Sieg gegen Dortmund in der Analyse Werder hat den besseren Plan

Werder hat gegen den BVB seine beste Auswärtspartie der Saison abgeliefert und folgerichtig mit 2:1 gewonnen. Florian Kohfeldts Ideen gingen auf, während Peter Bosz mit einer Entscheidung daneben lag.
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Stefan Rommel

Florian Kohfeldt vertraute demselben Personal wie beim Sieg gegen Stuttgart in der Vorwoche, aber einer anderen Grundordnung. Werder trat gegen den BVB ähnlich wie beim letzten Auswärtsspiel in Leipzig mit einer Dreierkette auf, in der überraschend Philipp Bargfrede einen verkappten Libero gab. Neben Bargfrede spielten wie gewohnt Milos Veljkovic und Niklas Moisander als Halbverteidiger. Theo Gebre Selassie und Ludwig Augustinsson bearbeiteten die Außenbahnen. Thomas Delaney übernahm die Sechserposition, Maximilian Eggestein und Zlatko Junuzovic die Halbpositionen. Fin Bartels und Max Kruse waren wieder die Angreifer. Das 5-3-2 gegen den Ball wurde im Ballbesitz mit dem aufrückenden Junuzovic zu einem 3-4-3.

Dortmund rückte Andrej Yarmolenko für Nuri Sahin in die Startelf, Trainer Peter Bosz vertraute ebenfalls wieder auf eine Dreierkette in der Abwehr. Allerdings überraschte der Niederländer mit nur einem Sechser in seinem 3-4-3. Dortmund spielte Werder mit seiner veränderten Grundordnung voll in die Karten. Die Idee, mit Mo Dahoud nur einen Sechser aufzustellen, entwickelte sich für die Gastgeber im Aufbauspiel zum Problem. Werder hatte den Plan, das Zentrum jederzeit unter Kontrolle zu haben und den BVB am Boden nicht nach vorne kombinieren zu lassen. Auch Shinji Kagawa, der sich im Aufbau öfter neben Dahoud ins defensive Mittelfeld fallen ließ, konnte die strategischen Defizite nicht ausgleichen.

Dortmund findet keinen Weg

Das Pressing der Gäste pendelte zwischen Angriffs- und Mittelfeldpressing, wobei sich Junuzovic aus seiner höheren und breiteren Position weiter hinten auf der linken Achterposition einfand, um die Überzahl in der Mitte des Spielfelds herzustellen. Da auch die beiden Halbverteidiger Veljkovic und Moisander die Dortmunder Flügelspieler teilweise bis weit hinein in die Hälfte der Gastgeber verfolgten, konnte der BVB durch seine zurückfallenden Angreifer seine Unterzahl nicht ausgleichen.

Dortmund fand keinen Weg durch das Übergangsdrittel und schaffte es nur vereinzelt durch einen die Linie entlang geschlagenen oder hoch über das Mittelfeld gespielten Ball überhaupt ins Bremer Abwehrdrittel. Die anschließenden Dribblings der Flügelspieler Yarmolenko und Pulisic waren aber gegen doppelnde Bremer wirkungslos.

Auch mit dem vereinzelt eingestreuten frühen Anlaufen im Angriffspressing kam der BVB nicht zurecht, hier zeigten sich die technischen Defizite von Sokratis und Subotic, die unter Druck auf hohe und lange Bälle setzten. Werder blieb in diesen Szenen aber auch aufmerksam, verteidigte sofort die Tiefe und zog sich bei weiten Bällen des Gegners schnell und kompakt zusammen, um in Ballnähe die Überzahlsituation zu gewährleisten. In der ersten Halbzeit funktionierten diese defensiven Abläufe nahezu perfekt.

Allerdings wurde Werders Verhalten auch begünstigt durch einen unglaublich schwachen Dortmunder Auftritt. Der BVB verabschiedete sich durch Bosz‘ Aufstellung und Ausrichtung von allem, was einmal einstudiert und erfolgreich gewesen war. Heraus kam ein Mix aus vielen Ansätzen, die eher zufällig wirkten, denn geplant. Die Mannschaft hatte keine offensive Idee, bekam keine Ballzirkulation, geschwiege denn ein Positionsspiel hin. Und das Gegenpressing, einst der markante Dortmunder Eckpfeiler, fand nahezu gar nicht mehr statt. Werder stellte Dortmunds Angriffe und die Passlinien durch bloßes Verschieben zu und musste so erst gar nicht in viele Zweikampfsituationen gegen die trickreichen und schnellen Gegenspieler.

