Blick auf den Markt im defensiven Mittelfeld

Welcher Sechser soll’s denn sein?

Werder muss im defensiven Mittelfeld einen Umbruch vollziehen, mit Patrick Erras ist aber erst ein neuer Spieler verpflichtet. Nach welchem Profil fahnden die Bremer und wer wäre überhaupt auf dem Markt?
13.08.2020, 17:52
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel
Welcher Sechser soll’s denn sein?

Mario Lemina könnte Werders Lösung für die Probleme auf der Sechserposition sein.

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Nicht Max Kruse oder ein Ersatz für den ziemlich sicher scheidenden Milot Rashica sind in diesem Sommer die wichtigsten Bremer Transferziele, sondern der dringend notwendige Umbau im defensiven Mittelfeld. Mit Philipp Bargfrede und Nuri Sahin sind zwei ehemalige Leistungsträger nicht mehr dabei, Kevin Vogt ist nach seiner halbjährigen Leihe zurück in Hoffenheim. Werder bricht in diesem neuralgischen Bereich des Spiels also die Kernmannschaft weg, die mit eigenen Bordmitteln so einfach nicht zu ersetzen sein dürfte.

Davy Klaassen und Maximilian Eggestein sind auf den Achterpositionen besser aufgehoben, Kevin Möhwald kommt aus einer langen Verletzung zurück, wurde von Florian Kohfeldt kaum auf der Sechs eingesetzt und entspricht mit seinen Eigenschaften auch nicht dem Anforderungsprofil für die Planstelle(n) vor der Abwehr.

Erras in der Vogt-Rolle

Auch deshalb hat Werder mit Patrick Erras schon einen klaren Sechser verpflichtet. Erras geht nicht nur aufgrund seiner Physiognomie als eine Art Vogt-Ersatz durch, der ehemalige Nürnberger dürfte seine Rolle auch ähnlich interpretieren: Als Hybridversion eines Sechsers, der sich gegen den Ball oder im Spielaufbau zwischen die Innenverteidiger fallen lässt und wie eine Art Libero agiert.

Die Bremer benötigen aber mindestens noch einen weiteren defensiven Mittelfeldspieler, allein auf Christian Groß, der ähnlich veranlagt ist wie Erras, oder den unerfahrenen Jean-Manuel Mbom als Ersatz zu hoffen, wäre fahrlässig. Das haben einige negative Beispiele der jüngeren Bundesliga-Vergangenheit ebenso gezeigt wie die letzte Saison der Bremer, als die Sechserposition eine der größten Baustellen überhaupt war.

Ein Sahin in jung

Das Problem: Werder benötigt angesichts der angespannten Finanzlage und weil der Transfermarkt wegen Corona auch für die Verkaufsseite die eine oder andere negative Überraschung mit sich bringt, im besten Wortsinn kreative Lösungen. Werder benötigt im Prinzip einen Spieler mit den technischen und individualtaktischen Fähigkeiten, die Sahin einbringen konnte – nur in einer jüngeren, dynamischeren, schnelleren und gewandteren Version. Einen guten Passspieler, der strategisch denkt und handelt, der auch in engen Situationen resistent bleibt, der aus dieser tieferen Position entwickeln kann und im besten Fall auch ein wenig Torgefahr ausstrahlt.

Seit dem Weggang von Thomas Delaney fehlt diese Stärke auf der Sechs komplett, alle „gesetzten“ defensiven Mittelfeldspieler zusammen steuerten in den letzten beiden Spielzeiten ein einziges Törchen bei. Und weil im Zentrum des Spiels auch viel kommuniziert wird, wären entsprechende Sprachkenntnisse durchaus von Vorteil.

