Frust über den Kurs des Vereins Werder-Fans schlittern ins Stimmungstief

Bremen. Werders Fans sind bitter enttäuscht vom Verlauf dieser Bundesliga-Saison. Das dürfte für alle Anhänger gelten. Ein Teil von ihnen hat am Sonnabend beim Spiel gegen Schalke mittels Spruchbändern Dampf abgelassen.
07.05.2012, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Werder-Fans schlittern ins Stimmungstief
Von Marc Hagedorn

Bremen. Werders Fans sind bitter enttäuscht vom Verlauf dieser Bundesliga-Saison. Das dürfte für alle Anhänger gelten. Ein Teil von ihnen, vor allem Ultragruppierungen aus der Ostkurve, ließ am Sonnabend beim Spiel gegen Schalke mittels Spruchbändern Dampf ab in Richtung der Sportlichen Leitung und der Vereinsführung.

Bevor Fußball gespielt wurde, war die Zeit der großen Gefühle. Die Stadionsprecher Christian Stoll und Arnd Zeigler erinnerten bei der Verabschiedung von sechs Werder-Profis an deren größte Taten. Etwa an Mikaels Silvestres Tor zum 1:0 gegen Borussia Dortmund vor fast genau einem Jahr, das Werder damals den Klassenerhalt sicherte. An Tim Borowski als wichtigen Bestandteil der Werder-Elf, die im Frühsommer 2004 das Double gewann. An Markus Rosenberg und dessen 40 Bundesligatore für Werder. An Marko Marins Dribblings, die er künftig für den FC Chelsea zeigen soll. Und natürlich: an Tim Wiese, die "Kultfigur" im Tor, der sich einfügt in die stolze Reihe von Werder-Schlussmännern wie Günter Bernard und Dieter Burdenski. Das Publikum spendete großzügig Applaus, und man hätte für einen Moment denken können, die Welt in der grün-weißen Werder-Familie sei in Ordnung.

"Es ist erstaunlich und bemerkenswert, wie die Fans uns nach dieser Rückrunde unterstützt haben", sagte dann auch Kapitän Clemens Fritz. Pfiffe gab es auch nach dem 2:3 gegen Schalke, der vierten Niederlage am Stück, tatsächlich relativ wenige. Die Enttäuschung sitzt gleichwohl tief, wie Werders Fanbeauftragter Till Schüssler aus vielen Gesprächen weiß, die er in den vergangenen Wochen mit Werder-Anhängern geführt hat. "Diese Saison ist für die meisten Fans abgehakt", sagt Schüssler, "sie sehnen sich nach der neuen Saison." Und daran knüpfen sie Erwartungen. "Alle sagen: Es müssen Verstärkungen her", berichtet Schüssler. Sollte indes auch im dritten Jahr in Folge kein Fortschritt zu erkennen sein, dürften die Unmutsäußerungen noch lauter werden. "Dann", glaubt Schüssler, "könnte die Stimmung kippen."

Einen Vorgeschmack darauf gab es schon am Sonnabend. Denn einige Fangruppierungen in der Ostkurve hatten das letzte Bundesligaspiel der Saison ausgewählt, um ihren Frust und ihre Sorge über die enttäuschende Entwicklung bei ihrem Lieblingsverein kundzutun. Als Kommunikationsmittel hatten sie diverse Spruchbänder gewählt. Ein gutes halbes Dutzend entrollten sie im Wechsel während der 90 Minuten hinter dem Tor. In solch geballter Form hatte es das im Weserstadion in der Ära Allofs/Schaaf noch nicht gegeben.

"Schaaf raus": Als die beiden Mannschaften aufs Spielfeld liefen, hielten einige Fans, die dem gemäßigten Lager zugerechnet werden können, ein Plakat mit der Aufschrift "Schaaf raus" in die Höhe. Ein Novum für Bremen, bisher war Kritik am Werder-Trainer höchstens hinter vorgehaltener Hand geübt worden. Inzwischen muss man im zweiten Jahr in Folge aber festhalten, dass es dem Werder-Trainer nicht gelungen ist, einzelne Spieler weiterzuentwickeln und das Werder-Spiel taktisch variabler zu gestalten. Nach dem Fast-Abstieg im Vorjahr folgte nun die schlechteste Werder-Rückrunde der Bremer Bundesligageschichte.

Das sagt Klaus Allofs dazu: "Damit muss man leben. Ich glaube, wenn wir im Stadion an jeden Plakate verteilt hätten, hätte ich viel häufiger ,Schaaf bitte bleib‘ gelesen." Dass die Stimmung in Gänze kippen könnte, glaubt der Werder-Boss demnach nicht, räumt aber ein: "Es gab Zeiten, da hatten wir 100 Prozent Zustimmung. 100 Prozent haben wir im Moment nicht."

