Auf der Suche nach der Tor-Formel Werder gegen Karlsruhe in der Taktikanalyse

Trotz zahlreicher Chancen und zwischenzeitlicher Überzahl: Werder Bremen wollte gegen Karlsruhe nicht der erlösende Treffer gelingen. Anfangs Team scheiterte am fehlenden Mut im Spielaufbau – unsere Analyse.
22.08.2021, 13:19
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Escher

Markus Anfang hat sich den Ruf eines offensiv denkenden Trainers erarbeitet. Ein 4:3-Sieg ist dem Coach lieber als ein schnöder 1:0-Erfolg. Bei seiner vergangenen Station, in Darmstadt, spielte sein Team nur ein einziges Mal 0:0. In Köln endete kein einziges Spiel unter seiner Ägide torlos. Bremens 0:0-Unentschieden gegen den Karlsruher SC passt also nicht in die Vita des Trainers. Beim SV Werder Bremen fruchten die neuen Ideen des Trainers noch nicht gänzlich. 

Werder und die bekannten Mechanismen im 4-3-3

Markus Anfang setzte auch gegen Karlsruhe auf sein favorisiertes 4-3-3-System. Es waren erneut viele der taktischen Prinzipien zu erkennen, die bereits in den ersten Spielen dieser Saison zum Einsatz kamen. So verharrten die Außenverteidiger nicht durchgehend am Flügel, sondern rückten häufig ins Zentrum. Sie sorgten hier zusammen mit Sechser Christian Groß für eine Überzahl. Werder Bremen baute aus einer klaren Ordnung auf: Die Außenverteidiger rückten ein, die übrigen Spieler hielten die Positionen.

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Im weiteren Angriffsverlauf lockerten die Bremer ihre Ordnung. Die offensiven Akteure tauschten häufig die Positionen. Linksaußen Romano Schmid rückte häufig ins Zentrum. Nicolai Rapp und Niklas Schmidt besetzten dann dynamisch den Flügel. Die Außenstürmer starteten häufig hinter die gegnerische Abwehr, während die zentralen Spieler auf den Flügel auswichen.

Karlsruher Pressing diktiert Spiel 

In der Anfangsphase kam Werder Bremen selten dazu, die offensiven Außenstürmer in der gegnerischen Hälfte einzusetzen. Die Karlsruher diktierten das Spiel mit ihrem hohen Pressing. Trainer Christian Eichner stellte seine Mannschaft in einem 4-2-3-1-System auf. Die vier vordersten Akteure störten die Bremer früh.

Auffällig war, wie hoch Rechtsaußen Lucas Cueto im Pressing agierte. Er bewegte sich auf einer Höhe mit Stürmer Philipp Hofmann, um die Bremer Innenverteidiger anzulaufen. Cueto störte dabei von der Seite Marco Friedl. Karlsruhe lenkte den Spielaufbau weg von Friedls Seite auf den gegenüberliegenden Flügel. Da Cueto häufig zentral agierte, verwaiste Karlsruhes rechter Flügel. Werder Bremen schlug daraus aber kein Kapital. Nur selten spielten sie einen halbhohen Ball auf Linksverteidiger Anthony Jung; der Neuzugang aus Bröndby stand ohnehin meistens zentral. Karlsruhes Pressing war damit äußerst effektiv: Immer wenn sie die Bremer hoch anliefen, fanden diese kaum in die gegnerische Hälfte.

Gute Chancen, schlecht Verwertung 

Werder hatte in zweierlei Hinsicht Glück: Erstens war Karlsruhes Offensivplan weit weniger ausgefeilt als ihr Defensivplan. Mit Doppelpässen wollten sie Werder über die Flügel knacken, mit Flanken sollte Stürmer Hofmann gefüttert werden. Werder Bremen verteidigte jedoch diszipliniert auf den Flügeln und ließ kaum Chancen zu.

Zweitens konnte Karlsruhe das hohe Pressing nicht über neunzig Minuten durchhalten. Sobald sie sich im 4-2-3-1 zurückzogen, konnten Friedl und Milos Veljkovic das Spiel in die gegnerische Hälfte tragen. In diesen ruhigen Aufbau-Momenten funktionierte Werders System: Der Ball kam über die eingerückten Außenverteidiger ins letzte Drittel, wo Werder Bremen Fahrt aufnahm.

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Besonders häufig stießen die Bremer über den linken Flügel ins letzte Drittel vor. Hier schufen die Spieler Überzahlen, hier zahlte sich die flexible Spielweise von Romano Schmid aus. Es half, dass Karlsruhe auf dieser Seite offener stand als auf der gegenüberliegenden. Werder Bremen kam immer häufiger in Richtung gegnerisches Tor.

Die Chancenverwertung bleibt Werders Problem 

Als Karlsruhes Marvin Wanitzek in der 57. Minute die Gelb-Rote Karte sah, stand eigentlich alles bereit für einen Bremer Sturmlauf. In Unterzahl konnte Karlsruhe ihre größte Stärke, das hohe Pressing, nicht mehr ausspielen. Stattdessen zogen sie sich im 4-4-1 an den eigenen Strafraum zurück, nur vereinzelt preschten sie nach vorne.

Und Werder Bremen? Ihnen gelang es nicht, den Gegner am eigenen Strafraum einzuschnüren. Es fehlte (mal wieder) der Mut, den entscheidenden Pass am gegnerischen Strafraum zu spielen. Auch der dünne Kader kam zum Tragen: Anfang konnte keine personellen oder taktischen Veränderungen herbeiführen, da ihm dazu schlicht die Spieler fehlten.

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Dennoch: Werder Bremen hatte genug Chancen, das Spiel zu entscheiden. Der Expected-Goals-Wert misst, mit welcher Wahrscheinlichkeit Torschüsse ein Tor hätten werden können. In einem durchschnittlichen Zweitliga-Spiel hätten Werders 19 Abschlüsse zu 2,3 Toren führen müssen. Sprich: Bei normaler Chancenverwertung hätte Bremen die Partie 2:0 gewonnen.

Doch wie sagte Lothar Matthäus einst so schön: Würde, würde, Fahrradkette! Werders mangelhafte Chancenverwertung und ihr fehlender Esprit in Überzahl sorgen dafür, dass Anfang erstmals seit mehr als einem Jahr ein 0:0 erleben muss. Wenn es nach der Vita des Trainers geht, sollte dieses 0:0 für lange Zeit das letzte bleiben.

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