer?

Terborg: Als das Thema aufkam, dachte ich zunächst, dass es totaler Quatsch ist, ohne Zuschauer Fußball zu spielen. Mittlerweile, da wir alle total ausgedörrt sind, würde ich mich darüber freuen. Ich würde keinen Ton anmachen, stattdessen ein bisschen Musik. Hauptsache, es geht weiter.

Amenda: Eine schreckliche Vorstellung. Zu Hause mit einer für mich sehr sterilen Stimmung ein Spiel zu schauen, ist keine schöne Vorstellung. Dennoch, ich würde gerne wieder aktuelle Spiele sehen, und nicht zum 10. Mal die Wiederholung des 7:1 von Deutschland gegen Brasilien 2014.

Parchmann: Das ist nicht der Fußball, den wir kennen und lieben. Es ist wie bei den Benefizkonzerten von Lady Gaga oder den Stones vor ein paar Tagen: Ohne 50.000 Zuschauer, die Stimmung machen, ist es etwas anderes. Aber es ist besser als kein Fußball.

Terborg: Die Erfahrung haben wir ja bisher nicht gemacht. Vielleicht ist es wie Frauenfußball gucken, da ist ja auch nie Stimmung und man hört Kindergeplärre im Hintergrund.

Wie würden Sie Geisterspiele schauen?

Amenda: Ich schaue tatsächlich sehr gerne alleine, das war schon immer so. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich als zugereister Schalke-Fan niemanden finde, der mit mir zusammen gucken möchte. Nein, Spaß beiseite. Sollte es wirklich Geisterspiele geben – was ich nicht hoffe –, wird es natürlich schön sein, das ein oder andere Spiel zusammen mit Freunden und einem kühlen Bier zu schauen.

Parchmann: Da ich kein Sky-Abonnement habe, weiß ich es nicht und müsste es erst organisieren. In Gruppen sollte und würde ich es nicht tun, das würde die Sinnhaftigkeit der bisherigen Maßnahmen auf den Kopf stellen.

Terborg: Ein Sky-Abo habe ich auch nicht, ich könnte nur bei Freunden gucken. Ich weiß gar nicht, ob es verboten ist, mit mehreren zu schauen. Das würde mich aber auch nicht interessieren. In großen Gruppen macht es mir eh keinen Spaß. Zwei, drei Freunde mit Sachverstand, das ist für mich der richtige Rahmen. So würde ich es tun.

Dortmunds Boss Joachim Watzke hat gerade gesagt, der Fußball würde „Millionen Fans ein wenig Lebensfreude" in die Wohnzimmer bringen. Hat der Fußball diese gesellschaftliche Relevanz oder schreibt er sie sich nur zu?

Parchmann: Fußball ist nach wie vor wichtig und gehört zu den fünf Top-Themen, wenn Menschen sich unterhalten. Aber diese Selbstverständlichkeit, anzunehmen dass alle in Deutschland das einfach alles positiv bewerten, verwundert mich aber schon. Ich denke, dass mindestens die Hälfte der Menschen in diesem Land mit dem Kopf schütteln und kein Verständnis dafür haben, dass der Fußball eine Sonderrolle zugesprochen bekommt.

Terborg: So sehe ich das auch.

Amenda: Sicherlich hat der Fußball eine gewisse gesellschaftliche Relevanz, für viele Menschen ist er gar Lebensinhalt. Die Bundesliga ist sicherlich gut geeignet, ein Stück Normalität und Abwechslung in unserer Leben zurück zu bringen. Aber auch andere Veranstaltungen oder auch das Beisammensein mit Freunden und der Familie haben für mich die gleiche Relevanz und sind für das menschliche Leben und Miteinander nicht minder wichtig.

Alle Funktionäre des Fußballs betonen immer wieder, dass der Fußball keine Sonderrolle beanspruche. Stimmt das?

