Historie, Trainer, Stars Werder-Gegner Erzgebirge Aue in der Analyse

Turbulent ging es im Erzgebirge zu, es gab viele Trainerwechsel. Zuletzt zeigte die Formkurve aber wieder leicht nach oben. Werders nächster Gegner in der Analyse.
03.12.2021, 13:13
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Von Hans-Günter Klemm

Der für Überraschungen bekannte Aue-Präsident Helge Leonhardt tauschte die Trainer aus wie Schachfiguren auf dem Brett. Das Projekt mit dem Belarussen Aleksey Shpilevski sah er als gescheitert an. Marc Hensel übernahm, später unterstützt vom Nachwuchsleiter Carsten Müller und seit November angeleitet von einem alten Hasen wie dem  Bulgaren Pavel Dotchev, offiziell als Sportlicher Leiter angestellt. Wechsel, die dem Team guttaten: Aue hat gepunktet und wittert Morgenluft im Abstiegskampf.

Die Historie

Von einigen werden sie die Gallier des Ostens genannt. Die Kicker aus dem Erzgebirge, im letzten Jahr der einzige Verein aus den neuen Bundesländern in der 2. Liga, kultivieren ihren Ruf als krasser Außenseiter. Wenn in der Vorschau auf die neue Saison die vermeintlichen Absteiger getippt werden, ist Erzgebirge Aue stets an vorderster Stelle dieser Prognosen platziert. Zweimal hat es den selbst ernannten Kumpelverein erwischt: Abstieg 2008 und 2015. Doch zuletzt haben sich die Auer, die nun in ihre 16. Zweitliga-Spielzeit gehen, kräftig gewährt und geradezu souverän den Klassenerhalt geschafft. Dank eines guten Starts hatten sie nie etwas mit dem Abstiegskampf zu tun – trotz schwacher Momente in der Rückserie. Garant für den Verbleib: Der dreimalige DDR-Meister, der den Titel 1956, 1957 und 1959 eroberte, brachte das Kunststück fertig, gegen die letzten Vier der Tabelle alle acht Spiele für sich zu entscheiden. Das waren die Big Points für die Sachsen, die im Volksmund wegen der Vereinsfarben Lila-Weiß auch „Veilchen“ genannt werden. Dass es in dieser Spielzeit ein schwerer Gang zum Klassenerhalt zu werden droht, wissen sie. Vor allem wegen einer personalpolitischen Entscheidung: der erste Sturm ist weg, die „Tor-Zwillinge“ Florian Krüger (für 1 Million Euro nach Bielefeld) und Pascal Testroet (der frühere Bremer wechselte für 200.000 Euro nach Sandhausen) haben im Vorjahr mit 23 Toren mehr als die Hälfte aller Treffer erzielt.

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Der Trainer

Sie waren die Ersten. Früh, genau am 7. Spieltag, trennten sich die Auer von Aleksey Shpilevski, dem großen Unbekannten, in Belarus geboren, in Kasachstan bei Qairat Almaty beschäftigt. Der 43-Jährige, der im Sommer auf den wegen nicht ganz geklärter Dinge abgelösten Dirk Schuster gefolgt war, war mit seinem Projekt im Erzgebirge gescheitert. Eine 1:4-Niederlage im Heimspiel gegen den SC Paderborn besiegelte sein Schicksal. Direkt nach dem Abpfiff erfolgte dieser erste Trainerwechsel im bezahlten Fußball. „Ich habe an das Projekt geglaubt“, begründete Präsident Helge Leonhardt, „doch es ist so nicht umsetzbar.“ Der Boss, seit September 2014 im Amt, hatte mit dem Weißrussen den achten Coach in seiner Amtszeit verpflichtet. Und dabei hatte er auf den Rat aus Leipzig gehört, wo Shpilevski jahrelang im Nachwuchs der  RB-Akademie gearbeitet hatte. Als Nachfolgelösung präsentierte der Präsident mal wieder eine Überraschung: Zunächst wurde Marc Hensel als Interimscoach installiert, dieser indes nicht im Besitz der nötigen Lizenz. Kurze Zeit später wurde dem 35-Jährigen Carsten Müller an die Seite gestellt. Ein Duo sollte es also richten. Bis eine erneute Wendung erfolgte: Aue holte Pavel Dotchev, den erfahrenen Bulgaren mit deutscher Staatsangehörigkeit, der schon etliche Stationen im Profifußball durchlaufen hat. Paderborn und Erfurt, Sandhausen und Münster, Rostock, Viktoria Köln und zuletzt MSV Duisburg. Auch in Aue war der 56-Jährige frühere Profi des Hamburger SV schon beschäftigt – von 2015 bis 2017. Offiziell amtiert der bulgarische Nationalspieler als Sportlicher Leiter, aber auch als Interimscoach mit der entsprechenden Lizenz. Eine Formalie: Das Sagen auf dem Trainerstuhl hat weiterhin Marc Hensel.

