Werders Fehlstart in der Analyse Kohfeldts Ideen gehen nicht auf

Werder versucht sich gegen Hertha BSC mit ein paar neuen Ansätzen, schlampt aber bei der Umsetzung und begeht dann die Fehler der Vergangenheit. Hier ist die Analyse der 1:4-Heimniederlage gegen die Berliner.
20.09.2020, 11:32
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Stefan Rommel

Werder-Trainer Florian Kohfeldt tauschte im Vergleich zum Pokal-Spiel in Jena auf drei Positionen. Den verletzten Ömer Toprak ersetzte Marco Friedl in der Innenverteidigung, dazu rückten Davy Klaassen und Tahith Chong für Patrick Erras und Leo Bittencourt ins Team. Auch Bruno Labbadia nahm an seiner Mannschaft drei Änderungen vor: Anstelle von Marvin Plattenhardt, Karim Rekik und Mathew Leckie begannen Dedryck Boyata, Jordan Torunarigha und Krzysztof Piatek.

Die Bremer starteten mit ein paar alten Ansätzen in die neue Saison: Kohfeldt blieb beim 4-3-3 im eigenen Ballbesitz und im 4-4-2 gegen den Ball, die Interpretation dieser Grundordnungen und das ausführende Personal überraschten dann aber doch ein wenig. Niklas Moisander musste als rechter Innenverteidiger aushelfen, was dem Kapitän eine seiner Stärken beim Andribbeln raubte und für den Linksfuß nicht unbedingt die optimale Startposition für Läufe ins Mittelfeld oder Pässe in den Halbraum sind. Das war von Kohfeldt aber insofern offenbar eingepreist, da Werder gegen das Berliner 4-3-2-1 etwas anders aufbauen wollte als man das von der Mannschaft gewohnt ist.

Über die Außenverteidiger hinter den Achter

Nicht die Innenverteidiger waren die eigentlichen Auslöser im tiefen Aufbau, sondern die vergleichsweise früh eingebundenen Außenverteidiger. Der Pass auf Gebre Selassie oder Augustinsson war das Signal für die Achter Klaassen und Osako, sich entweder seitlich auf der Höhe des Außenverteidigers anzubieten und dann zu verlagern oder aber auf das Herausrücken des Berliner Achters aus der Position in dessen Rücken zu starten, um das Zuspiel des Außenverteidigers in den Halbraum zu bekommen. Kohfeldt musste aber auch dabei ein paar Kompromisse eingehen. Klaassen spielte statt halblinks nun halbrechts, der eigentliche Zehner Osako nochmal eine Spur tiefer.

Noch ungewohnter war die Position für Sargent. Der hat seine Stärken an sich in Tornähe und ist nun auch nicht als begnadeter Dribbler bekannt oder für seinen Zug zum Tor von außen nach innen mit viel Anlauf. Aber Sargents emsige Arbeit gegen den Ball und seine Dynamik in Umschaltmomenten sollten ihn als Flügelangreifer wertvoll machen. Auf der Gegenseite hatte Chong einen ähnlichen Auftrag, durfte mit dem Ball am Fuß aber etwas freier agieren. So richtig wollten Kohfeldts Überlegungen aber nicht aufgehen.

Berlin kontrolliert Zentrum und Halbraum

Zum einen entwickelte Werder nicht den Zug zum Tor und auch nicht die Ballsicherheit, die dafür nötig gewesen wäre. Die Mannschaft spielte ein paar Mal ganz nett an, verlor dann aber den Ball im Übergangsdrittel und kam nicht gefährlich vor das gegnerische Tor - es sei denn, die Hertha half mit einem Fehlpass tatkräftig mit. Zum anderen hatten die Berliner ihrerseits eine ganz brauchbare Idee, die in der Praxis auch besser Griff.

Mit Stark als Ankersechser vor der Abwehr war nicht nur immer eine zusätzliche Anspielstation gegen das Bremer Pressing im 4-4-2 vorhanden, sondern in Darida und Tousart neben Stark immer Personal in Werders bevorzugter Anspielspur im Halbraum. Mit Ball waren die bekannten Abläufe zu sehen: Viele Positionswechsel auf der rechten Seite mit einem sehr hohen Außenverteidiger Pekarik und stattdessen Darida dahinter, auf der linken Seite Mittelstädt, der aus einer tieferen Position heraus anschob und viele Verlagerungen versuchte.