Terborg: Das ist ein Sonderweg. Es ist schwer vermittelbar, dass für viele Sportarten andere Regeln gelten als für den Profi-Fußball.

Amenda: Selbstverständlich reklamiert der Fußball einen Sonderweg. Der ist unilateral gesehen aber nicht in Ordnung. Ich kann es doch anderen Vereinen, Sportarten, Firmen nicht erklären, warum das für ihren Bereich nicht möglich sein soll. Die haben ebenfalls zu kämpfen und stehen nicht selten gerade vor dem Nichts. Fairerweise und vor dem Solidargedanken wäre es daher wohl besser, keine Spiele mehr stattfinden zu lassen.

Parchmann: Keine andere Sportart diskutiert eine Rückkehr so wie der Fußball es tut. Es wird mit Kanzlerin Angela Merkel darüber verhandelt. Der Fußball nimmt damit eine Sonderrolle für sich in Anspruch. Vereine wie THW Kiel im Handball oder Alba Berlin im Basketball haben mehr Fans als Wolfsburg oder Hoffenheim. Da besteht ein deutliches Konfliktpotential.

Schadet die Inanspruchnahme einer Sonderrolle der Glaubwürdigkeit des Fußballs?

Parchmann: Gleich die ersten Aussagen von Dortmunds Joachim Watzke oder Bayerns Karl-Heinz Rummenigge haben verdeutlicht, dass es um wirtschaftliche Gesichtspunkte geht. Ein Glaubwürdigkeitsproblem sehe ich deshalb nicht. Ein Problem ist eher die positive Bewertung, bald wieder spielen zu wollen. Das sehen meiner Ansicht nach viele anders. Und die könnten dauerhaft auf Distanz gehen.

Amenda: Ich denke schon, denn es werden in meiner Wahrnehmung ausschließlich wirtschaftliche Interessen ins Feld geführt und eben nicht die gesellschaftliche Relevanz.

Terborg: Mir gefällt nicht, dass Politiker wie Markus Söder oder Armin Laschet sich derzeit über den Fußball zu profilieren versuchen. Dass sie dafür eintreten, dass bald wieder gespielt werden soll, um ihre Popularitätswerte zu erhöhen.

Parchmann: Dass es Zufall ist, dass sich gerade zwei Politiker besonders engagieren, die vielleicht mit der Kanzlerkandidatur liebäugeln, glaube ich auch nicht. Gleichzeitig haben sie mit Bayern München und Borussia Dortmund die größten Klubs in ihren Bundesländern. Der Fußball hat zuletzt verschieden Probleme gehabt, die Diskussion um 50+1, Videoschiedsrichter, die Langeweile in der Meisterschaft (Liga) –, all das wird nicht dazu beitragen, dass er beliebter wird. Es könnte durchaus sein, dass sich durch die aktuelle Situation mehr Leute distanzieren. So, wie es bei der Nationalmannschaft schon geschehen ist.

In der jüngeren Vergangenheit habe viele Klubs Jahr für Jahr Umsatzrekorde ausgewiesen. Jetzt bedrohen möglicherweise neun ausgefallene Spieltage die Existenz vieler Klubs. Ist es überraschend, dass es trotz hoher Millionensummen so wenige Rücklagen gibt?

Parchmann: Es gibt eine große Spaltung in der Liga. Die Klubs, die nicht regelmäßig Champions League spielen oder keinen Super-Sponsor wie Red Bull haben, müssen permanent am Limit agieren, um dabei sein zu können. Dass da kein Spielraum für Rücklagen ist, überrascht mich nicht.

Terborg: Wenn man liest, was für ein Rad da gedreht wird, welche Summen da bewegt werden, konnte man daraus schließen, dass einige Klubs immer am Limit sind. Dass es der Großteil der Liga ist, hat mich doch überrascht. Und es ist auch beängstigend, dass sie sich nicht mal ein paar Monate über Wasser halten können. Jetzt erfährt man erst, wie viele Jahre einige Klubs ihr Geschäft so auf Kante genäht betreiben. Zum Beispiel wie hoch verschuldet Schalke tatsächlich ist.

