Das Relegations-Rückspiel in der Analyse

Einfach ist besser

Werder übersteht gegen den 1. FC Heidenheim eine Partie mit einigen Wendungen, entwickelt diesmal die richtigen Lösungen - setzt sich am Ende aber vor allen Dingen dank der höheren Qualität im Kader durch.
07.07.2020, 13:47
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Rommel
Einfach ist besser
Rudel/Pool/gumzmedia/nordphoto

Werder-Coach Florian Kohfeldt veränderte seine Aufstellung auf drei Positionen: Ludwig Augustinsson, Kevin Vogt und Joshua Sargent begannen für Philipp Bargfrede, Niclas Füllkrug (beide Bank) und Moisander (Gelb-Rot-Sperre). An der Grundordnung hielt Kohfeldt dagegen fest, Werder war wie so oft in einem 4-3-3 unterwegs.

Auch Heidenheim tauschte dreifach, allerdings unter anderen Gesichtspunkten. Marc Schnatterer und Robert Leipertz (für Kevin Sessa und Maurice Multhaup) waren geplante Wechsel, der kurzfristige Ausfall von Timo Beermann, der sich beim Aufwärmen verletzte, durchkreuzte Frank Schmidts Pläne aber gehörig. Linksverteidiger Norman Theuerkauf rückte ins Zentrum, Jonas Föhrenbach dafür auf die linke Seite. Am flachen 4-4-2 änderte das aber nichts.

Die erzwungene Umstellung in der Abwehr war ein erstes Problem für die Gastgeber, aber nichts im Vergleich zum Schlag in die Magengrube nach 140 Sekunden. Theuerkaufs Eigentor veränderte die Gemengelage drastisch, wenngleich da noch genug Zeit für die Gastgeber blieb. Für eine Defensivmannschaft wie Heidenheim ist ein Zwei-Tore-Rückstand gegen einen Bundesligisten aber eine sehr große Aufgabe.

Spiel auf zweite Bälle

Das Zwischenergebnis hatte natürlich auch Einfluss auf die Herangehensweise beider Mannschaften. Werder spielte entgegen seiner Gewohnheit einen recht einfachen Fußball. Marco Friedl und Milos Veljkovic spielten schnell hoch in die Tiefe. Werder wollte auf zweite Bälle gehen und mit deutlich mehr Gegenpressingmomenten arbeiten als noch im Hinspiel, als das Verhalten nach Ballverlust schlecht war. Heidenheim wurde damit beschäftigt und das Risiko im eigenen Aufbau gleichzeitig minimiert.

Heidenheim sprang in den ersten zehn Minuten ein bisschen wild durch die Formationen, verteidigte mal mit Dreier-, dann wieder mit Viererkette. Offenbar verursachten der Ausfall von Beermann und das Gegentor erhebliche Konfusion. Jedenfalls hatten die ansonsten so robusten Zweikämpfer enorme Probleme im Kampf um die zweiten Bälle und ließen in zehn Minuten mehr Torchancen für den Gegner zu als im gesamten Hinspiel.

Schmidt stellt früh um

Nach zehn Minuten stellte Schmidt dann um auf ein klares 3-5-2 und beließ es dabei auch. Das brachte mehr Ruhe und Stabilität in der Restverteidigung, zudem konnten die Flügelspieler Schnatterer und Föhrenbach die Bremer Außenverteidiger jetzt früher in Empfang nehmen. Das Problem im Pressing hatte aber weiter Bestand: Werders Innenverteidiger standen breit auseinander, die Wege für Kleindienst und Thomalla als Pressingspitzen waren dadurch sehr weit.

Der im Zentrum zurückfallende Vogt stellte nicht nur eine Drei-gegen-Zwei-Überzahl her, sondern war durch die größere Distanz zwischen den drei Bremer Aufbauspielern auch mit genug Zeit und Raum ausgestattet, alternativ zu den langen Bällen auch mal mit einem Kontakt flach angespielt zu werden oder selbst ins Mittelfeld zu dribbeln. Dort zeigten sich Rashica, Osako und Sargent immer mal wieder gut zwischen den Linien beziehungsweise entwischten ihren direkten Gegenspielern.

