Weltmeister Kohler über Bremens Defensive

„Werder hat in der Abwehr keine Waffen“

Die Innenverteidigung ist in dieser Saison eine Problemzone bei Werder. Routinier Niklas Moisander ist gesetzt, der Rest relativ offen. Jürgen Kohler analysiert für Mein Werder die Bremer Defensive.
03.05.2019, 08:10
Lesedauer: 5 Min
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Von Jean-Julien Beer
„Werder hat in der Abwehr keine Waffen“
dpa

Würde man alle Trophäen, die Jürgen Kohler in seiner großen Karriere als Innenverteidiger gewann, in einen Raum stellen, dann würde es dort funkeln wie in einer Schatzkammer. Weltmeister, Europameister, Gewinner der Champions League und des Uefa-Cups, Weltpokalsieger, mehrere deutsche Meisterschaften und Supercups, dazu Meister und Pokalsieger in Italien. Der heute 53-Jährige war so etwas wie der Sergio Ramos seiner Zeit.

Was für ihn einen guten Innenverteidiger ausmacht? „Er muss sein Kerngeschäft beherrschen“, sagt Kohler, „das sind Stellungsspiel und Zweikampfführung.“ Ein dritter Punkt werde zudem immer wichtiger: das Tempo. Kohler: „Die bedeutendste Veränderung im Fußball der letzten Jahre ist, dass das Spiel sehr viel schneller geworden ist. Darauf müssen Abwehrreihen vorbereitet sein.“ Für Mein Werder analysiert Kohler die Bremer Innenverteidiger – eine Problemzone im Team von Trainer Florian Kohfeldt, der schon verschiedene Konstellationen probierte und sich nun mit Sportchef Frank Baumann Gedanken machen muss, wie groß die Veränderungen in der Abwehr schon zur kommenden Saison ausfallen sollen und können. An der Seite von Abwehrchef Niklas Moisander, der im September 34 Jahre alt wird, konnten sich bisher weder Milos Veljkovic (23) noch Sebastian Langkamp (31) oder Marco Friedl (21) dauerhaft etablieren. Immerhin: Den von Bayern ausgeliehenen Friedl, bisher eher Back-up für Moisander (siehe Artikel auf dieser Seite) würde Werder gerne fest verpflichten und ihn für die Zukunft aufbauen.

„Gegen Rashica hätte Moisander keine Chance“

„Auch wenn es martialisch klingt“, sagt Kohler mit Blick auf die Bremer Abwehr, „Spieler auf bestimmten Positionen müssen eine Waffe haben, um für die Mannschaft wertvoll und für den Erfolg unverzichtbar zu sein. Zum Beispiel Geschwindigkeit oder Kopfballstärke.“ Sein Urteil: „Werder hat in der Abwehr keine Waffen.“

Geht er die einzelnen Namen durch, dann schätzt Kohler, ähnlich wie Kohfeldt, den erfahrenen Moisander noch am besten ein: „Um das Ziel Europacup ausgeben zu können, brauchte Werder einen Leader-Typen wie ihn. Was Max Kruse vorne ist, das verkörpert Moisander hinten. Ich bezweifle aber, dass er Bremen auch auf internationaler Ebene noch geholfen hätte. Das liegt vor allem an der fehlenden Geschwindigkeit. Gegen einen Rashica im gegnerischen Angriff hätte Moisander leider keine Chance.“ Zwar sei auch Mats Hummels, Weltmeister von 2014, nie der Schnellste gewesen, erklärt Kohler, „aber mit Neven Subotic in Dortmund oder Jérôme Boateng in der Nationalelf passte es trotzdem perfekt, weil die neben ihm brutal schnell waren. Hummels kompensierte sein Tempo-Defizit durch seine individuelle Klasse: Er hat besser gestanden und besser antizipiert.“

