Werder zwischen Selbstkritik und Hoffnung

Schwache Leistung, ordentliches Ergebnis

Werders Leistung gegen Heidenheim war in allen Belangen enttäuschend, das musste auch Trainer Florian Kohfeldt zugeben. Das einzig Positive war das Ergebnis von 0:0, das für das Rückspiel Chancen bietet.
03.07.2020, 15:28
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Schwache Leistung, ordentliches Ergebnis
Von Christoph Bähr
Schwache Leistung, ordentliches Ergebnis

Florian Kohfeldt war nach der Nullnummer gegen Heidenheim enttäuscht, versuchte aber auch seine Spieler, hier Ludwig Augustinsson und Milot Rashica, für das Rückspiel aufzubauen.

nordphoto/gumzmedia

Als das Spiel zu Ende war, standen sie noch lange auf der Tribüne zusammen und redeten: Heidenheims Vorstandsvorsitzender Holger Sanwald, Aufsichtsratschef Klaus Mayer und weitere Vereinsmitarbeiter. Zufrieden blickten sie in das leere Rund des großen Weserstadions, erzählten sich aufgeregt, was sie im VIP-Raum so erlebt hatten, freuten sich über ihre Idee mit einer Kuhglocke als Krachmacher und vor allen Dingen über die Leistung ihrer Mannschaft. Keine Frage: Der Außenseiter aus Heidenheim war der gefühlte Sieger nach dem 0:0 im Relegations-Hinspiel gegen Werder. „Das ist für uns ein sehr gutes Ergebnis“, hielt Sanwald im Gespräch mit Journalisten fest, überlegte kurz und fügte hinzu: „Es ist aber auch gefährlich.“

Das stimmt aus Heidenheimer Sicht ohne Frage. Bei einem 0:0 im Rückspiel am Montag (20.30 Uhr) gäbe es Verlängerung. Jedes andere Unentschieden würde Werder schon zum Klassenerhalt reichen. Das war nach der Partie am Donnerstagabend die einzige gute Nachricht für eine Bremer Mannschaft, die auf ganzer Linie enttäuscht hatte. Entsprechend fiel das Fazit von Trainer Florian Kohfeldt aus: „Wir haben von der ersten bis zur letzten Minute nicht zu unserem Spiel gefunden. Offensiv hatten wir keinerlei Staffelung. Hinten waren wir zu zögerlich, haben den Ball immer wieder hintenrum gespielt. Im Gegenpressing haben wir keinen Ball gewonnen.“

Ist alles richtig, doch wie ist solch eine blutleere, einfallslose Vorstellung in einem der wichtigsten Spiele der Vereinsgeschichte zu erklären? Darauf wusste auch Kohfeldt keine Antwort: „Ich muss das Spiel erst einmal genau analysieren. Ich glaube nicht, dass es am Druck lag.“ Hat Werder den Underdog von der Schwäbischen Alb trotz aller Warnungen im Vorfeld womöglich unterschätzt? „Gefühlt hat jeder gedacht: Wir schießen die aus dem Stadion und feiern dann in Heidenheim den Nicht-Abstieg. Jeder kann mir aber glauben, dass ich das nicht gedacht habe“, betonte Kohfeldt.

Robuste Heidenheimer

Fünf Tage nach dem 6:1-Kantersieg gegen fast körperlos verteidigende Kölner gingen seine Spieler allerdings von Anfang an nicht mit der nötigen Konsequenz in die Zweikämpfe und ließen sich von den robusten Heidenheimern den Schneid abkaufen. Ob die Bremer den Gegner unterschätzt haben, mit dem Druck nicht klarkamen oder aus anderen Gründen so schwach spielten – das müssen sie bei Werder bis zum Rückspiel genau ergründen.

Die Statistik hilft dabei jedenfalls wenig: Werder hatte mehr Torschüsse, mehr Ballbesitz sowie eine bessere Zweikampf- und Passquote als der Gegner. Das bringt jedoch alles nichts, wenn dabei keine echte Großchance herausspringt und Heidenheim in den entscheidenden Szenen die Oberhand hat. Dabei spielten auch die Gäste bei allem kämpferischen Einsatz keinesfalls überragend. Trainer Frank Schmidt überraschte mit einer Fünferkette, doch ansonsten verteidigte sein Team wie gewohnt sehr mannorientiert und setzte im Offensivspiel häufig auf lange Bälle.

Schmidts Coup war es, dass sein Team mit viel Laufeinsatz die Bremer Zuspiele in die Zwischenräume und damit die von Werder geliebten Steil-Klatsch-Passagen im Angriffsspiel unterband. Alles in allem setzte Heidenheim aber auf einfache fußballerische Mittel, und das reichte aus, um Werder in Not zu bringen. Kohfeldt hatte im Vorfeld betont, dass nicht die Taktik, sondern die Mentalität die Relegation entscheiden werde. Ausgerechnet in diesem Punkt war seine Mannschaft den Heidenheimern hoffnungslos unterlegen. „Ich weiß: Es hat so ausgesehen, als wäre nicht in jeder Sequenz die absolute Emotionalität da gewesen. Aber meine Ansicht ist, dass wir zu früh zu wild geworden sind“, sagte Kohfeldt zum Thema Kampfeswille.

Kohfeldt hinterfragt sich

Wenn das stimmt, hat seine Mannschaft also gekämpft, sich aber nicht an den Plan gehalten, was ebenfalls bedenklich ist. Kohfeldt: „Ich kann nicht bewerten, ob unser Plan funktioniert hat, weil wir nie in den Plan reingekommen sind. Lag das an uns oder an Heidenheim? Ich glaube, dass es eher an uns lag.“ Dass es auch Fragen zur Arbeit des Trainers aufwirft, wenn die Mannschaft nicht einmal versucht, seinen Plan umzusetzen, war Kohfeldt klar. „Es gab keine Phase, in der wir das gespielt haben, was wir spielen wollten. Es waren Räume da, wie wir es besprochen hatten. Sie waren aber nicht so besetzt, wie wir es besprochen hatten. Ich gehöre da genauso dazu. Jetzt muss ich mich fragen: Ging das, was wir vorhatten? Falls ja, werde ich fragen, warum sie es nicht gemacht haben.“

Es gibt also einiges zu besprechen bei Werder, doch allzu lange sollten sich Trainer und Mannschaft nicht damit aufhalten. Im Rückspiel ist die Chance auf den Klassenerhalt für die Bremer, die auswärts zumeist besser spielten als zu Hause, schließlich immer noch groß. „Wenn wir wieder so eine Leistung bringen, wird es schwer. Aber von der Ausgangslage her sind wir nicht in einer dramatisch schlechten Situation“, hielt Kohfeldt fest. „Wir müssen fokussiert bleiben, Ruhe ausstrahlen, um am Montag brutale Emotionen auf den Platz zu bringen, aggressiv zu sein und schnell zu spielen. Das hat im Hinspiel alles gefehlt, aber jetzt in Panik zu verfallen, bringt niemandem etwas.“ Klar ist allerdings: Heidenheim ist heimstark und geht nun mit einem deutlich besseren Gefühl ins Rückspiel als Werder. Trotzdem wissen sie auch beim Zweitligisten nicht genau, wie sie das Ergebnis bewerten sollen. „Wir können mit einem Tor im Rückspiel weiterkommen, dürfen aber auf keinen Fall ein Gegentor kassieren“, sinnierte Vorstandschef Sanwald, bevor er mit seiner Entourage das Weserstadion eine halbe Stunde nach dem Abpfiff verließ. „Das Ergebnis ist eine Chance und ein Risiko.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+