Werder-Gegner am Sonntag

So tickt Hansa Rostock

Nach fast einem Jahrzehnt in der Trostlosigkeit der 3. Liga ist Hansa Rostock, der Stolz der Fußballer in Mecklenburg-Vorpommern, wieder in der 2. Liga. Wir stellen den Gegner von Werder vor.
29.08.2021, 10:29
Lesedauer: 3 Min
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Von Hans-Günter Klemm

Die Historie

Mit Hansa kehrt ein Flaggschiff des Fußballs in der früheren DDR zurück in die 2. Bundesliga. Der letzte Ost-Meister, 1991 gelang das Double im Regionalverband Nordost, belegte in der 3. Liga den zweiten Platz und jubelte somit nach mehreren Spielzeiten, die von Mittelmäßigkeit geprägt waren. Der Lohn: Ein Boom in der Hansestadt – binnen weniger Tage wurden 10 000 Dauerkarten sowie 1 500 Vip-Tickets verkauft. Der mit gut 22 Millionen Euro Schulden belastete Club plant mit einem Etat, der sich auf etwa zehn Millionen Euro beläuft. 

Der Trainer

„Platz 15“ – dieses Saisonziel hat der Coach ausgegeben. Jens Härtel, zuvor in Magdeburg tätig, trainiert seit Januar 2019 den Verein. Der 52-jährige Sachse hat sich den Eintrag in die Geschichtsbücher der traditionsreichen Hansa-Kogge gesichert. Nach dem Ex-Bremer Uwe Reinders (1991) und Frank Pagelsdorf (1995 und 2007), die Rostock jeweils in die Bundesliga führten, sowie Peter Vollmann (Zweitliga-Aufstieg 2011) ist Härtel der vierte Aufstiegscoach bei dem Club an der Ostsee seit der Wiedervereinigung 1990. Mit Härtel ist Ruhe und Beständigkeit auf dem Trainerstuhl eingekehrt. Zuletzt hatte Hansa in knapp 13 Jahren 17 Übungsleiter verschlissen. Nun die Ära Härtel: Beim Saisonstart war der akribische Arbeiter und detailversessene Architekt des neuen Rostocker Teams bereits 927 Tage im Amt, eine Periode, die nur von Pagelsdorf bei seinen zwei Engagements übertroffen werden konnte. Härtel plant seine Zukunft in Rostock, verlängert seinen Vertrag indes jeweils nur um ein Jahr. Sein Argument: „Für beide Seiten die beste Lösung.“

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Der Star

Ein Schwede aus Italien versprüht den meisten Glanz auf der Liste der Neuen, die bei dem Aufsteiger mehr Tempo und mehr Ballsicherheit versprechen sollen. Svante Ingelsson, 33 Jahre alt, ein Mittelfeldspieler, der auf der Lohnliste von Udinese Calcio stand und ablösefrei in die Hansestadt gewechselt ist. Der italienische Erstligist hatte den Mittelfeldmann, der neben dem aus Nürnberg geholten Hanno Behrens das Spiel lenken und leiten soll, zuletzt mehrfach verliehen. Ingelsson agierte in der letzten Saison beim SC Paderborn, für den er 32 Einsätze verzeichnete. Dort machte sich auch Streli Mamba in der 1. Liga einen Namen. Der flinke Stürmer, nicht minder prominent wie der Skandinavier, war zuletzt bei Qairat Almaty beschäftigt.

Die Form

Auswärts sind die Rostocker stärker, vier Punkte hat Hansa nach vier Spieltagen geholt, allesamt auswärts errungen. Ein 1:1 in Heidenheim nach der faustdicken Überraschung beim 3:0 in Hannover. Zwei Erfolgserlebnisse, so dass Werder gewarnt sein müsste. Zuhause im Ostsee-Stadion lief es nicht so gut für die Härtel-Elf, die im Auftaktspiel mit 1:3 dem Karlsruher SC unterlag und am vergangenen Wochenende mit dem gleichen Resultat im Vergleich mit dem einstigen DDR-Rivalen Dynamo Dresden den Kürzeren zog.

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Die Besonderheit

Mit Werder kam auch die Wende in Rostock. In der Mauerfall-Saison landete Hansa auf Platz sechs. Im letzten Oberliga-Spieljahr der untergehenden DDR soll ein Platz in der 2. Bundesliga angestrebt werden. Ein neuer Trainer, bislang stets von der SED-Bezirksleitung bestimmt, soll her. Und da kommt Werder Bremen ins Spiel. Im Februar 1990 organisieren Hansa und Werder das „Lila-Pause-Spiel“, bei dem gesponserte LKW-Ladungen Schokolade verteilt werden. Der Beginn einer Kooperation zwischen den Vereinen aus West und Ost. Die Hansa-Bosse erhielten eine Einladung zu einem Europacup-Spiel in Bremen. In der Loge erwähnte Club-Vize Dietrich Kehl, dass sie auf der Suche nach einem Trainer aus dem Westen seien. Die Bremer Gesprächspartner deuteten auf einen Mann: „Da steht er!“ Uwe Reinders war gemeint, der frühere Werderaner, Torjäger und Vize-Weltmeister. Der heute 66-Jährige, wohnhaft in Achim, sagte zu, akzeptierte ein moderates Gehalt, aber verlangte stattliche Prämien für Meistertitel und Pokalsieg, jeweils umgerechnet 200 000 Euro hoch. Die Hansa-Leute lachten. Nie hatten sie irgendeinen Titel geholt. Es änderte sich. Mit Reinders gewannen sie das Double, qualifizierten sich für die Bundesliga und zahlten gerne die Gratifikation. 

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