Das Profil und naheliegende Lösungen

Gerne schaut man sich deshalb in der Bundesliga oder wie in Erras‘ Fall auch in der zweiten Liga um und oft genug rücken dabei Spieler kürzlich abgestiegener Klubs in den Fokus. So wie etwa Sebastian Vasiliadis vom SC Paderborn. Der hat in den letzten Jahren eine beeindruckende Entwicklung genommen, gilt als sogenannter Box-to-Box-Spieler, der mit seinem tiefen Körperschwerpunkt ganz gut im Dribbling ist und auch ab und zu vor dem gegnerischen Tor auftaucht. Zwar ist Vasiliadis kein klarer Sechser, als Komplementär zu Erras und je nach Werders Ausrichtung mit nur einem oder sogar zwei Sechsern aber eine vorstellbare Lösung.

Das könnte auch für Kevin Stöger gelten. Hinter dem Österreicher schien noch vor ein paar Wochen die halbe Liga her zu sein, derzeit ist es erstaunlich still um den 26-Jährigen geworden. Stöger ist nach Düsseldorfs Abstieg vereinslos, bringt aber unglaublich viele technische Fähigkeiten mit: Stöger ist Stratege wie Vollstrecker in einem, hat einen wahnsinnig guten linken Fuß, ist kreativ, spielt überraschende Schnittstellenpässe und dürfte einer der zehn besten Standardschützen der Bundesliga sein.

Lemina ein heißer Kandidat?

Etwas exotischer wären dagegen einige andere Spieler, die auch andere Positionsprofile mitbrächten. Allen voran der heiß gehandelte Mario Lemina. Ein ordentlicher Passspieler, der gerne auch mal ins Dribbling geht und mit teilweise eher unkonventionellen Bewegungen enge Situationen auflöst. Von Lemina wäre eine gute Portion Kreativität und Dynamik zu erwarten, aber auch ein gewisser Hang zum Risiko und eine eher geringe Torgefahr.

Lemina wäre einer dieser „klassischen“ Werder-Transfers von Spielern mit großen Veranlagungen und großen Ambitionen, die früh zu einem großen Klub gewechselt sind, dort aber nicht zurechtkamen und deren Karriere seitdem etwas stockt. So ähnlich verhält es sich auch bei Lemina, der Juventus immerhin fast zehn Millionen Euro wert und unter dem damaligen Trainer Max Allegri sogar Stammspieler war. Auch in Southampton ging es für Lemina nicht weiter voran, erst die Leihe zuletzt zu Galatasaray stellte ihn wieder ins Schaufenster.

Viele Optionen, wenig Geld

Ganz anders verhält es sich bei Azor Matusiwa und Jordi Quintilla. Der eine, Matusiwa, kommt aus der Ajax-Jugend – weshalb er auch dem neuen Bremer Co-Trainer Danijel Zenkovic bestens bekannt sein dürfte –, der andere aus Barcelonas Talentschmiede La Masia. Matusiwa ist ein wuchtiger Abräumer, technisch nicht immer sauber, aber ein Energiebündel und überragender Balleroberer. Derzeit steht er beim FC Groningen unter Vertrag, womöglich kann sich Werder im baldigen Testspiel gegen die Niederländer vor Ort ein Bild vom Spieler machen.

Quintilla ist das ziemliche Gegenteil: Eher feingliedrig, wie Stöger auch ein Linksfuß mit großen spielerischen Fähigkeiten. Beim FC St. Gallen hat der Spanier eine famose Saison hingelegt, wurde mit dem Außenseiter-Klub noch vor dem FC Basel Vizemeister in der Schweiz. Auch Quintilla ist ein ausgesprochener Standardspezialist, steuerte als defensiver Mittelfeldspieler überragende 18 Scorerpunkte bei (13 Tore, fünf Assists). Sein Vertrag läuft kommenden Sommer aus.

Diese Tatsache und seine starke letzte Saison dürften den 26-Jährigen aber richtig teuer machen. Ein Leihgeschäft, das Werder angesichts der Finanzprobleme unter Umständen anstrebt, fällt bei diesen Rahmenbedingungen wohl komplett aus. Das geforderte Profil wird Werder intern längst skizziert haben. Am Ende steht und fällt aber mal wieder alles mit den Finanzen. Gut möglich, dass die Bremer wie so oft in den letzten Jahren bis zum Ende der Transferperiode warten müssen.

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