Nils Petersen im Interview

„Der Fußball hat ein Image-Problem"

Werders ehemaliger Stürmer Nils Petersen spricht im Interview mit dem WESER-KURIER über die Langeweile in der Bundesliga, Gehaltsverzicht von Profis und Werders Suche nach einer neuen Identität.
14.10.2020, 16:06
Lesedauer: 7 Min
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„Der Fußball hat ein Image-Problem
Von Christoph Sonnenberg
„Der Fußball hat ein Image-Problem"
Nordphoto

Herr Petersen, Sie standen dreimal in der Startelf, haben zwei Tore erzielt und eine Vorlage gegeben. Für Sie persönlich war es ein guter Saisonstart mit Freiburg?

Statistisch bin ich zufrieden, eine Vorlage im Pokal kommt ja noch hinzu.

Im Dezember werden Sie 32 Jahre alt. Sind Sie im Gesamtpaket heute besser oder schlechter als 2011 bei Ihrem Wechsel aus Cottbus zum FC Bayern?

Besser. Gerade Christian Streich hat mich mit seinen Fähigkeiten taktisch besser gemacht. Gefühlt bin ich fitter, auch wenn es komisch klingt. Ein Trainer hat mir mal gesagt, dass Fußball eine Ausbildung ist. Von 18 bis 23 geht man in die Lehre, um auf dem Platz ein Mann zu werden. Das war ich zu Bayern-Zeiten noch nicht. Jede Saison hat gut getan und mich besser gemacht.

Von außen betrachtet war Ihr Jahr in München ein verlorenes, Sie haben kaum gespielt. Hat es sich aus Ihrer Sicht dennoch gelohnt?

Allein dass wir in diesem Interview darüber reden, zeigt, dass es ein Ausschlag in der Vita ist. Unsere Neuzugänge aus den Niederlanden wissen alle, dass ich mal beim FC Bayern gespielt habe. Die öffentliche Wahrnehmung ist dadurch eine andere. Sportlich war es mit 15 Einsätzen kein ganz verlorenes Jahr. Ich habe Champions League gespielt! Wichtig ist, dass ich anschließend nicht in ein Loch gefallen bin und raus aus der Bundesliga war. Ich habe mich bei Vereinen aus dem Mittelfeld eingefunden.

Mit Freiburg haben Sie vergangene Saison erst im letzten Spiel die Europa League verpasst. Ein frustrierender Moment?

Nein, nicht frustrierend. Wir sehen uns nicht als Team, das an den Europa-League-Plätzen kratzt, sondern eher als Wundertüte. Insofern waren wir dankbar, nicht die Rolle von Werder gespielt zu haben. Die Chance auf die Europa League war ein Bonus, den wir nicht erreicht haben. Europäisch zu spielen, ist schon cool. Ohne herrscht hier aber kein Frust.

Freiburg hat einige wichtige Spieler verkauft. Was ist die Zielsetzung für die laufende Saison?

Spieler wie Guus Till oder Baptiste Santamaria sind erst spät dazugekommen. Doch sie heben uns auf ein neues Niveau. Andererseits haben wir mit Robin Koch und Luca Waldschmidt Substanz verloren. Natürlich tauchte da die Frage auf, ob wir noch auf dem Level der vergangenen Saison sind. Stand jetzt sage ich ja. Für eine belastbare Prognose ist es noch zu früh.

Und das Saisonziel?

Wenn man ehrlich ist bei der Frage, welche drei Mannschaften schlechter sind, muss man schon genau überlegen. In erster Linie geht es darum, genau das zu schaffen: Besser zu sein als drei andere Teams. Persönlich würde ich gerne im Mittelfeld landen, wo ich uns qualitativ sehe.

Wagen Sie einen Tipp, welche vier Mannschaften am Ende oben stehen?

Bayern, Dortmund, Leipzig in jedem Fall. Gladbach sehe ich weit vorne. Leverkusen und Hoffenheim sind spannend.

Es zeichnet sich ab, wer dauerhaft oben steht in der Tabelle. Geht es für den Großteil der Klubs Jahr für Jahr nur noch darum, die Klasse zu halten?

