In Werders Kabine weht ein frischer Wind

Ein Heiligtum im Wandel

Gleich mehrere altgediente Spieler haben den Verein verlassen - und das wirkt sich auch auf den Alltag in der Werder-Kabine aus. In kürzester Zeit weht ein frischer Wind, was Florian Kohfeldt sehr gut gefällt.
10.08.2020, 14:33
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Ein Heiligtum im Wandel
Von Malte Bürger
Ein Heiligtum im Wandel

Von der Kabine auf den Platz: Was einige Meter hinter dem Spielertunnel passiert, bleibt für die meisten Augen verborgen.

nordphoto

Im Heiligtum spielt sich gerade Besonderes ab. Werders Kabine ist ein Rückzugsort, ein Platz, wo es für die Augen der Öffentlichkeit im Grunde keinen Einblick gibt. Wird mal ein Sieg gefeiert, kann es zwar passieren, dass ein Profi ein Foto aus dem Refugium veröffentlicht. Das war es dann aber auch schon. Und in eben jenem Mikrokosmos abseits der Außenwelt herrscht momentan reichlich Bewegung. Altgediente Spieler haben den Verein verlassen, in die entstandenen Lücken rücken jüngere Akteure nach. Nicht nur auf dem Feld entwickelt sich also eine neue Struktur, sondern auch intern.

„Die Kabine hat sich verändert“, stellt auch Florian Kohfeldt bereits nach nur wenigen Trainingstagen fest. Und für den Coach ist das durchaus mit emotionalen Gedanken verbunden. „Es gibt ein paar Dinge, die ich sehr vermisse. Da bin ich ganz ehrlich. Den einen oder anderen Spieler da jetzt nicht mehr sitzen zu sehen, das ist neu.“ Philipp Bargfrede war beispielsweise trotz seiner vielen Verletzungen irgendwie immer da. Ein Fin Bartels gehörte jahrelang zum festen Personal. Beide werden ihre Karriere nun andernorts fortsetzen. Sebastian Langkamp ebenso. Und natürlich gibt es da noch einen gewissen Claudio Pizarro, der die Atmosphäre in den Katakomben stets maßgeblich mitgeprägt, seinen Spind nun aber endgültig geräumt hat. „Da gab es einfach Abläufe, die ich – abgesehen vom einen Jahr Unterbrechung in der U23 – seit sieben, acht Jahren kannte“, sagt Kohfeldt. „Wir sind diesen für alle Beteiligten zum Teil sehr schmerzhaften Schritt bewusst gegangen, deshalb verändert sich natürlich etwas.“

Altersdurchschnitt gesunken

In erster Linie ist Werder jünger geworden. Gleich vier Ü30-Spieler haben den Verein verlassen, mit Niklas Moisander, Theodor Gebre Selassie, Ömer Toprak, Christian Groß und Yuya Osako gibt es neben dem aussortierten Martin Harnik jetzt noch fünf Profis, bei deren Alter eine Drei vorne steht. Die Hoffnungen für die Zukunft ruhen auf Akteuren wie Nick Woltemade (18), Romano Schmid (20) oder Felix Agu (20). Noch in der vergangenen Saison lag Werders Altersdurchschnitt laut einer Rangliste des Magazins „Kicker“ bei 30 eingesetzten Spielern bei einem Wert von 27,3. Im ligainternen Vergleich waren die Bremer damit – wie auch am Saisonende – Drittletzter. Aktuell liegt der Schnitt des potenziellen Kernkaders bei 25,0, wenngleich es in den nächsten Wochen sicher noch die ein oder andere transferbedingte Korrektur geben wird. Trotzdem gilt schon jetzt: „Einige fangen an mich zu siezen“, sagt Kohfeldt lachend. „Das ist ein persönliches Problem.“ Der Bremer Trainer ist schließlich auch erst 37 Jahre alt und setzt nicht nur deshalb trotz einer klaren Rollenverteilung auf eine gewisse Nähe zu seiner Mannschaft.

Und genau dieses Team wandelt sich gerade. Allzu viele Einblicke will Florian Kohfeldt verständlicherweise nicht in die heiligen Hallen gewähren, er belässt es lieber bei Andeutungen. Er erwähnt den Wellnessbereich neben der Kabine, die Räumlichkeiten der Physiotherapie, die er abschreitet, wenn er seiner Arbeit nachgeht. Und da gibt es nun eben andere Gesichter zu sehen als noch vor einiger Zeit. Es existieren inzwischen zahlreiche Fußball-Dokumentationen, in denen die Privatsphäre zumindest ein wenig aufgeweicht wurde und die zeigen, wie diese kleine Welt der Profikicker eigentlich funktioniert. Ein junger Hüpfer kann da etwa noch so kurz auf der Massagebank liegen, sobald ein Altvorderer das Zimmer betritt und um eine Behandlung bittet, hat der Jungspund zu weichen. Kommentarlos. Bei Werder bildet sich diese Hierarchie momentan neu aus.

Kohfeldt tut der Wandel gut

„Es ist unglaublich spannend gerade“, sagt Florian Kohfeldt. „Es macht mir unheimlich viel Spaß, aber es ist auch fordernd, weil du jeden Tag neue Einflüsse bekommst.“ Nicht nur durch die neu hinzugekommenen Spieler, sondern auch durch den Wechsel im Trainerteam. Kohfeldst neuer Assistent Danijel Zenkovic versorgt seinen Chef mit neuen Ideen und entfacht so zusätzliches Feuer. „Die Zusammensetzung hat sich verändert. Und ich kann jetzt schon nach einer Woche sagen, dass mir das total gut tut und viel Spaß macht. Es ist jetzt wirklich etwas richtig Neues“, sagt der Coach, der sich andererseits auch glücklich schätzt, keine Radikalkur zu erleben. „Natürlich gibt es noch immer altbekannte Gesichter, die ich weiterhin sehr gern um mich herum habe – Davy Klaassen oder Maximilian Eggestein zum Beispiel“, sagt Kohfeldt. „Durch sie weißt du einfach, dass du noch ein paar Eckpfeiler hast.“

Sie sollen im Idealfall das Gerüst für etwas werden, das nun Stück für Stück zusammenwächst. „Es ist eine große Chance, dass wir eine andere Struktur haben und andere Spieler noch mehr Verantwortung übernehmen“, sagt Florian Kohfeldt. Die personelle Frischzellenkur sorgt obendrein dafür, dass schwerwiegende Themen der Vergangenheit in der Gegenwart gar keine mehr sind. Die schlechte Vorsaison samt rumpeliger Rettung in der Relegation zum Beispiel. Die Angst vor einer Wiederholung des Erlebten kann schließlich schnell die Sinne trüben. Aber eben auch nur, wenn darüber zu viel geredet wird. „Ich habe es auf jeden Fall nicht mehr gehört in der Kabine“, sagt Florian Kohfeldt. Und er muss es wissen. Er darf schließlich rein in Werders Heiligtum.

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