Werders Gegner Schalke 04 in der Analyse

Vorsicht vor den Prügelknaben

Schalke 04 hat einen fürchterlichen Start hingelegt, beim Bremer Gegner erinnert vieles an die katastrophale letzte Saison. Es gibt aber auch Anzeichen der Besserung, vor denen Werder gewarnt sein sollte.
26.09.2020, 12:27
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel

Das sind Schalkes Stärken:

Gegen die Bayern kann man schon mal fürchterlich unter die Räder kommen. Das ist keine Entschuldigung für ein 0:8, sollte aber Schalkes Auftaktspiel in München und die darauf folgenden Debatten der letzten Tage etwas einordnen. Denn: Vielleicht war der FC Schalke an diesem Tag tatsächlich acht Tore schlechter als die Bayern, das Spiel sollte aber nicht stellvertretend stehen für das, was von Schalke grundsätzlich zu erwarten ist.

Das Schalker Spiel soll sich auch in der neuen Saison durch eine hohe Laufbereitschaft, Intensität, ein starkes Pressing und Gegenpressing, sowie schnelle Umschaltmomente nach Ballgewinnen definieren. Dafür ist der Kader ausgelegt, dafür steht Trainer David Wagner. Und das kann die Mannschaft auch umsetzen, wie man in der Hinserie der abgelaufenen Saison durchaus erkennen konnte.

Das Prunkstück ist dabei das Spiel gegen den Ball. Schalke arbeitet im flachen 4-4-2 oder 4-2-3-1 mit klaren Kettenmechanismen und stellt den Gegner gerne in direkten Duellen. Der Kern der Überlegungen hat das Zentrum im Blick, deshalb auch die Doppel-Besetzung vor der Abwehr und zuletzt auch im 4-2-2-2 mit stärkerem Fokus aufs Zentrum und die Halbräume. Schalke leitet den Gegner gerne auf die Außenbahn, um dort Druck aufzubauen und durchzuschieben.

Nach Ballgewinnen geht es auf dem direkten Weg nach vorne, gerne zügig dafür durchs Zentrum. So war das jedenfalls bisher. Nun verfolgt Wagner auch einen eher spielerischen Ansatz und nutzt dabei den an sich ganz ausgeglichen konzipierten Kader. Neben kampfstarken Spielern und Umschaltspielern hat Schalke auch in Sebastian Rudy, Nabil Bentaleb, Mark Uth oder dem neuen Angreifer Goncalo Paciencia einige ballsichere, kombinationsstarke Spieler im Kader. Bentaleb oder Rudy helfen im tiefen Dreieraufbau aus, Paciencia zeigt sich in tieferen Positionen im Mittelfeld, während Sprinter und Dribbler wie Rabbi Matondo oder Amine Harit die Tiefe bedrohen können.

Die Verletzungssorgen der jüngsten Rückrunde haben sich deutlich entspannt, wenngleich mit Innenverteidiger Salif Sane und Mittelfeldspieler Suat Serdar zwei wichtige Defensivspieler fehlen. Immerhin sind Harit, Omar Mascarell oder Benjamin Stambouli zurück und geben Trainer Wagner mehr Alternativen. Mit Spielern wie Kabak, Bentaleb, Harit, Rudy, Uth oder Paciencia sollte auf dem Papier auch wieder viel mehr Fußball möglich sein, Dinge wie Ballsicherheit, Kombinationsspiel, Kreativität wieder größere Bedeutung erlangen.

Das Bayern-Spiel war ein Tiefpunkt und das 17. Spiel in Folge ohne Sieg für die Prügelknaben der Liga. Aber es sollte Schalke nicht einfach in eine Schublade stecken. Die Mannschaft hat alleine auf Grund ihrer Einzelspieler genug Potenzial, um in der Bundesliga Spiele zu gewinnen. Selbst wenn es immer noch spielerische Defizite gibt, reichen einige individuelle Momente aus, um Torgefahr zu erzeugen.