An uns lässt sich sehen, dass auch eine durchschnittliche Mannschaft an den europäischen Plätzen kratzen kann. Gelingt das mal, steigen die Einnahmen und andere Transfers sind möglich. Im Fußball gibt es solche Phasen, siehe Werder und die Zeit in der Champions League. Momentan läuft es in Bremen nicht so gut, was auch bedeutet, dass der eine oder andere Transfer nicht klappt. Freiburg wiederum kann Spieler damit locken, Koch, Petersen oder Waldschmidt zu Nationalspielern gemacht zu haben. Auf einmal ist die Perspektive auf einen Klub ganz anders, die Möglichkeiten sind andere. Freiburg hat sehr gut gewirtschaftet die vergangenen Jahre. Spieler günstig verpflichtet und teuer verkauft. Die Fans verstehen das Konstrukt, Spieler auszubilden und zu verkaufen, sie tragen es mit und sind nicht sauer oder enttäuscht.

Trotzdem geht es maximal darum, mal siebter zu werden oder sechster...

...mehr ist nicht möglich!

Geht dadurch Spannung in der Bundesliga verloren?

Um die Meisterschaft in jedem Fall, ganz oben gibt es wenige Ausschläge. Andererseits gibt es die klassischen Fahrstuhlmannschaften nicht mehr, Freiburg gehörte ja auch mal dazu. Jetzt gehen Teams wie Stuttgart oder der HSV runter, die jahrelang Top-Teams in Deutschland waren. Von Platz 5 bis 18 ist es ein Hauen und Stechen, das ist der eigentliche Kampf.

Sollte die DFL regulierende Maßnahmen ergreifen, um die ganze Liga wieder spannender zu machen? In der Diskussion ist eine andere Verteilung der Fernsehgelder.

In dieser Hinsicht wären Veränderungen okay. Für die Chancengleichheit würde es natürlich etwas bringen, die Gelder anders zu verteilen und damit für kleine Klubs mehr Möglichkeiten zu schaffen. Eine Idee wäre, die Gelder im Verhältnis von sportlichem Erfolg zu finanziellem Einsatz verteilen. Das würde dem Leistungsgedanken entsprechen und zur wirtschaftlichen Stabilität beitragen.

In Folge der Corona-Pandemie werden die unterschiedlichen finanziellen Voraussetzungen besonders deutlich. Wäre es ein guter Moment, diese Veränderungen jetzt zu beschließen?

Der Moment ist sicher ein guter. Die Frage ist, um was es den Clubs im Grundsatz geht? Gewinne erwirtschaften? Die eigenen Anhänger unterhalten? Der normale Bayern-Fan denkt doch mittlerweile, dass sie sowieso Meister werden. Für alle anderen Fans wäre es spannender, wenn auch mal kleinere Vereine mithalten könnten.

Für die meisten der kleinen Klubs geht es derzeit nur darum, zu überleben.

Es sind viele sehr schnell ins Schwimmen geraten, weil sie schlecht gewirtschaftet haben. Das sollte auch den Fans die Augen öffnen. Geht es darum, immer die besten Spieler zu kaufen. Oder geht es nicht eher darum, dass der Verein wirtschaftlich gesund ist. Ich denke, dass nur ausgegeben werden sollte, was eingenommen wird. Macht man das nicht, könnte ich mich als Fan gar nicht freuen. Wenn Erfolg nur durch Schulden möglich ist, fühlt sich das doch völlig anders an.

Corona ist das dominierende Thema, auch im Fußball. Fällt es Ihnen leicht, sich ohne Zuschauer für Spiele zu motivieren?

Motivieren kann ich mich, es sind einzelne Momente, in denen die fehlenden Fans ins Gewicht fallen. Auf dem Weg ins Stadion. Die glücklichen Gesichter, für die wir Spieler verantwortlich sind – oder auch die frustrierten. Die Runde nach einem Tor, sich bei den Fans zu bedanken und den Jubel abzuholen. Das fehlt brutal, da verliert der Fußball an Unterhaltungswert.

Bayerns Boss Karl-Heinz Rummenigge hat jüngst in einem Interview gesagt, dass es durch Geisterspiele zu einer Entwöhnung der Fans kommt. Werden sich immer mehr Menschen, je länger Geisterspiele dauern, vom Fußball abwenden?

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wer immer alle 14 Tage oder sogar wöchentlich ins Stadion gegangen ist und das nun über Monate nicht mehr kann, findet vielleicht etwas anderes, das ihm Spaß macht und vermisst es irgendwann nicht mehr. Vielleicht entstehen dadurch samstags neue Rituale in der Familie, die wichtig sind. Die Sorge dass einige sagen, es geht auch ohne Fußball, besteht. Der Fußball braucht die Menschen, die Fans. Und noch brauchen die Menschen den Fußball. Aber vielleicht ist das nicht mehr ewig so, wenn niemand ins Stadion darf.

Sind die schlechten Einschaltquoten bei Länderspielen auch ein Indiz für schwindendes Interesse am Fußball?

