Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic

„Werder hat tolle Transfers gemacht”

Der Sportvorstand von Eintracht Frankfurt, Fredi Bobic, spricht im Interview über die Entwicklung der Bundesliga-Standorte Frankfurt und Bremen. Am Sonntag treffen Werder und die Eintracht aufeinander.
15.11.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Frank Hellmann

Der Sportvorstand von Eintracht Frankfurt, Fredi Bobic, spricht im Interview über die Entwicklung der Bundesliga-Standorte Frankfurt und Bremen. Am Sonntag treffen Werder und die Eintracht aufeinander.

Herr Bobic, unterschiedlicher könnte die Ausgangslage vor dem Spiel am Sonntag zwischen Werder und Eintracht Frankfurt nicht sein: Die einen krebsen mit sieben Punkten im Tabellenkeller rum, die anderen gehören mit 18 Zählern zur Spitzengruppe. Vor der Saison herrschte in Bremen vergleichsweise großer Optimismus, in Frankfurter eher Pessimismus. Können Sie das erklären?

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Fredi Bobic: In Frankfurt hatten wir wirtschaftlich keine andere Wahl, als den Weg zu beschreiten, den wir gegangen sind. Wenn ein Verein sich erst in gefühlt letzter Minute in der Relegation in Sicherheit bringt, ist es doch ganz normal, danach jeden Stein umzudrehen. Bei den Neuzugängen haben wir darauf geschaut, dass sie jung, schnell sind und die richtige Mentalität mitbringen. Werder hat tolle Transfers gemacht, sehr viel Geld eingenommen und diese Mittel eingesetzt. Was danach intern lief, kann ich nicht beurteilen.

Sie haben einen sehr internationalen Kader mit Spielern zusammengestellt, die kaum Ablöse kosteten. Kein Verein holte mehr Spieler aus dem Ausland, die Profis kommen jetzt aus 17 Nationen. Die Kritik entzündete sich vor allem daran, dass kaum einer Taleb Tawatha, Shani Tarashaj, Omar Mascarell oder Jesus Vallejo kannte. Konnten Sie das nachvollziehen?

Natürlich. Uns waren diese Spieler sehr wohl bekannt, nicht aber der größeren Öffentlichkeit. Kritik gab es, weil jeder zuerst nach Namen giert. Und Namen wecken Erwartungen, untermauern Ansprüche. Aber die Erfahrung zeigt, dass diese willensfähigen, jungen Spieler leichter zu führen sind, um eine Einheit zu formen.

Hätten Sie gerne die 25 Millionen Euro Investitionsvolumen zur Verfügung gehabt, die Werder durch die Transfers von Jannik Vestergaard und Anthony Ujah einnahm?

Finanzielle Mittel schaden nie! Damit kann man ruhiger agieren, aber sie können auch verleiten. Ich hätte auch einige Spieler lieber fest verpflichtet als geliehen.

Werder holte mit Niklas Moisander, Lamine Sane und Fallou Diagne drei Verteidiger, die die ohnehin wacklige Defensive augenscheinlich noch anfälliger gemacht haben. Sie leihen von Real Madrid mit Jesus Vallejo einen 19-Jährigen für die Abwehr, der sofort Stabilisator ist. Er spielt so gut, dass er wohl im Sommer gleich wieder zurückgeht.

So ist das Geschäft. Aber aktuell hilft uns seine sportliche Qualität. Das ist zum Beispiel ein Talent, das Experten bekannt war, die gut im Thema drin sind. Und es gibt sicherlich weitere Spieler dieser Kategorie, die wir nächstes Jahr holen können. Da kommen wir zur Eingangsfrage...

....dass Sie bereits nach den nächsten Vallejos fahnden.

Als ich beim VfB Stuttgart aus dem operativen Geschäft raus bin, habe ich ja nicht nur zu Hause rumgelegen oder bei Sport1 meine Kommentare abgegeben (lacht). Ich habe mir vieles angeschaut, meine Netzwerke verfestigt und es einfach genutzt, dass ich viel Zeit hatte. Wenn ich jetzt reise, besuche ich auch große Vereine, um Kontakt zu halten. In Portugal, Spanien oder England. Die Kaderplanung läuft schon jetzt.

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Haben Sie auch vernommen, dass die Eintracht bei der Fahndung nach einem Nachfolger für Heribert Bruchhagen auch lose bei Frank Baumann vorgefühlt haben soll?

Das weiß ich wirklich nicht. Ich wollte das damals auch gar nicht wissen. Es gab sicherlich Ideen von vielerlei Seite, aber bei mir war es ein langer Prozess, den Aufsichtsratschef Wolfgang Steubing begleitet hat. Alles in allem ging das recht geräuschlos.

Ihr Kollege Baumann hat schon schwierige Zeiten durchgemacht, musste sich vom Trainer Viktor Skripnik trennen ...

... und war damit in seinem Job richtig angekommen (lacht).

Sie waren im Nationalteam Gefährten.

Ja, und ich mag den Frank. Er ist ein sympathischer Kerl. Er hat jetzt genau das tun müssen, was mir in Stuttgart am Anfang widerfahren ist: sehr schnell einen Trainer wechseln zu müssen. Das ist keine schöne Sache. Die Erfahrungen in negativer und positiver Hinsicht werden ihn sicherlich ein Stück weit härter machen.

