Kohfeldt fordert: Nachlegen statt nachlassen

Durch den Tunnel ins Glück

Knapp vier Wochen trennen Werder noch vom Saisonende. Damit danach über den ersehnten Klassenerhalt gejubelt werden kann, fordert Trainer Florian Kohfeldt von seinem Team, dass es jetzt bloß nicht nachlässt.
30.05.2020, 11:59
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Durch den Tunnel ins Glück
Von Malte Bürger
Durch den Tunnel ins Glück

Florian Kohfeldt hat an seine Spieler einen klaren Auftrag vor dem Spiel auf Schalke.

gumzmedia/nordphoto

Natürlich gebieten es der Anstand und der Respekt, einen ohnehin schon angeschlagenen Gegner nicht noch weiter anzuzählen. Vor allem dann, wenn man im Glashaus sitzt. Doch es gibt noch einen anderen Grund, der zum Schweigen verleitet: der Aberglaube. Im Profifußball gibt es ziemlich viel davon. Auf jedes noch so absurde Detail wird haargenau geachtet, um den eigenen Erfolg bloß nicht zu gefährden. Da sind Trends und gute Omen pures Gift. So wie jetzt, wenn Werder beim FC Schalke 04 antritt. Bei eben jenem Klub, der gerade durch die Liga schlingert und gegen den anscheinend jeder gewinnen darf. Und genau das müssen die Bremer auch tun, um im Abstiegskampf am Ball zu bleiben.

Es kriselt gewaltig in Gelsenkirchen. Mal wieder. Mit David Wagner steht erneut ein Trainer der Königsblauen vor dem Aus. Die Herrlichkeit der Hinrunde ist vorbei, der Klub befindet sich in einem Sturzflug, dessen Ende nicht absehbar ist. „Schalke hat seit zehn Spielen nicht mehr gewonnen, und das bei 3:24 Toren“, rechnet einer vor, der weiß, wie unterschiedlich die Welten im Ruhrgebiet und an der Weser aussehen: Oliver Reck. Er hat für beide Vereine erfolgreich das Tor gehütet und sagt nun im Interview mit dem WESER-KURIER: „Wenn jetzt das Publikum in der Arena sein könnte, dann würde es ein riesiges Pfeifkonzert auf Schalke geben, und zwar garantiert schon vor dem Spiel, für diese Leistung der letzten Wochen.“

Verhindern der Wiedergutmachung

Seit der Corona-Pause setzte es eine 0:4-Klatsche im prestigeträchtigen Derby gegen Borussia Dortmund, ein 0:3 gegen den FC Augsburg und zuletzt ein 1:2 gegen Fortuna Düsseldorf. Und weil sich Werder im Gegenzug nun plötzlich wieder gegen das drohende Unheil wehrt und gerade vier Punkte aus zwei Spielen geholt hat, könnte doch, also müsste doch eigentlich etwas gehen. Florian Kohfeldt dürfte es insgeheim ganz ähnlich sehen. Öffentlich würde er aber einen Teufel tun und genau das aussprechen. Stattdessen sagte er am Freitag mit aller gebotenen Objektivität: „Ich habe mich sehr intensiv mit Schalke beschäftigt. Es ist einzig und allein interessant, wie wir dieses Spiel gewinnen können. Ich bewerte keine Situation an anderen Bundesliga-Standorten.“

Auch Sportchef Frank Baumann ließ sich während der Pressekonferenz vor dem Auswärtsspiel keineswegs aus der Reserve locken, als es um die Schalker Talfahrt ging. „Aktuell läuft es nicht ganz so rund“, sagte er. „Wir werden die Schalker auf keinen Fall unterschätzen. Das ist eine gute Mannschaft, die einiges gutmachen will.“ Wer sich in den sozialen Medien umschaut, erkennt schnell, dass viele Fans des Tabellenneunten ihre Zweifel an einem derartigen Aufbäumen haben. Auch Oliver Reck urteil knallhart: „Schalke stand zwar in der Hinrunde noch richtig gut da, was aber seit der Winterpause dort passierte, das ist einfach eine sportliche Katastrophe für diese Mannschaft.“