Heidenheim stößt an seine Grenzen

Werder blieb zunächst seiner Mischung aus Mittelfeld- und Angriffspressing im 4-4-2 treu, zog sich dann Mitte der ersten Halbzeit immer weiter zurück - ohne dabei aber passiv zu werden. Sargent und Osako störten vorne, Rashica und Klaassen verteidigten teilweise sehr tief auf den Flügeln mit. Heidenheim versuchte es mit den gewohnten Mitteln, mit langen Bällen in die Spitze, ab und zu auch mal mit einer Seitenverlagerung oder ein paar wenigen spielerischen Momenten, wenn Dorsch am Ball war. Aber weder konnten sich die Angreifer in der Luft durchsetzen, noch stimmte das Nachrückverhalten der Mitspieler. Und Dorsch allein war mit der Rolle als Spielgestalter überfordert.

Heidenheim stieß im Offensivspiel sehr schnell an seine Grenzen, die Probleme der Mannschaft ohne einen zentralen Kreativspieler wurden mehr als offensichtlich. Dazu kam die deutliche Unterlegenheit der Einzelspieler. Selbst im Ansatz gute Vorträge machte irgendwann ein einfacher technischer Fehler zunichte. Werder hatte deshalb auch keine Schwierigkeiten, den Vorsprung in die Pause mitzunehmen.

Erneute Umstellung lässt Werder kurz wackeln

Schmidt reagierte nach der Pause und ging schnell hohes Risiko. Mit David Otto und Stefan Schimmer kamen zwei Angreifer, vor allem aber eine erneute Umstellung der Grundordnung: Heidenheim formierte sich in einer Mischung aus 4-3-3 und 4-4-2 mit der Raute. Otto ging dafür auf die Zehn, Schimmer neben Kleindienst in den Angriff. Grießbeck war einziger Sechser. Nun hatten die Gastgeber in Otto einen direkten Gegenspieler für Vogt und konnten die Bremer quasi spiegeln.

Werder zeigte in den ersten fünf Minuten eine Kurzzusammenfassung aller schlechten Momente dieser Saison: Ohne Spannung und Aufmerksamkeit, mit Problemen bei Standards und in der Zuordnung im eigenen Strafraum. Der Ausgleich wäre nur folgerichtig gewesen, Heidenheim fehlte es in dieser starken Phase aber auch an der Klasse im Torabschluss und damit in letzter Konsequenz auch an der nötigen Effizienz für so ein Spiel.

Anders als in vielen anderen Partien behielt Werder den Überblick und bespielte nach und nach die Räume, die Heidenheims offensivere Formation hergab. Über die Halbräume neben Grießbeck ging es mit Tempo nach vorne. Aber weder über diese herausgespielten Momente noch nach den Standards konnte Werder das zweite Tor und damit den Sack zumachen.

Die höhere Qualität macht den Unterschied

Schmidt nahm Mitte der zweiten Halbzeit seine beiden Achter runter und brachte positionsgetreu frische Kräfte, das Signal war aber klar: Ohne Dorsch wollten die Gastgeber nur noch wenig Fußball spielen und erhofften sich durch Tobias Mohr und Kevin Sessa über Dribblings und vor allen Dingen Flanken aus den Halbräumen mehr Druck. Zusammen mit dem starken Busch konnte Heidenheim besonders über rechts immer wieder kurzzeitig Räume öffnen, spielte dann aber zu schlampig und unkonzentriert rund um den Sechzehner. Werders Antwort mit dem zurückgezogenen Vogt und der Umstellung auf eine Fünferkette in der letzten Linie zeigte zudem Wirkung. Umso überraschender fiel kurz vor dem Ende der Ausgleich, nach einer Alibi-Abwehraktion des eingewechselten Niclas Füllkrug.

Kohfeldt brachte mit Christian Groß für Sargent noch einen zusätzlichen kopfballstarken defensiven Mittelfeldspieler, um seine müder werdende Mannschaft gegen die zu erwartenden Flanken zu rüsten. Das nächste Heidenheimer Geschenk leitete auf der Gegenseite aber die Entscheidung ein, der Ausgleich am Ende war nur noch wichtig für die Statistik.

Anders als im Hinspiel hatte Werder dieses Mal auf die Heidenheimer Versuche immer eine Antwort parat. Kohfeldt entwickelte einen einfachen, aber effizienten Plan und hatte auch das notwendige Glück, dass ihm der Gegner so früh in die Karten spielte. Aus spieltaktischen Gesichtspunkten agierten beide Mannschaften vielleicht noch einigermaßen auf Augenhöhe, die deutlich größere Erfahrung und auch Qualität im Bremer Kader gab letztlich aber den Ausschlag und führte zu einem verdienten Gesamtsieg in der Relegation.

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