Amenda: Auch für mich ist überraschend und unverständlich, wie schnell so etwas gehen und wie fragil das System offensichtlich ist. Wahrscheinlich ist ein konservatives wirtschaften, also Rücklagen bilden, gar nicht möglich, da jeder Cent sofort wieder in den Kreislauf gesteckt wird.

Die Branche steht vor einer Arts Bestandsaufnahme. Könnte daraus ein Umdenken entstehen?

Terborg: Nein, glaube ich nicht.

Parchmann: Ich auch nicht.

Amenda: Ich denke und hoffe ein wenig, dass die Bundesliga zehn, 15 Jahre in ihrer Entwicklung zurückversetzt wird und das Thema Gehälter und Ablösesummen diese absolut irren Dimensionen verlässt.

Terborg: Sie werden versprechen, sich in Zukunft besser aufzustellen, aber wenn der Ball erst wieder rollt, läuft alles wie bisher.

Parchmann: Die Pause müsste schon eineinhalb Jahre dauern und alles kaputt sein. Bei drei, vier Monaten wird sich nichts verändern. Außer, dass die Spaltung zwischen arm und reich weiter zunehmen wird.

Viele Vereine, darunter auch Werder, hoffen darauf, dass Zuschauer Geld für bereits gekaufte Tickets nicht zurückverlangen. Ist das in Ordnung?

Terborg: Das muss man differenzieren. Ich habe meine beiden Dauerkarten über meine Firma gekauft, ich würde es als Solidarität zu meinem Verein verbuchen und das Geld nicht zurückverlangen. Wer sich eine Dauerkarte abspart, hat in meinen Augen das Recht, eine Gegenleistung einzufordern.

Parchmann: Viele Branchen gehen über das Gutscheinprinzip, ob es Tourimusunternehmen sind oder Konzertveranstalter. Sie versuchen, nicht sofort hohe Summen zurückerstatten zu müssen. Das finde ich legitim, auch für den Fußball. Und ich glaube auch, dass viele Fans das annehmen und akzeptieren.

Amenda: Solidarität ist keine Einbahnstraße. Ich finde es völlig in Ordnung, die Fans darum zu bitten. Dennoch sollte man auch an Härtefälle denken. Es gibt sicherlich Leute und vor allem Firmen, die gerade um Ihre Existenz kämpfen. Der Mitarbeiter in Kurzarbeit hat wahrscheinlich wenig Verständnis, wenn die eigene Firma auf Erstattung von Karten oder Logenmieten verzichtet, gleichzeitig aber die Bezüge der eigenen Belegschaft kürzt. Das passt nicht zusammen.

Obwohl nicht gespielt wird, verdienen die Spieler weiterhin hohe Summen. In vielen Fällen, auch bei Werder, ist nicht transparent, auf wie viel Gehalt sie verzichten und über welchen Zeitraum. Wäre es gut, diese Summen klar zu benennen?

Parchmann: Werder hat seine Angestellten in Kurzarbeit geschickt, die mit 60 oder 67 Prozent ihres normalen Gehaltes leben müssen. Ich hätte es als solidarisch empfunden, wenn Spieler, Trainer und Management ihrerseits die Bezüge auf 60 oder 67 Prozent reduziert hätten.

Amenda: Absolut! Wenn die kickenden Millionäre – wie in vielen anderen Bereichen und Branchen auch – einen Gehaltsverzicht für ein paar Monate von 30 bis 40 Prozent in Kauf nehmen, kann man Millionen sparen. Und die Profis müssten aus meiner Sicht auch nicht gleich zum Sozialamt rennen, um Hartz IV zu beantragen. Hier geht es um Solidarität, die auch von den Fans eingefordert wird. 10 Prozent Gehaltsverzicht sind meiner Meinung nach unsolidarisch und eine absolute Frechheit.