Individuelle und gruppentaktische Fehler

Weil beide Mannschaften aber ihren Offensivplan kaum einmal durchbrachten und stattdessen eher dosiert riskant spielten, die Partie außerdem immer wieder unterbrochen wurde von kleineren Fouls, blieb es ein Spiel auf überschaubarem Niveau mit nur je einer Torszene auf beiden Seiten. Bis Werder in einer Abwehrsequenz gleich drei Mal in Folge patzte. Bei einem Gestocher an der Berliner Eckfahne rückten die Gastgeber nicht mutig genug nach, die kleine Lücke nutzte Cunha zur Befreiung. Nachdem Werder wieder gut in die Ordnung fiel, stellte Chong auf seiner Abwehrseite nicht den Anschluss zu den Mitspielern her, sondern blieb sekundenlang unbeteiligt. Mittelstädt durfte flanken und Pekarik am langen Pfosten in Sargents Rücken einrücken.

In die Euphorie nach einem zurückgenommenen Strafstoß für die Hertha patzte Werder dann quasi mit dem Halbzeitpfiff noch einmal folgenschwer, dieses Mal in Person von Eggestein. Ein schlechter erster Kontakt machte eine eigene Umschaltsituation zunichte und erlaubte den Gästen einen Drei-gegen-Drei-Konter gegen eine unsortierte Bremer Restverteidigung.

Technische Fehler, schwache Standards

Werder kam mit Bittencourt für den schwachen Osako und ein wenig mehr Schwung aus der Pause. Die Mannschaft rückte nun auch immer mal wieder ins Angriffspressing auf und spielte sich über die Flügel ein paar Mal durch. Mehr als Fernschüsse - und davon viel zu viele - kamen aber nicht zustande. Ein massives Problem blieben die vielen kleinen technischen Fehler und eine frappierende Harmlosigkeit bei Ecken und Freistößen. Das mannorientierte Verfolgen der Gegenspieler nutzte Berlin dann mit einem einfachen langen Schlag von Schwolow über Werders Mittelfeld hinweg, einer Ablage von Cordoba und einem haltbaren Schuss von Cunha zum dritten Tor.

Kohfeldt reagierte sofort und stellte auf Raute im Mittelfeld um, Füllkrug kam als zweite echte Spitze zusammen mit Woltemade, der auf die rechte Halbposition ging. Sargent hinter beiden Spitzen, Bittencourt halblinks. Ein erkennbarer Effekt blieb aus, Selkes Treffer war einem Zuordnungsproblem in der Berliner Innenverteidigung geschuldet, die in dieser einzigen Szene des Spiels nicht mit einem der beiden kopfballstarken Innenverteidiger am Gegenspieler war.

Erinnerungen an letzte Saison

Werder schaffte es in den Minuten danach tatsächlich, die Gäste ein bisschen hektisch werden zu lassen, flankte aber grundsätzlich zu viel und zu früh. Zwar war die Strafraumbesetzung mit den vielen Angreifern auf dem Platz ordentlich, die Hertha in der Luft aber kaum noch zu bezwingen. Die besseren Chancen hatte Berlin bei seinen Kontern und brachte einen davon ins Ziel.

Werder schlug sich gegen einen ordentlichen, aber keinesfalls überragenden Gegner selbst und erinnerte in einigen Situationen schon wieder an die letzte Saison. Der Mannschaft fehlt es an Lösungen, sobald die Halbräume verstellt sind. Flanken werden immer wieder als Rezept gehandelt, sind aber in der Regel nicht das geeignete Mittel der Wahl. Der kurzzeitige Kollaps kurz vor der Pause mit zwei Gegentoren und einem Beinahe-Elfmeter, die unnötige Hektik im Spiel mit dem Ball, wo auch mal mehr Ruhe gefragt gewesen wäre, die individuellen und gruppentaktischen Fehler vor den Gegentoren: Alles Reminiszenzen an die letzte Spielzeit, die in dieser Häufung einfach nicht auftreten dürfen.

Das ist noch kein Grund zur Panik, aber die ersten Schritte in der neuen Saison sollten mehr vorsehen als etwa 40 Prozent Ballbesitz (in der ersten Halbzeit) und eine insgesamt schwache Passquote von unter 70 Prozent. Vom angekündigten neuen, alten Bremer Fußball, dem aus besseren Tagen, war stattdessen viel zu wenig zu sehen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+