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Der Star

Der Spielmacher hat internationales Format. Dimitri Nazarov, in Kasachstan geborener Mittelfeldspieler, der mittlerweile auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, hat 43 Länderspiele für Aserbaidschan absolviert und dabei sieben Tore geschossen. Neben dem Luxemburger Dirk Carlson (32 Einsätze) und dem Österreicher Philipp Zulechner (ein Spiel) ist Nazarov der bekannteste Nationalspieler im Team der Lila-Weißen. Der 31-Jährige hat bereits mehrere Stationen in Fußball-Deutschland hinter sich. Bis 2006 spielte er bei Wormatia Worms. Es folgten Engagements in Kaiserslautern (2006 -10), Eintracht Frankfurt (2010 – 12), Preußen Münster (2012 – 13) und Karlsruhe (2013 – 16). Seitdem ist er in Aue aktiv, somit einer der dienstältesten Spieler neben Torwart Urgestein Martin Männel, seit 2008 im Verein und mit über 300 Einsätzen in der 2. Liga der Routinier.

Die Form

Die „Veilchen“, die anfangs zu verblühen schienen, haben sich wieder aufgerappelt. Aue legte einen enormen Zwischenspurt hin und steht nun wieder in voller Blüte: Platz 15 in der Tabelle mit 14 Punkten, punktgleich mit Hannover 96 auf dem Relegationsplatz, zwei Zähler vor Sandhausen und gar acht vor Schlusslicht Ingolstadt. Das Resultat des Trainerwechsels: Das Team, das am letzten Wochenende mit 1:2 gegen Darmstadt verlor, ließ zuvor aufhorchen bei den Punktgewinnen. Ingolstadt wurde zuhause bezwungen, auswärts in Rostock und sogar in Heidenheim gab es Siege, zudem einen Punkt in Hannover. Der momentane Stand: Aue wieder konkurrenzfähig im Kampf um den Klassenerhalt. 

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Die Besonderheit

Die Sowjets hatten ihre Finger im Spiel, als es zur Wiedergründung des 1908 gegründeten Clubs in Aue kam. Auf Betreiben der Besatzungsmacht wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in Ostdeutschland alle Sportvereine aufgelöst. Zunächst als lose geformte Sportgemeinschaft, beteiligte sich Aue 1946 an den lokalen Meisterschaften. Drei Jahre später wurde die Betriebssportgemeinschaft (BSG) Pneumatik Aue gegründet, die 1951 den endgültigen Namen „BSG Wismut Aue“ erhielt. Die Besonderheit: Von 1954 bis 1963 mussten die Auer Fußballer als Sektion beim SC Wismut Karl-Marx-Stadt antreten. Sie setzen aber durch, dass sie im heimischen Otto-Grotewohl-Stadion spielen durften. Es war die erfolgreichste Zeit des seit 1993 als 1. FC Erzgebirge Aue firmierenden Vereins, der auch eine Ringer-Auswahl in der Bundesliga stellt: Drei 1956, 1957 und 1959 errungene Meisterschaften sowie der Pokalsieg 1955 krönten diese Epoche.

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