Das sind Schalke Schwächen:

Das grundlegende Problem scheint nach der völlig missratenen Rückrunde und dem Katastrophenstart in München die Frage zu sein, für welchen Fußball Schalke in Zukunft stehen soll? Wagners Lösungen griffen zuletzt fast ausnahmslos ins Leere, der Trainer hat seine einstmals sehr stringente Linie immer wieder verworfen, angepasst, überarbeitet und sich dabei auch selbst verloren. Deshalb kommt das früher sehr aggressive Pressing phasenweise daher wie eine zufällig aufgebaute Strategie, aus der dann früher oder später mindestens ein Spieler ausschert und das ganze Konstrukt zum Einsturz bringt.

Gegen die Bayern lag Wagner mit einem flachen 4-4-2 gegen die Zwischenraumsucher aus München mal komplett daneben und revidierte diese unpassende Formation auch nicht. Zwar schien die Mannschaft immer sehr eifrig gegen den Ball zu arbeiten, was auch ein paar statistische Kennzahlen so auswiesen. Schalkes Defensiv-Prinzipien passten dabei aber überhaupt nicht zueinander.

Mit einer hohen letzten Linie kann man verteidigen, so lange die Spieler weiter vorne den Druck auf den gegnerischen Ballbesitz hoch halten. Oder aber man verteidigt deutlich tiefer und attackiert aus einem Mittelfeld- oder sogar Abwehrpressing den Ball. Absolut tödlich ist aber die Kombination aus hoher Abwehrkette und wenig Balldruck im Mittelfeld - genau so agierte Schalke aber in München und auch in einigen Testspielen.

Aus der gewünschten Aktivität gegen den Ball wird bei Schalke schnell ein aktionistisches Durcheinander, das letztlich eigentlich klare Abläufe sprengt und die ohnehin schon improvisierte Abwehr unter Dauerstress hält. Die Besetzung der Viererkette ist eher suboptimal, Stambouli kein gelernter Innenverteidiger, Rudy rechts in der Viererkette ebenfalls nur ein Notnagel. Beide wären im defensiven Mittelfeld deutlich besser aufgehoben und verstärken stattdessen in der Abwehr ein massives Problem: Die fehlende Geschwindigkeit.

Mit dem Ball gibt es zwar erste Ansätze der Besserung, die Probleme überwiegen aber auch in dieser Spielphase. Gegen tiefstehende Gegner hat Schalke massive Schwierigkeiten, hinter die Abwehrreihe zu gelangen. Die strukturellen Probleme im Spielaufbau und -vortrag bis ins letzte Drittel sind bisher auch nicht dauerhaft von einem oder mehreren Einzelkönnern aufzufangen. Das notwendige Tempo und eine gewisse Dynamik im letzten Drittel beschränken sich zu oft auf die Umschaltmomente.

Es fehlt an Selbstvertrauen und Selbstverständnis, gegnerischen Druck auch mal in tieferen Positionen auszuhalten und sich spielerisch zu befreien. Die Folge sind schnelle neutrale Bälle, um den Ballverlust zu vermeiden - damit wird aber auch die Ballkontrolle aufgegeben. Die Spieler für eine ruhigere Zirkulation und mehr Ballbesitz gäbe es im Kader, die Interaktion untereinander wirkt aber nicht gut aufeinander abgestimmt.

Das ist der Schlüsselspieler:

Benjamin Stambouli ist nicht nur der Kapitän der Mannschaft und verlängerte Arm des Trainers, sondern innerhalb der Kabine auch einer der Wortführer. Stambouli soll den Laden außerhalb des Platzes zusammenhalten und füllt diese Rolle auch sehr gut aus. Nach einer längeren Verletzungspause ist der Franzose aber auch noch in der Findungsphase und vor allen sehr darauf angewiesen, auf welcher Position Wagner mit ihm plant. Als Innenverteidiger fehlen Gefahrenwahrnehmung und Tempo, im defensiven Mittelfeld könnte Stambouli seine Stärken aber ganz anders ausspielen und wieder zu dem Fixpunkt werden, den Schalkes Spiel in beide Spielrichtungen dringend benötigt.

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