Werder-Gegner Hertha BSC im Check Big City Crash

Werder trifft auf Hertha BSC (Sonnabend, 18.30 Uhr) - und somit auf ein Team, das die Saison mit großen Ausgaben und noch größeren Ambitionen anging. Nun spielen die Berliner gegen den Abstieg. Aber warum?
22.01.2021, 09:17
Lesedauer: 3 Min
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Von Stefan Rommel

Unter dem - zugegeben wunderschönen - Projektnamen „Goldelse“ führt Hertha BSC derzeit eine Mitarbeiterbefragung durch, um darauf basierend Entscheidungsprozesse und Strukturen, vielleicht sogar das Organigramm im Klub anzupassen. Es könnte in Berlin also zu jenem Umbruch im Großen kommen, den die Profimannschaft seit ein paar Monaten schon im Kleinen vollzieht. Die Hertha will schließlich ganz hoch hinaus, mindestens aber in die Champions League.

Drumherum tut sich so einiges in der Hauptstadt, das muss man den Berlinern ja lassen. Die Hertha hat ihr soziales Engagement entdeckt, dringt so langsam hinein in gesellschaftliche Schichten, die bislang mit dem Klub herzlich wenig anfangen konnten. Da sind schon einige Dinge auf dem richtigen Weg - nur die Mannschaft kann mit dieser Entwicklung noch lange nicht mithalten.

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Berlin hat seit dem Einstieg von Investor Lars Windhorst und dessen Konsortium im Sommer 2019 seinen Kader komplett umgerüstet, dabei ein Transferminus von rund 100 Millionen Euro erzielt. Die Ausgaben für drei Cheftrainer in dieser kurzen Zeit sind da nicht mal eingerechnet. Den sportlichen Erfolg hat seit einem guten halben Jahr Bruno Labbadia zu verantworten, aber auch einer der erfahrensten Bundesligatrainer droht an der Hertha zu scheitern.

Labbadia hat es bis heute nicht geschafft, neue Hierarchien im Team zu bauen. Der Kader ist punktuell zwar mit herausragenden Einzelspielern besetzt, wirkt aber unausgewogen und nicht zu Ende gedacht. Auf einigen Positionen gibt es ein Überangebot an Spielern, auf anderen sucht Labbadia verzweifelt nach Alternativen. Und so tauchen Spieler auf für sie eher unpassenden Positionen auf. Das eigentliche Problem ist aber, dass der Mannschaft nach den Abgängen verdienter und meinungsstarker Spieler wie Thomas Kraft, Fabian Lustenberger, Per Skjelbred oder Vedad Ibisevic eine funktionierende Achse fehlt.

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Es gibt aktuell kaum einen Spieler, der in schwierigen Phasen vorangeht, an dem sich die Kollegen orientieren könnten. Und so ergibt sich eines zum anderen: Nach einem schleppenden Start sah sich die Mannschaft immer mal wieder auf dem Weg der Besserung. Auf jedes Erfolgserlebnis folgte die Ernüchterung, einige der ambitionierten Spieler verloren schnell die Lust, einige andere wollten nicht die Drecksarbeit erledigen. So stellt sich derzeit keine Mannschaft dar, sondern eine Ansammlung von Ich-AGs, von denen jeder Einzelne wohl besser kicken kann als sein Bremer Pendant - nur zusammen will das eben partout nicht funktionieren.

Die großen Kader- und Spielanalysen kann man sich bei der Hertha deshalb fast schenken. Natürlich gibt es ein paar Eigenheiten, die auffällig sind und die auch Florian Kohfeldt und sein Trainerteam ansprechen müssen. Bei der Hertha ist mit der Viererkette als einzige Konstante nahezu alles möglich, die Raute im Mittelfeld, ein 4-3-3, ein Stoßstürmer oder zwei. Die Versuche, über Verlagerungen die Flügelspieler einzusetzen oder aber gleich ganz zielstrebig am Flügel entlang zu kombinieren…

Aber im Grunde ist die Hertha eine totale Wundertüte: Wenn der eine oder andere Spieler einen guten Tag erwischt, reicht die schiere individuelle Qualität aus, um in der Bundesliga zu punkten. Schafft es ein Gegner aber, diese Spieler kaltzustellen, dann bleibt eine ganz dünne Basis, auf die sich Mannschaft verlassen könnte.

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Es gibt schlicht kein organisches Wachstum in der Truppe und langsam verfestigt sich der Eindruck, dass auf einen Schlag zu viel gewollt wurde - statt die Entwicklung schrittweise voranzutreiben und dabei auch den einen oder anderen Rückschlag einzupreisen.

Die Abwärtsspirale hat die Hertha längst voll erwischt und so ein bisschen erinnert das an Werder in der letzten Saison. Noch nicht in der Ausprägung und die Substanz im Kader ist auch deutlich höher. Aber die grundsätzliche Tendenz ist nicht mehr zu leugnen: 17 Punkte und damit so viele - oder wenige - wie Aufsteiger Arminia Bielefeld und Tabellenplatz 14 sind der eindeutige Beleg für eine völlig verkorkste Hinserie. Mit dem internationalen Geschäft braucht sich die Hertha wohl nicht mehr befassen. Stattdessen lautet das Motto für die zweite Hälfte der Saison: Abstiegskampf.

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