Niko Kovac wird für die Entwicklung der Eintracht viel gelobt. Wie wichtig ist ein starker Trainer?

Ich war nicht derjenige, der ihn geholt hat, das haben Bruno Hübner und Heribert Bruchhagen getan. Aber als ich das gehört habe, fand ich gleich: eine super Geschichte. Endlich mal jemand, der den 08/15-Kreislauf durchbricht.

Was macht ihn so besonders? Und wann verlängern Sie den Vertrag?

Er hat eine klare Idee, wie er Fußball spielen lassen möchte, orientiert sich aber an dem, was er in Frankfurt vorfindet. Er ist sehr motiviert und strebt sicherlich danach, irgendwann einen ganz großen Verein zu trainieren. Er weiß aber, dass hier die Basis gelegt wird. Wir haben ein so großes Vertrauensverhältnis, dass wir in puncto Vertragsverlängerung entspannt sind. Wir müssen uns von niemand treiben lassen.

Sie haben mit ihm in Berlin noch zusammengespielt. Tritt die aktuelle Mannschaft nicht so auf wie Kovac früher: zuerst kommt der Kampf und der Rest kommt dann schon noch?

Für unser letztes Heimspiel gegen Köln galt das sicherlich. Alles geht nur über eine stabile Defensive, dann kann man auch in der Offensive glänzen – und da haben wir einige interessante Spieler, die jeden Gegner überraschen können. Wir wissen, dass Bremen die meisten Gegentore kassiert hat, aber das soll für Sonntag nichts heißen.

Werder und Eintracht sind vielleicht in diesem Wissen im sogenannten Team Marktwert zusammengeschlossen, die eine Verteilung der Fernseheinnahmen nach Kriterien wie Zuschaueraufkommen, Beliebtheit oder Einschaltquote fordern. Warum ist es zuletzt da so ruhig geworden?

Es war ein Vorschlag, keine Forderung. Nach außen mag es so geklungen haben, da wollen diese Vereine jetzt mehr Geld haben, aber nach innen war der Gedankenaustausch dieser Vereine was Positives. Ich finde, diese Diskussion darf man in einem vernünftigen Ton führen.

Warum?

Das kann man doch in den Stadien sehen. Unsere Arena wäre häufiger ausverkauft, wenn nur Traditionsvereine mitspielen würden. Man sieht, wer viele und wenige Auswärtsfans mitbringt. Ich respektiere, dass es Vereine mit anderen unternehmerischen Strukturen gibt, trotzdem muss dieser Fingerzeig erlaubt sein. Ein Spiel mit zwei Traditionsvereinen wie das Topspiel Frankfurt gegen Köln bekommt eine besondere Aufmerksamkeit. Übrigens auch im Ausland.

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Zeigen diese zwei Traditionsvereine gerade, wie der Weg aussehen könnte?

Es geht darum, seine Hausaufgaben zu machen, eine Ruhe zu finden, eine Erneuerung voranzutreiben. Die Idealsituation ist, ein moderner Traditionsverein zu sein, ohne seine Historie zu vergessen. Aber der Gestaltungs- und Veränderungsprozess muss von innen betrieben werden.

Dann braucht es auch nicht zwingend fremde Investoren?

Vielleicht wird es die in Zukunft brauchen. Wir sind ja nicht blind, und es kann doch passieren, dass in drei, vier Jahren die 50+1-Regel fällt. Dann muss man sich öffnen. Das Wichtigste wird sein, den Fans die Angst zu nehmen, dass die Vereine ihr eigenes Ich verraten. Wenn ein Investor käme, würde hier nicht der Adler aus dem Wappen verschwinden oder unsere Mannschaft zu Hause in gelben Trikots auflaufen.

Ihr Vorgänger Bruchhagen hat Vereine wie den VfL Wolfsburg, TSG Hoffenheim oder jetzt RB Leipzig immer Verdränger genannt. Er hat oft gefordert, die Liga daher auf 20 Vereine zu erhöhen. Wäre das nicht ein Ansatz, um auch Standorte wie Nürnberg, Stuttgart oder Hannover wieder einzubinden?

Einfach nur aufzufüllen, halte ich nicht für richtig. Wir wollen keine sportliche Verwässerung, sondern weiter Qualität in der Liga halten. Aber: Die Frage ist berechtigt, ob wir uns als das größte Land in Europa mit 80 Millionen noch den Luxus erlauben können, mit 18 Vereinen zu spielen, wenn die anderen großen Verbände mit 20 antreten.

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Zur Person

Fredi Bobic (45) ist seit Sommer Sportvorstand bei Eintracht Frankfurt. Der 37-fache Nationalspieler und ehemalige Sportdirektor des VfB Stuttgart hat binnen kürzester Zeit viele Veränderungen angeschoben, die dazu beigetragen haben, dass die Eintracht vor dem Sonntagsspiel bei Werder deutlich besser dasteht. Obwohl Frankfurt die Relegation bestritten hat – und nicht Bremen.
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