Werder will Druckspiel gegen den VfB gewinnen

Angreifen statt abrutschen

Zum Start in einen ereignisreichen Dezember empfängt Werder einen spielfreudigen Aufsteiger aus Stuttgart (Anpfiff: 15.30 Uhr) und kämpft dabei auch gegen ganz böse Erinnerungen aus der Vergangenheit.
06.12.2020, 09:40
Lesedauer: 3 Min
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Angreifen statt abrutschen
Von Malte Bürger
Angreifen statt abrutschen

Josh Sargent ist zurück und will mit Werder gegen Stuttgart jubeln.

nordphoto / Gumz

Eine gute Planung ist die halbe Miete. „Ich habe schon alle Weihnachtsgeschenke gekauft, denn dazu werde ich bis dahin nicht mehr kommen“, sagt Florian Kohfeldt. Vor Werders Trainer und seiner Mannschaft liegen strapaziöse Wochen, gleich fünf Partien müssen in nur 18 Tagen absolviert werden, ehe an Heiligabend kurz durchgeschnauft werden darf. Es ist eine Phase, in der vieles in die richtige Richtung gelenkt werden kann. Ebenso schnell kann der Trend aber auch einen negativen Verlauf nehmen. In Bremen weiß man das nur zu gut aus der vergangenen Saison. Deshalb soll nach sechs Spielen ohne Sieg schnellstmöglich gewonnen werden – am besten schon am Sonntag gegen den VfB Stuttgart (15.30 Uhr).

„Natürlich ist da ein bisschen Druck drauf“, sagt Kohfeldt. Dafür sind die Eindrücke aus dem Vorjahr noch zu frisch, als eine unerfreuliche Eigendynamik einsetzte und der Dezember 2019 ein düsterer Vorbote dessen war, was da bis in den folgenden Sommer hinein noch kommen sollte. „Wir werden sehr aktiv und aggressiv sein, um nicht auch nur im Ansatz dort hineinzurutschen, wo wir nicht sein wollen“, verspricht Kohfeldt.

„Mannschaft ist gefestigter“

Geht es nach dem 38-Jährigen, dann wird das Murmeltier aber ohnehin nicht grüßen. Warum? Weil die Unterschiede von heute zu damals einfach zu groß seien. „Wir haben eine ganz andere Verletztensituation, eine ganz andere Erwartungshaltung“, sagt Kohfeldt, der deshalb auch keine Neuauflage des „mentalen Bruchs“ des Vorwinters befürchtet. „Erst haben wir Spieler verloren, dann Spiele und schließlich das Saisonziel. Da hat es dann gedauert, bis wir uns wieder in die Saison hineingekämpft haben. Davon kann man in diesem Jahr nicht reden“, sagt er. „Wir sind solide gestartet, sehr wachsam, haben deutlich weniger Verletzte und einige interne Veränderungen vorgenommen. Ich glaube auch, dass die Mannschaft gefestigter ist. Aber keiner hier hat das Gefühl, dass es ein Selbstläufer ist. Das ist, was mich am meisten beruhigt.“

An dieser positiven Grundeinstellung hat auch das 3:5 gegen den VfL Wolfsburg nichts geändert. „Wir haben grottenschlecht verteidigt in Situationen mit einem Zwei-gegen-zwei und Drei-gegen-drei. Ich glaube aber nicht, dass die Basics, wie das gemeinsame Arbeiten gegen den Ball und das gemeinsame Auslösen des Pressings, weg sind“, sagt Kohfeldt. „Das ist eine klare Forderung an die Spieler, das gegen Stuttgart wieder auf den Platz zu bringen.“

Das Mauer-Gefühl

Nun gehört es zur Natur der Sache, dass auf der anderen Seite eine Mannschaft steht, die das möglichst verhindern will. Und bislang haben sich die Schwaben nach ihrer Bundesliga-Rückkehr ganz gut zurechtgefunden und wussten vor allem spielerisch mehrfach zu gefallen. „Ich teile den Eindruck, dass der VfB einen attraktiven Ansatz wählt“, sagt denn auch Florian Kohfeldt, der die Leistung der Stuttgarter allerdings auch nicht überhöhen möchte. „Die faktischen Zahlen liegen nicht so weit auseinander. Beide Mannschaften haben elf Punkte und ähnliche Gegner bislang gehabt. Wir haben identisch viele Gegentore kassiert, der VfB hat vier Treffer mehr erzielt – auch das ist kein dramatischer Unterschied“, zählt er auf.

Und doch hat es den Eindruck, dass die Leistungen im Süden deutschlandweit wesentlich wohlwollender goutiert werden als die im Norden. Woran das liegt, kann sich auch Florian Kohfeldt nicht so recht erklären. „Ich kämpfe ja schon seit Wochen gegen dieses Gefühl an, dass wir nur mauern. Ich weiß nicht, warum sich das so festlegt, denn das ist definitiv nicht so“, sagt er. „Beim VfB ist es vielleicht ein wenig auch der Reiz des Neuen. Sie kommen jetzt wieder aus der 2. Liga hoch, haben einen spannenden Ansatz, spielen sehr mutig hintenraus und haben Tempo auf den Flügeln. Deshalb wird das eher wahrgenommen als etwas, das – und da tue ich mich nach nur drei Jahren selbst ein wenig schwer damit, das zu sagen – zum Establishment gehört.“

Das Spielerische kommt

Beim direkten Vergleich rechnet Werders Chefcoach jedenfalls mit guter Unterhaltung. „Ich kann allen vor den Fernsehschirmen Hoffnung auf ein attraktives Spiel machen, in dem es Tempo auf beiden Seiten gibt“, sagt er. „Ich sehe durchaus Parallelen in der Art und Weise, wie man spielen will.“ Am Neckar war die Umsetzung des Vorhabens schneller zu sehen, an der Weser gab es da doch ein paar Anlaufschwierigkeiten. „Ein Vorteil des VfB ist sicherlich: Sie haben ein Jahr Vorsprung mit dieser Mannschaft, die sich eingespielt hat. Das ist bei uns in dieser Mischung noch nicht gegeben, aber ich bin mit unseren Fortschritten sehr zufrieden“, sagt Florian Kohfeldt. „Wir mussten die defensive Stabilität anfangs in den Fokus stellen, aber in den letzten Wochen ist es auch spielerisch deutlich bei uns vorangegangen.“ Und auch dafür soll exemplarisch der jüngste Auftritt in Niedersachsen dienen. „Man muss nur mal das Spiel gegen Wolfsburg sehen. Natürlich war im letzten Drittel nicht alles optimal, aber gegen eine der stärksten Pressingmannschaften der Liga hatten wir kaum noch Probleme in der Spieleröffnung“, sagt Kohfeldt, dem natürlich auch nicht entgangen ist, dass dies vor sechs bis sieben Wochen noch ganz anders ausgesehen hat. „Da war es kaum möglich, mutig und flach hinten raus zu spielen.“

Werder tut gut daran, auf Basis dieses Wissens eiligst Punkte zu holen. Nicht, dass der Druck plötzlich doch wieder größer wird als ursprünglich gedacht.

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