"Lemke, rück’ die Kohle raus": Dafür, dass Werder seinen Etat herunterschraubt und in den vergangenen zwei Jahren ein halbes Dutzend Leistungsträger abgegeben hat, machen immer mehr Fans Aufsichtsratsboss Willi Lemke verantwortlich. Tatsächlich ist Lemke der mächtige Mann im Klub. Allerdings ist es seine Pflicht, ganz genau hinzuschauen, wie sich die wirtschaftliche Situation des Vereins entwickelt. Und mit Blick darauf gilt es seit mittlerweile mindestens zwei Spielzeiten festzuhalten: Das Verhältnis zwischen Entlohnung der Profis und den gezeigten Leistungen stimmt nicht. Werder zahlt zu viel Geld für eine zu schwache Mannschaft. Der Transfer von Marko Marin bringt nun Spielraum für Neuverpflichtungen. Je nachdem, ob weitere Leistungsträger gehen, könnten über Ablösesummen und eingesparte Gehälter weitere Millionen in den Neuaufbau investiert werden.

Das sagt Klaus Allofs dazu: "Bei diesem Spiel mache ich nicht mit, dass jetzt der Schwarze Peter in Richtung Aufsichtsrat geschoben wird. Wir haben gemeinsam entschieden, dass wir weniger Geld für Gehälter und Transfers zur Verfügung haben."

"Feel the Spirit of 1995: Mittelmaß, wir kommen!": Es war eine Anspielung auf die mausgraue Zeit der Nach-Rehhagel-Ära unter Aad de Mos und Dixie Dörner. Wobei der Spruch im Prinzip auch anders hätte formuliert werden können. Nimmt man nämlich allein die Platzierungen der vergangenen zwei Bundesligajahre (13. und 9.) sowie die fußballerischen Leistungen in dieser Zeit, hätte es eigentlich heißen müssen: Mittelmaß, Werder ist längst da.

Das sagt Klaus Allofs dazu: "Wir werden uns gut verstärken. Und in der Liga ist es in den vergangenen Jahren so gewesen, dass man entweder gegen den Abstieg oder um die internationalen Plätze spielt. Und wir wollen international spielen." Und zum Umbau insgesamt: "Die Saison hat gezeigt, dass man was machen muss. Es ist natürlich spektakulär, wenn man sechs Spieler verabschiedet. Aber das bietet auch Chancen. Also, ich bin nicht traurig darüber."

"Weserstadion – Name unverkäuflich": Dieser Spruch zierte das größte und am aufwendigsten gestaltete Banner, und drückt ein Kernanliegen der gesamten Ultrakultur aus, die ein äußerst kritisches Verhältnis zum Glanz und Glamour der Boomliga Bundesliga pflegt. Das Weserstadion umzubenennen, würde für die Ultras einen schwerwiegenden Bruch mit der Tradition bedeuten. Aktuell gibt es angeblich keine konkreten Bestrebungen im Aufsichtsrat und der Geschäftsführung, dieses Thema auf die Tagesordnung zu bringen, gleichwohl wird es immer wieder mal diskutiert. Gänzlich auszuschließen ist ein Verkauf der Namensrechte deshalb nicht. Marketing-Vorstand Klaus Filbry hatte der Thematik Stadionname im Trainingslager in Belek eine nachrangige Bedeutung zugesprochen, zumal die meisten Einnahmen an die Bremer Weser-Stadion GmbH gingen, und damit der Stadionfinanzierung, sprich dem Bedienen von Krediten, zugute kämen. "Der signifikante Mehrwert wäre es für Werder Bremen nicht", so Filbry im Januar.

Und wie geht’s nun weiter? Zwei Wochen lang trainieren die Profis noch und absolvieren drei Freundschaftsspiele – in Jena, Vechta und Cuxhaven. Zeit, auch um die Saison aufzuarbeiten. Den Bedarf sieht einer wie Clemens Fritz jedenfalls: "Jeder Einzelne muss sich hinterfragen. Wir sind für das Abschneiden verantwortlich." Dass nach der Sommerpause alles besser wird, erwartet der Werder-Kapitän ganz gewiss: "Wir Spieler haben Ziele, Werder hat einen Anspruch. Und ich hatte gute Gespräche mit Klaus Allofs. Das stimmt mich optimistisch."

Versöhnlich geriet der Abschluss am Sonnabend auf dem Rasen des Weserstadions. Denn auch die Profis entrollten am Ende des Tages ein Transparent. "DANKE FÜR EURE TREUE" stand darauf. Das Publikum applaudierte höflich.

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