Vertrauen auf Plan A brachte nichts

Werder gegen Dresden in der Taktikanalyse

Werder-Chefcoach Markus Anfang vertraute gegen Dynamo Dresden auf seinen Plan A - womit der Gegner rechnete und den Bremer Spielaufbau lahmlegte. Das Spiel in der Taktikanalyse von Tobias Escher.
27.09.2021, 16:10
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Escher

Markus Anfang vertraute auch gegen Dynamo Dresden auf seinen Plan A. Doch damit hat der Gegner gerechnet: Dresden legte sich den perfekten Matchplan zurecht, um den Bremer Spielaufbau lahmzulegen. Taktische Schwächen sowie ein schwaches Defensivverhalten führten zur klaren 0:3-Niederlage, analysiert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Der perfekte Matchplan: Wie Dresden ausrechenbare Bremer auskonterte

Markus Anfang steht für Kontinuität. Werders Trainer vertraut seinem 4-3-3-System und verändert die Taktik seiner Mannschaft nur selten. Im Idealfall schafft dies Automatismen. Im schlimmsten Fall wird sein Team dadurch ausrechenbar: Da der Gegner weiß, wie Werder spielen wird, kann er sich die passende Gegenstrategie zurechtlegen. Dynamo Dresdens Trainer Alexander Schmidt gelang das beim 3:0-Erfolg. Werder fand nie eine Lösung gegen den cleveren Matchplan der Sachsen.

Dresdner Raute gegen Werders 4-3-3

Werder Bremen begann wie gewohnt im 4-3-3-System. Gegen den Ball rückte Niklas Schmidt immer wieder aus dem Mittelfeld nach vorne, sodass ein 4-4-1-1 entstand. Bei eigenem Ballbesitz wiederum verließ Mitchell Weiser seine Position. Der Rechtsverteidiger rückte vor, teilweise diagonal ins Mittelfeld. Linksverteidiger Anthony Jung hielt sich etwas zurück, bewegte sich aber ebenfalls stellenweise ins Zentrum.

Diese taktischen Mittel überraschte den Taktik-affinen Werder-Fan nicht. Anfang setzte bereits in den vergangenen Partien auf diese Spielweise. Dresden wirkte ebenfalls nicht überrascht: Trainer Schmidt hatte sich einen Matchplan zurechtlegt. Dieser erinnerte in Teilen an jene Spielidee, mit denen der HSV das Nordderby gewinnen konnte.

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Dresdens Taktik im Spiel gegen den Ball fußte auf zwei Grundpfeilern. Der erste Grundpfeiler war ein hohes Pressing. Die Dresdner formierten sich im hohen Pressing in einem 4-1-3-2. Die beiden Stürmer liefen Werders äußere Innenverteidiger an. Zehner Christoph Daferner stand zentral etwas tiefer, war jedoch jederzeit bereit, nach vorne zu preschen und Marco Friedl im Zentrum zu stören. Er achtete dabei darauf, Werders Sechser Ilija Gruev jederzeit hinter sich zu haben. Somit verhinderte er den Pass auf Gruev.

Dresdner Springer gegen Weiser

Der zweite Grundpfeiler des Dresdner Matchplans sah eine Springerrolle für Heinz Mörschel vor. Im hohen Pressing schob Mörschel mit nach vorne, um den halblinken Raum hinter den Stürmern zu schließen. Sobald Weiser jedoch nach vorne rückte, ließ sich Mörschel fallen. Er deckte Weiser eng. Ähnlich hatte bereits vergangene Woche HSV-Mittelfeldspieler Moritz Heyer gegen Weiser agiert, auch er nahm Werders Neuzugang aus dem Spiel.

Werder hatte große Mühe, sich gegen das hohe Pressing der Gastgeber zu befreien. Die Verteidiger schafften es nur selten, den Ball unter Druck konstruktiv nach vorne zu spielen. Gruev war kaum präsent, auch die übrigen Mittelfeldspieler befanden sich fast ständig im Schatten der Dresdner Mittelfeldspieler. Deren Vorwärtsdeckung funktionierte vorzüglich. Selbst wenn die Bremer über Weiser das Spiel aufzubrechen versuchte, bekam dieser es sofort mit Mörschel zu tun. Der Dresdner ging dabei situativ so weit nach hinten, dass er sich als fünfter Spieler in die Abwehrkette einreihte.

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Der wenig kreative Spielaufbau der Bremer führte nicht selten zu Ballverlusten. Bemerkenswert war, dass Werder selbst sämtliche Treffer des Gegners einleitete. Vor allen drei Toren fing Dresdens Sechser Yannick Stark einen Pass der Bremer ab. Stark konnte das Spiel sofort auf die Außen verlagern, dort rückte Werder nicht schnell genug zurück. Die halbherzige Zweikampfführung tat ihr Übriges. Dresden musste nicht einmal sonderlich schnell kontern, um drei Tore nach Balleroberungen zu erzielen.

Umstellungen helfen nicht

In der zweiten Halbzeit versuchte Anfang, das Spiel mithilfe von offensiven Wechseln zu drehen. Mit der Einwechslung von Niclas Füllkrug (62., für Schmidt) agierte Werder in einem 4-4-2-System, in dem der ebenfalls eingewechselte Roger Assale (62., für Eren Dinkci) den Linksaußen gab. Beide blieben jedoch blass.

Dresden genügte es, sich in ein kompaktes 5-3-2-System zurückzuziehen. Zunächst reihte sich Mörschel als Linksverteidiger ein. Später stellte Dynamo erneut um und verteidigte in einem ultrakompakten 5-4-1. Ransford-Yeboah Königsdörffer, zuvor als Stürmer eingesetzt, mimte fortan den Linksverteidiger. So viel Wandlungsfähigkeit wurde belohnt: Dynamo blieb ohne Gegentor.

Der HSV hatte den Spielaufbau der Bremer bereits in Teilen lahmgelegt. Dresden bewies endgültig, wie Werders Spielaufbau ausgehebelt werden kann: Dank einem mutigen Pressing, Mörschel als Springer zwischen Mittelfeld und Außen sowie Abfangjäger Stark kam Werder kaum in die Nähe des Dresdner Tors. Anfang wird sich neue Lösungen einfallen lassen müssen, um defensivstarke Gegner wie Dresden zu bezwingen.

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