Werder macht Guerreiro als Schwachstelle aus

Die Borussia versuchte ebenfalls, in einem 5-2-3 gegen den Ball zu pressen, blieb aber fast bis zur Mittellinie sehr passiv und öffnete Werder immer wieder die Räume hinter den äußeren Mittelfeldspielern Bartra und Guerreiro. Gerade den Raum im Rücken des Portugiesen steuerte Werder nach einem kurzen Anlocken des Gegners durch ein paar Querpässe der Innenverteidiger an, ehe dann der weite Ball auf Gebre Selassie erfolgte, der Guerreiro entweder schon entwischt war, oder aber das Kopfballduell gegen den deutlich kleineren Gegenspieler gewinnen konnte. Auf der linken Seite drückte Augustinsson durch seine hohe Position Bartra gut in die Defensive.

Werder spielte gegen die vergleichsweise tiefer stehende Dortmunder Dreierkette nicht sofort die Tiefe an, wie es vielleicht erwartet worden wäre, sondern genehmigte sich den Zwischenschritt über die Halbräume, um dann mit Ablagen auf die nachrückenden Achter und mit Tempo auf die Abwehr zuzulaufen. Das gute Ballbesitz- und Positionsspiel war die Basis dafür, die eingestreuten Spielverlagerungen rissen den BVB immer wieder auseinander.

Bosz reagierte nach dem Rückstand auf sein gescheitertes Experiment und stellte noch in der ersten Halbzeit auf ein 4-2-3-1 um, mit Guerreiro neben Dahoud auf der Sechs und Kagawa auf der Zehn. Die Unterzahl im Mittelfeld war dadurch zwar neutralisiert, gegen Werders nun klare Mannorientierungen im Zentrum konnten sich die Dortmunder Kreativen aber auch nicht durchsetzen. Dortmunds spielerische und die Geschwindigkeitsvorteile waren weiter zu keinem Zeitpunkt ein Faktor.

Kein Schuss auf Pavlenkas Tor

Dazu kamen unübersehbare individuelle Aussetzer. Einige Spieler wirkten nicht bis zum Letzten einsatzwillig, liefen im Pressing nicht durch oder etwas missratenen Pässen der Mitspieler nicht nach. So hatte Werder leichtes Spiel gegen eine ganz schwache Dortmunder Mannschaft, die in der ersten Halbzeit keinen einzigen Schuss auf Pavlenkas Tor zustande brachte.

Bosz reagierte zur Pause mit zwei personellen Wechseln und der Rückkehr zum 4-3-3, übertrug Nuri Sahin eine Stelle im zentralen defensiven Mittelfeld und wechselte Pulisic auf die rechte Angriffsseite. Dortmund zeigte sich deutlich verbessert, mit mehr Körperspannung. Sahin baute umsichtiger auf, die höher postierten Dahoud und Kagawa lösten sich von ihren Bewachern, Pulisic bot sich öfter in der Halbspur an, die Außenverteidiger schoben an, die Dreierkette rückte höher auf. Dadurch wurde das Kombinationsspiel flüssiger und das Gegenpressing besser. Der BVB erzeugte damit gerade über die Flügel hohen Druck mit dem Ausgleich als Krönung.

Das Spiel drohte zu kippen und der BVB verfiel in seinen alten Kardinalfehler: Statt ruhig weiterzuspielen, rannte die Mannschaft ohne Absicherung nach vorne und lud Werder förmlich zum Kontern ein. Werder wich nicht zurück, sondern legte schnell wieder den Vorwärtsgang ein. Nach Ballverlusten wurde Dortmund nach dem bewährten Muster ausgespielt: schneller, langer Ball hinter die aufgerückten Mittelfeldspieler und konsequentes Nachrücken.

Mit der ersten dicken Chance durch den eingewechselten Jerome Gondorf legte Bremen seine Passivität wieder ab und bekam die Partie komplett in den Griff. Das schnelle 2:1 war fast schon die logische Folge. Jetzt entwickelte sich ein Spiel fast wie gemalt für Werder. Die Mannschaft zog zwei eng beieinanderstehende Ketten auf und spielte in einem 5-4-1 auf Konter. Die boten sich zur Genüge, weil Dortmunds Sechsern die Geschwindigkeit im Umschaltspiel fehlte und die Konterabsicherung damit kaum noch gegeben war. Werder versäumte es bei drei, vier Angriffen in Gleich- oder sogar Überzahl, die sich bietende Chance sauber zu Ende zu spielen und mit dem dritten Tor das Spiel endgültig zuzumachen. Dortmund vergab seine einzige echte Chance durch Kagawa kläglich.

Bremen zeigte sich bestens vorbereitet auf Dortmunds Stärken und Schwächen, klemmte das Passspiel der Gastgeber ins Zentrum ab und ließ Dortmund seine individuelle Überlegenheit nicht entfalten. Werder war in allem gut, im Umschalten in beide Richtungen, im Gegenpressing, im Ballbesitzspiel, hatte eine gute Balance und stets die richtigen Antworten.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+