Erinnerungen an „gute Zeit“ unterm Hallendach Könige auf Kunstrasen

Als die Winterpausen in Deutschland noch lang waren, wurde regelmäßig unter dem Hallendach gekickt. Auch bei Werder nahm man die Turnierteilnahmen sehr ernst, Ex-Profis denken noch heute gern an damals zurück.
05.01.2021, 16:39
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Von Daniel Cottäus

Otto Rehhagel hatte es strikt verboten, was seine Spieler aber nur wenig störte. Am Abend kehrten sie trotzdem in eine Dortmunder Kneipe ein, nachdem sie das Teamhotel zuvor klammheimlich verlassen hatten. „Wir mussten ja einiges aufarbeiten“, erinnert sich Thomas Wolter, „denn so konnte es nicht weitergehen“. Also: Besprechung mit Bier. So beginnt die Entstehungsgeschichte eines Werder-Erfolgs, der zwar keinen Spitzenplatz in der Vereins-Chronik einnimmt, dennoch bis heute fast vergessen ist: Im Januar 1989 feierten die Bremer ihren einzigen Sieg beim Hallenmasters des DFB. Bis zur Abschaffung der Turnierreihe im Jahr 2001 sollten für Werder noch viele kuriose Kapitel auf Kunstrasen folgen. Sie handeln von fliegenden Torhütern, plötzlichen Karrieresprüngen und konspirativen Treffen am Pissoir. Eine Zeitreise unters Hallendach.

Zunächst einmal, der guten Reihenfolge wegen, zurück in die Dortmunder Kneipe, zurück zur Krisensitzung. Nachdem die Mannschaft am ersten Turniertag beinahe in der Gruppenphase gescheitert und nur knapp hinter dem VfB Stuttgart als Zweiter ins Halbfinale eingezogen war, ergriff Manni Burgsmüller am Abend das Wort. Von 1976 bis 1983 hatte er in Dortmund gespielt, „und so wollte er sich vor seinen Leuten nicht präsentieren“, erinnert sich Wolter. Burgsmüllers Bitte: „Reißt euch zusammen, Leute.“ Und seine Mitspieler – neben Wolter zählten unter anderem Thomas Schaaf, Mirko Votava, Torhüter Oliver Reck und Dieter Eilts zum Kader – taten es. Ein 4:1 im Halbfinale gegen Frankfurt, ein 6:3 im Endspiel gegen Stuttgart (für das die Jungspunde Jürgen Klinsmann und Maurizio Gaudino spielten) – und Werder hatte als amtierender Deutscher Meister vor rund 10 000 Zuschauern in der Westfalenhalle auch den Hallentitel geholt. Torwart Reck blickt zurück: „Wir hatten bei diesen Turnieren immer sehr viel Spaß.“ Und zu verdienen gab es dabei auch etwas.

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Manager Willi Lemke ließ seine Spieler während der damals noch deutlich längeren Winterpause gerne bei fünf, sechs Turnieren antreten, damit Werder auch in der bundesligafreien Zeit Geld einnimmt. „Für den Verein war das ein gutes Zubrot“, sagt Reck, „wir Spieler sind aber auch nicht zu kurz gekommen.“ Mit Lemke gab es folgenden Deal: Die Antrittsgage – beim Finalturnier 1989 waren es 40 000 DM – ging immer komplett an den Verein, an der Siegprämie – für den Erfolg in Dortmund gab es 100 000 DM zusätzlich – wurden die Profis beteiligt. Auch das trug einen Teil dazu bei, dass die Bremer mehr und mehr Gefallen am Hallenkick fanden – bisweilen hatte der aber auch unangenehme Seiten.

In den 1980er Jahren trat Werder am Neujahrstag beim internationalen Turnier in Zürich an und gewann es dummerweise, „denn so mussten wir im nächsten Jahr als Titelverteidiger wieder hin“, erinnert sich Wolter. Mehrere Jahre in Folge ging das so. Treffpunkt zur Abreise war am 1. Januar stets um 6.45 Uhr am Bremer Flughafen. Frohes Neues!

Einige Jahre später setzte dann die jüngere Bremer Spielergeneration die große Hallen-Begeisterung fort. Björn Schierenbeck, der heute das Nachwuchsleistungszentrum des Vereins leitet, erspielte sich 1997 auf Kunstrasen sogar einen Profivertrag. Beim Bremer Hallenturnier hatte der Amateurspieler ausgeholfen und war prompt Torschützenkönig geworden. „Obwohl ich nicht gerade das Gardemaß für die Halle habe“, blickt der 1,95-Meter-Mann zurück. Trainer Dixie Dörner wollte ihn nicht mehr ziehen lassen. In der Rückrunde kam Schierenbeck 13 Mal zum Einsatz.

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Unvergessen auch die Anekdote, wie Otto Rehhagel einige Jahre zuvor Mario Basler von Hertha BSC zu Werder gelotst hatte: indem er ihm während des Turniers in der Berliner Deutschlandhalle am Pissoir einen Zettel mit seiner Telefonnummer zusteckte. „Otto raunte: ,Rufen Sie mich heute Abend an’. Dann verschwand er wieder“, schreibt Basler in seiner Biografie. Zwei Tage später unterschrieb er bei Werder, wo er große Jahre erlebte und in der Halle als fliegender Torhüter begeisterte.

Ein immer enger werdender Terminplan der Proficlubs, eine entsprechend kürzere Winterpause und das erhöhte Verletzungsrisiko sorgten schließlich für das Aus des Hallenfußballs in seiner damaligen Form. Werders Budenzauberer von einst trauern ihm etwas nach. „Ich war Fan davon“, sagt Thomas Wolter. Auch Oliver Reck „musste man nie zwingen“. Am besten bringt es aber vielleicht Christian Brand, der Hallenmasters-Torschützenkönig von 1998 und heutige Bremer U 19-Trainer auf den Punkt: „In der Halle hatten wir eine gute Zeit.“

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