„Veljkovic sehe ich nicht als Abwehrchef“

Dass Moisander in Bremen ein solcher Nebenmann fehlt, ist offensichtlich. Und wer einmal seine Nachfolge als Abwehrchef antreten soll, ist offen. Kohler legt sich fest, dass Veljkovic es nicht wird. Der serbische WM-Teilnehmer ist aus Kohlers Sicht „kein Leader, der auf dem Platz Verantwortung übernimmt und dirigiert. Das sehe ich bei ihm in den Spielen nicht – und deshalb sehe ich ihn in den nächsten Jahren auch nicht in einer Rolle als Abwehrchef, egal bei welchem Verein“. Überhaupt sei Veljkovic vielleicht etwas zu gut eingeschätzt worden. „Welche Waffe hat er denn?“, fragt Kohler, „er ist ein ordentlicher Kopfballspieler, aber nicht überragend. Er bringt eine gute Geschwindigkeit mit, ist aber auch hier nicht überragend. Veljkovics Zweikampfführung würde ich auch als normal einstufen, sicher nicht als überragend.“

Für Friedl sprächen seine Ausbildung und seine Jugend, urteilt Kohler: „Auch wenn er noch nicht so oft in der Bundesliga gespielt hat, muss man sagen: Wenn du bei Bayern geschult wurdest und mit damals 19 Jahren in der Bundesliga angekommen bist, dann kannst du auch was. Was der Junge nun braucht, um sich zu entwickeln, sind Vertrauen und vor allem mehr Einsätze.“

„Ein Neuer muss eine Verstärkung sein“

Kohfeldts aktuell vierte Option, den routinierten Langkamp, nennt Kohler einen „guten Kaderspieler. Jeder Trainer ist froh, bei einer Sperre oder Verletzung auf so einen erfahrenen Verteidiger zurückgreifen zu können“. Langkamp wechselte 2018 von Hertha BSC zu Werder.

Beim Hauptstadtklub sieht Kohler aktuell den Innenverteidiger spielen, der den Bremern für die nächsten Jahre vielleicht am besten weiterhelfen würde: Niklas Stark. Kohler: „Der bringt mit seinen 24 Jahren alles mit. Tempo, Zweikampfstärke und Persönlichkeit. Zudem kann er in der Defensive verschiedene Positionen spielen.“ Er nennt den Berliner Stark „eine Perle“ unter den Innenverteidigern der Bundesliga. Und genau hier beginnt für Werder das Problem: Seltene Perlen sind teuer. Mit einem Mann wie Stark müsste Werder eine klare Vision verbinden – und sich entsprechend dazu bekennen, auf dieser Position sehr viel Geld zu investieren.

In jedem Fall aber sieht Kohler Handlungsbedarf in der Defensive. Der Weltmeister: „Wenn Werder weiter langsam wachsen möchte, genügt in diesem Sommer ein neuer Innenverteidiger. Der muss aber eine klare Verstärkung sein, um in den nächsten Jahren als eine Stütze bei der Weiterentwicklung des Teams helfen zu können.“ Wenn dieser Prozess schneller gehen und in Bremen dauerhaft europäisch gespielt werden soll, „dann reicht ein neuer Innenverteidiger nicht aus“.

„Für hohe Ziele brauchst du eine starke Defensive“

Bei seiner Analyse bindet Kohler auch die Außenverteidiger ein: „Theodor Gebre Selassie und Ludwig Augustinsson marschieren viel, gerade Gebre Selassie setzt mit seiner Torgefahr vorne manchmal wichtige Akzente. Aber in der Summe sind beide Bundesliga-Durchschnitt.“ Kohler glaubt deshalb, dass die Bremer Außenverteidiger bei den anderen Klubs, die sich in der Bundesliga gerade für Europa qualifizieren, eher nicht als Stammkräfte agieren würden: „Das gehört zur Wahrheit dazu, wenn man die Abwehr beleuchtet.“

Mit der Erfahrung aus 105 Länderspielen und mehr als 500 Pflichtspielen als Profi in Deutschland und Italien ist Kohler bekennender Fan einer alten Fußballer-Weisheit, die auch für Bremen gelte: „Auf Strecke erreichst du hohe Ziele nur mit einer starken Defensive.“ Als Beispiel aus der aktuellen Saison verweist Kohler auf RB Leipzig: „Die haben sich vor allem deshalb für die Champions League qualifiziert, weil sie nur 24 Gegentore kassiert haben – weniger als alle anderen Mannschaften der Liga.“ Bremen hingegen kassierte in 31 Ligaspielen bereits 46 Tore, jetzt schon sechs mehr als in der gesamten Vorsaison. Nicht nur, aber auch wegen der Abwehr.

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