Das kann sein. Andererseits wird in den verschiedenen Programmen so viel Fußball geboten. Vergangenes Wochenende konnte ich 88 Länderspiele schauen! Da ist vielleicht der eine oder andere auch mal satt. Hinzu kommen auch da die Veränderungen. Früher wusste jeder, wer in der WM- oder EM-Qualifikation in unserer Gruppe ist. Die Spiele waren ein Familien-Event. Wer in der Nations League Gegner ist, damit tun sich einige schwer.

Gibt es eine Chance, dieser Entwicklung entgegen zu wirken?

Für uns Fußballer ist es gut, wenn viel Fußball läuft. Damit verdienen Vereine und Spieler viel Geld. Es gibt ja eine Expertenkommission, eine Task Force, in der Konzepte entworfen werden, um die Menschen weiter ins Stadion zu bekommen oder vor den Fernseher.

Am Ende geht es immer ums Geld. Gibt und gab es einen Gehaltsverzicht in Freiburg?

Wir haben auf Gehalt verzichtet, aktuell ist das nicht der Fall. Da gab es immer einen fairen und offenen Austausch mit dem Verein und wir Spieler standen immer dahinter. Da gab es keine großen Diskussionen.

Bei Werder war es ein großes und sensibles Thema, bis es zu einer Einigung über einen Verzicht gekommen ist. Tragen die Spieler, die nicht verzichten wollen, zum derzeit schlechten Image des Fußballs bei?

Der Fußball hat derzeit Probleme mit dem Image. Wer soll es verstehen, wenn Fußballer, die Millionen verdienen, nicht auf ein paar tausend Euro verzichten wollen, während kleine Unternehmer Insolvenz anmelden müssen? Aber es gibt eben Menschen, die verzichten nicht gerne. Ganz egal, wie viel sie bekommen. Das ist eine Typfrage. Auf der anderen Seite gibt es Vereine, die riesige Transferüberschüsse erzielt haben. Oder große Summen in Transfers investiert haben, bei Spielergehältern aber sparen wollen. In Freiburg gab es keine Probleme.

Jeder hat zugestimmt?

Wir waren uns schnell einig, dass es völlig legitim ist, auf Geld zu verzichten. Auch Geld zu sammeln und an Einrichtungen weiterzugeben. Alles was man tun kann, um der Gesellschaft zu helfen. Gerade denen, die uns hier Woche für Woche unterstützen und damit ja auch für die Gehälter sorgen.

Ist Freiburg tatsächlich ein besonderer Standort, zu dem nur spezielle Spielertypen passen?

Ich will nicht immer so von Freiburg schwärmen, aber mir gefällt es hier extrem gut. Es gibt ein tolles Miteinander im Klub, man kennt jeden Mitarbeiter, alle sind nahbar, auch wir Spieler. Wenn Transfers getätigt werden, wird darauf geachtet, ob sie als Spieler und als Mensch passen. Da ist keine wilde Sau in der Kabine, es gibt keine Unruhe in der Kabine.

Sie haben nur zweieinhalb Jahre in Bremen gespielt, hauptsächlich im Abstiegskampf. Dennoch genießen Sie hier einen sehr guten Ruf. Haben Sie eine Ahnung, weshalb das so ist?

Blöd gesagt: Sportliche Gründe hat es nicht. Wichtig ist, sich mit der Stadt zu identifizieren. Die Menschen sehen ja, ob ein Spieler in der Stadt unterwegs ist oder nie sichtbar ist. Ich finde es nicht schwer dafür zu sorgen, dass die Menschen mich respektieren und akzeptieren. Authentisch bleiben, sich nicht verstellen. Echte Geheimtipps kann ich da leider nicht bieten.

Werder ist gerade auf der Suche nach einer Identität. Wie nehmen Sie den Klub aus der Entfernung wahr?

Wie Sie es sagen, nach einem Verein auf der Suche. Seit Jahren herrscht in Bremen das Gefühl vor, immer mehr auf dem absteigenden Ast zu sein. Erst war es eine Champions-League-Truppe, dann eine Euro-League-Truppe, dann eine Platz-12-Truppe – und auf einmal eine Platz-16-Truppe. Jetzt müssen sie den Hebel umlegen, tiefer darf es nicht mehr gehen. Sonst passiert so etwas wie in Hamburg, Hannover oder Stuttgart. Egal wo in Deutschland man ist, niemand verliert ein schlechtes Wort über Werder. Das haben sie sich erarbeitet, aber ohne Erfolg wird das irgendwann anders sein. Am Ende geht es immer über den sportlichen Erfolg, über emotionale Momente.

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