Werder Bremen Werder ist wieder ein Kollektiv

Bremen. Ziemlich genau ein Jahr nach dem ersten peinlichen Tiefpunkt der vergangenen Pleitesaison, dem 1:4 von Hannover im September 2010, ist Werder wieder wer in der Bundesliga. Ein Grund für die momentan gute Entwicklung scheint Teamgeist zu sein.
20.09.2011, 05:00
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Werder ist wieder ein Kollektiv
Von Thorsten Waterkamp

Bremen. Im Bremer Hauptbahnhof feierten Werder-Fans des nächtens "deutscher Meister, deutscher Meister SVW". Sie waren gerade aus Nürnberg zurück, Werder war - wenigstens für die nächsten 26 Stunden - Tabellenführer. Es sind gute Zeiten für Freunde des grün-weißen Fußballs, ziemlich exakt ein Jahr nach dem ersten peinlichen Tiefpunkt der vergangenen Pleitesaison, dem 1:4 von Hannover am 21. September 2010. Werder ist wieder wer in der Liga. Aber warum?

Vielleicht hat das Spiel in Nürnberg am Sonnabend die deutlichste Antwort auf diese Frage geliefert. Und Nürnberg könnte, auch wenn sich der 1:1-Endstand noch so unspektakulär liest, zu einem Meilenstein in dieser Saison werden. So stand am Sonnabend nach der Roten Karte gegen Tim Wiese plötzlich eine Mannschaft auf dem Platz, wie man sie in der vergangenen Saison vergeblich gesucht hat. "Wir haben als Mannschaft eine Reaktion gezeigt", umschrieb später Andreas Wolf das, was in einem kollektiven Abwehrkampf gegen die anrennenden Nürnberger endete. Noch deutlicher wurde Sebastian Prödl: "Wir haben uns zusammengeschweißt gefühlt."

Wozu Psychologen beauftragen, wenn auch ein Spiel zur Teambuilding-Maßnahme wird? Wer als aktiver Fußballer (und sei es in der Kreisklasse) selbst einmal einen solchen Abwehrkampf mitgemacht hat wie die Bremer Profis am Sonnabend, der weiß: Das Gefüge Mannschaft gewinnt dabei enorm und nachhaltig an Geschlossenheit. Das ist über das 1:1 hinaus das viel wichtigere Ergebnis der 90 Minuten - weshalb Klaus Allofs von einem "Sieg der Moral" sprach: "Dass man sich das gemeinsam geholt hat, bringt das Team noch enger zusammen."

Schön zu sehen war das in Nürnberg an zwei grün-weißen Protagonisten, von denen der eine (Sokratis Papastathopoulos) erst kurz dabei ist und der andere (Marko Arnautovic) sich bislang nicht gerade einen Ruf als Teamplayer erarbeitet hat. Die beiden früh Ausgewechselten tobten Sekunden vor dem Abpfiff wild gestikulierend neben der Bremer Bank herum - auch so zeigt sich Mannschaftsgeist.

Nürnberg zeigte aber auch: Werder ist - und das ist als Kompliment zu verstehen - eine grundsolide Fußball-Truppe. Unprätentiös, scheinbar weitgehend frei von Eitelkeiten. In Nürnberg kämpfte schließlich jeder für jeden. "Das zeigt doch nur, wie wir diese Saison angegangen sind: komplett anders als die letzte", erkannte Sebastian Mielitz, und der Ersatztorwart beschrieb Werders Metamorphose von einer Ansammlung von Individualisten und Egoisten zum heutigen Kollektiv deutlich wie kein anderer Bremer Profi: "Jeder stellt seine persönlichen Dinge zurück und denkt zuerst an die Mannschaft. Alle reißen sich zusammen."

Werder 2011 ist eine Mannschaft, die auf solide Arbeit baut. Kapitän Clemens Fritz, die Neuzugänge Andreas Wolf oder Sokratis Papastathopoulos beispielsweise, Philipp Bargfrede - keiner von ihnen zelebriert Fußball, es wäre auch nicht ihr Spiel. Aber sie liefern engagierte Leistungen ab und nehmen dabei andere mit. Wie Aaron Hunt. Der 25-Jährige ist das bemerkenswerteste Beispiel für das neue Selbstverständnis, mit dem sich die Bremer Profis in der Bundesliga präsentieren. Er durchläuft gar einen kompletten Rollentausch: Vom reinen Kreativkicker zur lauffreudigen Schnittstelle zwischen Offensive und Defensive. Zuletzt in Nürnberg, als Werder in Unterzahl um jeden Meter kämpfte, war der Dauerrenner Hunt wertvoller als in praktisch allen Spielen der vergangenen Saison. Er lief den Nürnbergern unablässig die Räume zu, attackierte ständig die Gegner und entlastete die Hintermannschaft (und das war drei Viertel des gesamten Teams) mit seinen Vorstößen.

Das alles ist nicht die hohe Schule des Fußballs - doch die ist auch gar nicht nötig, um sich zurzeit in der Bundesliga weit vorne zu behaupten. Grundsolide Arbeit auf allen Ebenen tut es auch. Das hat in der vergangenen Saison Hannover 96 bewiesen, in diesem Jahr scheint der Beinahe-Absteiger Borussia Mönchengladbach (zumindest bisher noch) einen ähnlichen Weg zu gehen. Hinter dem über den Dingen schwebenden FC Bayern, hinter den grundsoliden Mannschaften aus Bremen und Mönchengladbach beginnt bereits ein breites Mittelfeld, in das auch vermeintliche spielstarke Klubs wie Vize-Meister Leverkusen (7.) oder Meister Dortmund (11.) eingetaucht sind.

Werders Trainer Thomas Schaaf übrigens verbuchte die kurzzeitige Bremer Tabellenführung "als Kompliment für die Mannschaft. Sie bedeutet, dass wir viele Dinge gut gemacht haben."

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