Gallig und griffig bleiben

Nun ist das, was es in Bremen bislang über weite Strecken zu sehen gab, nicht viel besser gewesen. Tabellarisch schon mal gar nicht. Obendrein hat Werder in der Vergangenheit nicht selten den Krisen-Helfer für taumelnde Teams gegeben und genau dann gepatzt, wenn es eigentlich nicht passieren durfte. Denn gerade jetzt ist seit ein paar Tagen die Hoffnung zurück. Der Glaube daran, dass es mit dem Klassenerhalt vielleicht doch noch was wird. Wenn die Mannschaft nicht wieder vom jüngst eingeschlagenen Weg abkommt. „Keiner darf die Galligkeit verlieren. Keiner darf die Griffigkeit verlieren“, forderte Florian Kohfeldt. „Ich bin mir sicher, dass wenn wir die restlichen vier Wochen in diesem Tunnel bleiben, werden wir über dem stehen, was unangenehm ist.“

Die Entscheidung naht, viel Zeit bleibt Werder nicht mehr. Und genau daraus ziehen die Bremer einen Vorteil. „Es ist gut, dass die Spiele jetzt kompakt auf uns zukommen“, sagte Frank Baumann, der ebenfalls das Bild mit dem Tunnel bemühte. „Werder stand schon häufiger vor entscheidenden Wochen im Abstiegskampf: 1999 oder 2016, als alles möglich war vom direkten Abstieg über die Relegation bis zur Rettung. Diese Wochen sind intensiver als in normalen Jahren. Wir werden jetzt alles reinlegen, um den Klassenerhalt am Ende zu schaffen.“

Hilfreicher Konkurrenzkampf

Ein wichtiger Faktor soll dabei der Konkurrenzkampf im Kader sein. Gewünscht war er schon lange, aufgrund der vielen Verletzungen existierte er aber nur in der Theorie. Jetzt, wo es in die ganz heiße Phase geht, sieht das anders aus. Da bleiben auch mal größere Namen auf der Bank. „Der Umgang damit ist so, wie man sich das von einer Mannschaft erhofft. Natürlich ist der eine oder andere, der nicht von Anfang an spielt, in dem Moment nicht mein bester Freund“, sagte Florian Kohfeldt. „Das ist genau das, was eine Mannschaft braucht. Lass die Spieler sauer sein, sie zeigen das dann über ihre Leistung. Am Mittwoch habe ich im Training Spieler gesehen, die mir zeigen wollen, dass sie in die Mannschaft gehören. Das fehlte uns über Monate.“ Da Werders Chefcoach aktuell aufgrund der besonderen Umstände sogar fünf Wechsel während einer Partie vornehmen darf, herrscht auch auf der Bank ein anderer Geist. „Das erhöht das Gefühl, dass alle gebraucht werden.“

Den neuen Zusammenhalt haben die Werder-Profis in den beiden vergangenen Partien eindrucksvoll demonstriert, als es von der Tribüne gleich reihenweise Anfeuerungsrufe und Applaus für gelungene Aktionen gab. Es waren Szenen, die auf Schalke derzeit schwer vorstellbar sind. Zumindest für 90 Minuten wollen die Bremer neuen Wind in die Arena bringen. Ihren neuen Wind. Bereits die letzten drei Auswärtsspiele hat das gut geklappt, unter Florian Kohfeldt gab es sowohl im Pokal als auch in der Liga ausnahmslos Siege in Gelsenkirchen. Das soll, das muss auch jetzt so sein. Aberglaube hin, gutes Omen her. Denn nicht zuletzt Oliver Reck bringt es auf eine ganz einfache Formel: „Verlieren darf keiner der beiden Vereine, aber ein Punkt ist für beide im Grunde auch zu wenig.“

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