Terborg: Man hofft immer darauf, dass bei den Spielern eine Identifikation mit dem Klub vorhanden ist, aber leider sind das Ausnahmen. Es wäre ein guter Moment gewesen, mit gutem Beispiel voran zu gehen und auf Geld zu verzichten. Aber die sehen zu, dass sie ihre Schäfchen ins Trockene bekommen. Wenn sie nächste Saison nicht bei Werder spielen, spielen sie eben woanders.

Parchmann: Ich hätte es gut gefunden, wenn sie gesagt hätten: So lange wir nicht spielen können, bringen wir keine 100 Prozent Leistung für die Firma und verdienen entsprechen weniger Geld. Gerade Spieler, die lange im Geschäft sind, haben genug verdient und hätten ein Signal setzen können. Gerne auch vereinsübergreifend. Das hätte dem Ruf des Profi-Fußballs gut getan.

Es wird weniger Geld im Fußball zirkulieren, das bedeutet weniger Geld für Transfers und Gehälter. Wird die Branche gesundschrumpfen?

Parchmann: Schwer vorstellbar. In Teilen vielleicht, die gesamte Branche eher nicht.

Terborg: Klubs mit schwerreichen Investoren wird es weiter geben. Wenn die beginnen, Geld auszugeben, hat das einen Schneeball-Effekt und wird weiter verteilt und alles läuft wie bisher.

Amenda: Dass der Fußball auch nach der Krise von wirtschaftlichen Interessen geprägt sein wird, steht außer Frage. Ich denke jedoch, dass das Profigeschäft ein bisschen geerdet wird und nicht mehr 15 Millionen Euro für einen völlig durchschnittlichen Spieler gezahlt werden. Es wird schlicht das Geld fehlen, die irren Fehlentwicklungen aufrecht zu halten

Werder muss einen Kredit aufnehmen, um die Existenz zu sichern. Geld für den Umbau des Kaders ist nicht da. Welche Folgen hat das?

Terborg: Dass Werder die Rückkehr von Leihspielern wie Manuel Mbom oder Romano Schmid so prominent und frühzeitig verkündet, ist ein Fingerzeig für die Fans, was in der nächsten Saison zu erwarten ist. Transfers, die in den vergangenen Jahren getätigt wurden, sind definitiv nicht mehr möglich.

Parchmann: Das ist auch gut so. Zuletzt wurden nur gestandene Profis wie Toprak oder Sahin gekauft. Jetzt auf Talente zu setzen, finde ich nicht verkehrt. De Frage ist, was das mit der Liga macht, wenn viele Klubs so arbeiten. Es ist ja jetzt schon langweilig, Bayern wird Meister und in der Champions League spielen immer dieselben Klubs. Wenn andere nur noch auf A-Jugendspieler setzen können, wird es nicht spannender. Dann werden irgendwann Regularien her müssen, die für einen sportlich attraktiveren Wettkampf sorgen.

Wäre es für Werder aus sportlicher Sicht besser, die Saison abzubrechen, oder reicht es mit Geisterspielen für die Rettung?

Parchmann: Ich fürchte, der Abbruch ist für Werder die einzige Chance, den Abstieg zu vermeiden.

Terborg: Ich würde mich besser fühlen, es würde über den sportlichen Wettkampf klappen, aber ich glaube es nicht. Da habe ich wenig Hoffnung.

Amenda: Manchmal kann ein Reset und Neubeginn ja durchaus helfen. Ich würde Werder in der Bundesliga sehr vermissen – sie gehören einfach dazu.

Hanno Amenda, 49, ist Prokurist bei Hanseat Reisen und Schalke-Fan. Holger Parchmann, 49, arbeitet als Projektingenieur und ist Werder-Fan. Marc Terborg, 48, ist Bauunternehmer und Dauerkarten-Inhaber bei Werder.

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