Baumann hofft auf Verbleib von Gebre Selassie

Der Weg durch das Hintertürchen

Theodor Gebre Selassie spielt eigentlich seine finale Saison bei Werder, im kommenden Sommer soll es aus familiären Gründen zurück nach Tschechien gehen. Eigentlich. Frank Baumann will nichts unversucht lassen.
22.09.2020, 17:13
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Von Malte Bürger und Christoph Bähr

Keine Frage, der Tag x wird eine Zäsur darstellen. Werders rechte Abwehrseite ist einfach zu lange schon mit dem Namen Theodor Gebre Selassie verbunden. Natürlich war auch er nie frei von Fehlern, was beispielsweise zuletzt gegen die Hertha ganz gut zu sehen war. Und trotzdem hat der inzwischen 33-Jährige dafür gesorgt, dass sich die Bremer zumindest auf dieser Position lange keine Gedanken machen mussten. Gebre Selassie war irgendwie immer da, rettete in der Abwehr, sorgte offensiv mit seiner Kopfballstärke für Gefahr und wieselte auf seiner Außenbahn stets rauf und runter. Und trotzdem sieht es so aus, als würde diese Saison tatsächlich seine letzte an der Weser sein.

Im Juni 2012 holte Werder den Tschechen aus Liberec, nachdem dieser gerade bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine zu gefallen wusste. Mit seinem Nationalteam ging es bis ins Viertelfinale, wo gegen Portugal Endstation war. Seither erlebte Gebre Selassie in Bremen einige sportliche Höhen und wesentlich mehr Tiefen. Gleich zweimal ging es um den Klassenerhalt, beide Male bekanntlich mit gutem Ausgang. Das Anknüpfen an die guten, alten Champions-League-Zeiten gelang dagegen nie. Und so sehr Werder mitunter in all den Jahren auch enttäuscht haben mag, für den einsatzfreudigen Dauerbrenner Theodor Gebre Selassie gab es stets warme Worte. Längst ist er ein heimlicher Fanliebling – und auch Trainer Florian Kohfeldt schwärmte in der jüngeren Vergangenheit: „Theo ist der wohl am meisten unterschätzte Spieler überhaupt.“

„Ein absolutes Phänomen“

Nach bald neun Jahren könnten sich die Wege von Theodor Gebre Selassie und Werder aber tatsächlich trennen. Eigentlich hätte sein Sohn längst eingeschult werden sollen, und das wollte die Familie unbedingt in Tschechien tun. Doch Trennungen fallen bekanntlich nicht leicht, weshalb Gebre Selassie seinen Junior nun erst im Sommer 2021 in die Obhut der Lehrer geben möchte. Nicht in Bremen, sondern definitiv im Heimatland. Er selbst will kein Vater aus der Ferne sein, sondern einer, der für seine Kinder und die Ehefrau vor Ort da ist. Da müsste Werder zwangsläufig das Nachsehen haben. „Ich habe jetzt einen Vertrag für diese Saison, und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es die letzte wird“, hatte Gebre Selassie erst kürzlich im Interview mit dem WESER-KURIER gesagt. „Aber man weiß nie, das kann sich noch ändern.“

Es ist nur ein kleines Hintertürchen, doch genau in dieses will Frank Baumann hineinstoßen. „Theo ist ein absolutes Phänomen. Mit welcher Verlässlichkeit er seine Leistungen abspult und gefühlt bei jedem Training und jedem Spiel zur Verfügung steht, ist außergewöhnlich“, sagte der Sportchef jetzt im Gespräch mit dem WESER-KURIER. In der Tat hat Gebre Selassie in seiner Bremer Zeit kaum einmal länger ausgesetzt. Als Robin Dutt noch Trainer war – und das ist bekanntlich schon ziemlich lange her –, kam es einmal zu einer Überbelastung, die ihn zu einer längeren Pause zwang. Im Vorjahr verletzte er sich unglücklich im Auswärtsspiel beim FC Bayern München, was Werders personelle Krise seinerzeit noch einmal entscheidend verschlimmerte.

Fixpunkt im Bremer Spiel

Ansonsten hat der Körper stets durchgehalten, auch dann, als es mal kniffliger wurde und eigentlich eine erholsame Auszeit sinnvoller gewesen wäre. Doch Gebre Selassie wurde gebraucht, da gab es keinen Raum für Rückzieher. Und zugleich bot er konstant gute Leistungen, was mehreren seiner inzwischen vielen Teamkollegen in den vergangenen Jahren nicht immer gelang. „Er ist für uns ein sehr wichtiger Spieler und ein Fixpunkt auf seiner Position. Solch einen Fixpunkt verliert man sehr ungern“, gab Baumann zu.

Zumal sich die perfekte Alternative für die Zukunft noch nicht herauskristallisiert hat. Zuletzt sollte Felix Beijmo der Auserwählte sein, der im Schatten Gebre Selassies reifen würde, um dann irgendwann im Fall des Falles den Thronfolger zu geben. Das Projekt scheiterte jedoch krachend, die Suche nach einem neuen König auf Rechtsaußen geht weiter. Neuester Kronprinz ist Jean-Manuel Mbom, den Kohfeldt eigens für diese Aufgabe aus dem Defensivzentrum des Mittelfeldes herausnahm und umschult. „Theo ist ein sehr großer Spieler hier bei Werder. Er ist seit neun Jahren Stammspieler, allein das sagt einiges aus“, hatte Mbom erst kürzlich gesagt. „Im Training versuche ich, mir gewisse Dinge von ihm abzuschauen und von ihm zu lernen. Er ist ein Vorbild, an dem man sich natürlich orientiert.“

Wenn alles optimal läuft, dann spielt dieser Orientierungspunkt doch noch etwas länger für Werder. Das zumindest hofft Frank Baumann. „Grundsätzlich hat er mit seiner Familie die Entscheidung getroffen, nach dem Jahr in die Heimat zurückzukehren. Das ist legitim“, sagte der 44-Jährige. „Wir müssen abwarten, ob sich die Gedanken im Laufe der Saison verändern.“ Folglich wird Werders Sportchef auch noch ein wenig Zeit ins Land streichen lassen, ehe er die Bereitschaft für eine neuerliche Verlängerung abklopft. Allein schon aus sportlichen Gründen, da gibt es nach der Niederlage gegen Berlin schließlich weitaus mehr Handlungsbedarf. „Für uns und für Theo ist es erst einmal sinnvoll, sich auf die Saison zu konzentrieren“, sagte Baumann. „Final werden wir uns im Laufe der Saison noch einmal zusammensetzen. Das wird aber noch einige Monate dauern. Erst einmal sollten wir uns freuen, dass Theo in dieser Saison weiterhin ein Bestandteil unseres Kaders ist.“

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