Die Hoffenheim-Pleite in der Analyse Werders taktische Fehler werden gnadenlos bestraft

Das war deutlich: Beim 0:4 in Hoffenheim war nicht Florian Kohfeldts Spielsystem das Problem, meint unser Taktikanalyst Tobias Escher. Vielmehr unterliefen den Spielern einfache taktische Fehler.
22.02.2021, 13:25
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Escher

Es gehört zum modernen Fußball-Vokabular wie der „Matchplan“ oder die „kompakte Viererkette“: Wenn Fußballer Spiele aufgrund einfacher Fehler verlieren, habe es oft an den „Basics“ gefehlt. Zu diesen „Basics“ gehören nicht nur die Grundtugenden wie Laufbereitschaft und Zweikampfführung. Darunter fallen auch viele taktische Details, mit denen Spieler vermeintlich einfache Situationen lösen können. Genau an diesen „Basics“ mangelte es bei Werder Bremen bei der 0:4-Niederlage gegen Hoffenheim.

Auf dem Papier begann die Partie eigentlich vielversprechend. Trainer Florian Kohfeldt hielt an der Erfolgsformation der vergangenen Wochen fest. Gegen Hoffenheim startete seine Elf erneut mit einer Fünferkette. Kevin Möhwald sicherte als Sechser den Raum vor der Abwehr, Maximilian Eggestein und Leonardo Bittencourt agierten versetzt davor. Im Sturm bildeten Joshua Sargent und Milot Rashica die erste Pressinglinie im 5-3-2.

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Die beiden Angreifer sollten die Dreierkette der Hoffenheimer beschäftigen. Dazu positionierten sie sich zwischen den gegnerischen Verteidigern. Hoffenheim sollte den Ball nicht in der Dreierkette laufen lassen dürfen, sondern den langen Ball wählen.

Die Kraichgauer starteten wie Bremen in einem 5-3-2-System. Der Unterschied: Christoph Baumgartner agierte hier als Zehner vor einer Doppelsechs. Damit konnte Baumgartner den Bremer Sechser Möhwald leichter decken. Auch Hoffenheim blockierte somit den Spielaufbau der Bremer: Diese konnten im Aufbau nicht den Pass zu Möhwald suchen, sondern mussten stattdessen den Weg über die Flügel wählen. Hier ging Hoffenheim in den Zweikampf.

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Mit der jeweiligen Defensivausrichtung neutralisierten sich beide Teams zunächst. Die Bremer spielten sich häufig auf dem Flügel fest. Nur selten gelang es ihnen, Linksverteidiger Felix Agu hinter die Abwehr zu schicken. Auch die langen Bälle der Hoffenheimer blieben zunächst ohne Erfolg. Solange kein Team einen Fehler beging, setzten sich die Defensivreihen schachmatt.

In der Folge luden die Bremer ihren Gegner jedoch mit einfachen Fehlern zu Toren ein. Vor dem 0:1 (26.) patzte Werder im Umschaltverhalten: Nach einem Ballverlust setzte kein Bremer Spieler Diadie Samassékou unter Druck. Sobald ein freistehender Spieler zum langen Ball ansetzt, muss sich die Abwehrreihe eigentlich fallen lassen. Ömer Topraks Körperposition zeigte jedoch nach vorne, Milos Veljkovic rückte gar aus der Abwehr raus, um einen Gegenspieler zu verfolgen. Der lange Ball auf Torschütze Ilhas Belou war so nicht zu verteidigen.

Auch vor dem 0:2 (44.) stimmte Werders Aufteilung nicht. Diesmal war es das Mittelfeld, das nach einem langen Ball nicht schnell genug umschaltete: Werder erzwang zwar den langen Schlag, wich aber in der Folge zu langsam zurück. Hoffenheim konnte unbedrängt den zweiten Ball erobern und in voller Fahrt auf das Bremer Tor zulaufen. Der Knackpunkt der Fehlerkette war das Verhalten von Toprak und Marco Friedl im eigenen Strafraum: Dass sie dem aufs Tor zustürmenden Baumgartner die Gasse ins Zentrum öffneten, ist ein absolutes No-Go im Verteidigungsverhalten. So stand es zur Pause 0:2.

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Kohfeldt versuchte, mit Umstellungen während der Halbzeitpause das Ruder herumzureißen. Mit Romano Schmid wechselte er einen Mittelfeldspieler ein, er ersetzte Verteidiger Veljkovic. Damit einher ging eine Umstellung von Fünfer- auf Viererkette. Zunächst agierte Werder im 4-4-2, wenig später stellte Kohfeldt auf ein System mit einer Mittelfeldraute um, also ein 4-3-1-2.

Die Umstellung behob aber nicht Werders größtes Problem: Auch nach der Pause begingen Verteidiger und Mittelfeldspieler munter Fehler. Vor dem 0:3 (49.) ließ Werders Mittelfeld Gegenspieler Bebou einen unkontrollierten Pressschlag aus der Luft pflücken, verarbeiten und einen Pass in die Gasse spielen. Werder beging nun denselben Fehler wie vor dem 0:1: Anstatt sich mangels Druck auf Bebou zurückzuziehen, stand Werders Abwehr zu hoch. Als Toprak im eigenen Strafraum Gegenspieler Mounas Dabbur verlor, missachtete er ein weiteres Element, das Trainer als „Basic“ bezeichnen: die Umstellung von Raum- auf Manndeckung im eigenen Strafraum.

Werder konnte in der Folge im 4-3-1-2 den Ball laufen lassen und somit Schlimmeres verhindern. Raumgewinn gelang ihnen kaum mehr, ein Torschuss glückte Werder nach der Pause nicht. Schadensbegrenzung war das Motto. Kurz vor Schluss verpassten es die Verteidiger abermals, Druck am eigenen Strafraum auszuüben. Das 0:4 (90.) war der traurige Endpunkt einer schwachen Bremer Vorstellung.

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Die Bremer Leistung wirft Rätsel auf. Einfache Fehler wie vor den Gegentoren unterliefen den Bremern in dieser Saison selten. Im Gegenteil: Der wichtigste Entwicklungsschritt im Vergleich zur vergangenen Saison war, dass solche Fehler weitestgehend abgestellt schienen.

Die wichtige Frage, die sich aus der 0:4-Niederlage ergibt, lautet daher: War Werders defensiv desolate Leistung ein Einzelfall? Dank der starken Defensive konnte Bremen in dieser Saison weitestgehend übertünchen, dass sie offensiv harmlos agieren. Werder muss in den kommenden Wochen beweisen, dass das Debakel in Sinsheim nur ein Ausrutscher war – und dass sie die „Basics“ des Fußballs beherrschen.

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