Werders Fußballer können stolz sein Werder ist wieder wer

Vor dem letzten Heimspiel der Saison lohnt sich der Blick zurück: Waren die vergangenen zehn Monate für Werder ein Erfolg? Oder braucht es dafür den Einzug in die Europa League?
16.05.2015, 00:00
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Werder ist wieder wer
Von Andreas Lesch

90 Minuten lang werden die Zuschauer im Weserstadion an diesem Sonnabend betrachten können, wie Werders Zukunft aussieht. 90 Minuten lang werden sie diskutieren können: Kann es, darf es, soll es so mit ihrem Klub weitergehen? Kann er so mit der Bundesliga-Konkurrenz mithalten? Wirkt er nicht ein bisschen blass?

Am Ende der Debatte aber werden sich wohl keine Tribünennachbarn fürs Leben zerstreiten, denn sie kreist nicht um Fußball. Nur um Mode. Um das Trikot der kommenden Saison, das die Bremer Fußballer bei ihrem letzten Heimauftritt dieser Spielzeit schon mal anprobieren.

Bevor aber das schrecklich schnelle Bundesliga-Geschäft die Textil-Trends von morgen zur Schau stellt, lohnt es sich, in Ruhe zurückzuschauen auf den Sport, der war. Es lohnt sich, die fast abgelaufene Saison zu beleuchten und die Frage zu stellen: War sie für Werder ein Erfolg? Oder muss sie, um einer zu werden, durch den Einzug in die Europa League gekrönt werden?

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Wer eine Antwort darauf sucht, der muss wissen, dass der Profifußball zur Unterhaltungsbranche gehört. Der Fußball will die Leute zum Lachen und zum Weinen bringen, zum Zittern und Jubeln, zum Hoffen und Verzweifeln. Insofern ist Werders Saison nahezu perfekt gewesen. Klar, wer jetzt auf die Tabelle schaut, der sieht die Bremer auf einem durchschnittlich anmutenden achten Platz – mit elf Siegen, zehn Unentschieden, elf Niederlagen. Der Weg dorthin aber war spektakulär. Werder hat ein Jahr der Extreme hinter sich. Ein Jahr, das so viele Geschichten hervorgebracht hat, dass garantiert keinem Stammtisch der Gesprächsstoff ausgegangen ist.

Werder ist erst wochenlang Letzter gewesen und später neben dem VfL Wolfsburg das beste Rückrundenteam der Liga. Werder hat seinen Trainer gewechselt (was in diesem Verein ziemlich selten vorkommt) und seinen Aufsichtsratsboss (was in diesem Verein erst recht nicht zum Tagesgeschäft gehört). Werder hat seinen langjährigen Geschäftsführer Klaus-Dieter Fischer in den Ruhestand verabschiedet, der als eine seiner letzten Amtshandlungen mal eben öffentlich die Frage aufgeworfen hat, ob Werder Schulden machen soll, um den Abstieg zu verhindern (was in diesem Verein noch nie vorgekommen ist). Ganz nebenbei war Werder noch an einem der meistdiskutierten Deals der Liga beteiligt – dem Acht-Millionen-Euro-Transfer des talentierten Angreifers Davie Selke zum Zweitligisten RB Leipzig.

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Die Kraft der Bergsteiger

Auch sportlich haben die Bremer eine Leistung gezeigt, die überzeugt. Sie sind innerhalb weniger Monate vom hoffnungslosen letzten auf den hoffnungsvollen achten Platz geklettert; das ist eine Leistung, auf die jeder Bergsteiger stolz wäre. Speziell der Mittelfeldmann Zlatko Junuzovic hat zuletzt oft betont, wieviel Kraft dieser Aufstieg gekostet hat, die Köpfe wie die Körper. Das klingt plausibel, aber es erklärt doch nur teilweise, warum er und seine Kollegen den Schwung, den Drang, die Frische aus dem Winter nicht bis in den Frühling haben retten können. Warum sie plötzlich ab und an wieder einen Fußball zeigten, der an das überwunden geglaubte Gekrampfe unter Robin Dutt erinnerte.

Vielleicht ging manch einem Bremer wirklich alles ein bisschen zu schnell. Vielleicht war manch einer so erschöpft und erleichtert davon, den albtraumhaften Abstiegskampf hinter sich gelassen zu haben, dass er es nicht mehr schaffte, ein neues Ziel mit derselben Konsequenz zu verfolgen. Wer weiß: Vielleicht hätte es der Mannschaft noch mal einen Schub, eine letzte Motivation gegeben, wenn Geschäftsführer Thomas Eichin und Trainer Viktor Skripnik die Qualifikation für die Europa League im Endspurt öffentlich zum neuen Saisonziel ausgerufen hätten. Dieses Ziel dann zu verpassen, wäre keine Schande gewesen – und gewiss nicht als Beleg des Scheiterns interpretiert worden.

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Vielleicht fehlt Werder aber für den Sprung ins internationale Geschäft auch eine Leitfigur, die gerade an tristen Tagen dem Team Halt, Richtung und Inspiration gibt – und die dafür sorgt, dass auch unangenehme Aufgaben gegen gefährdete und gefährliche Kellerbewohner wie jüngst gegen den VfB Stuttgart, den SC Paderborn und Hannover 96 gelingen. Werder hat im Mittelfeld viele wertvolle Spieler: den Kämpfer Philipp Bargfrede, den Routinier Clemens Fritz, das Flexibilitätswunder Fin Bartels, den Freistoßkünstler Junuzovic. Eine dominante, alle mitreißende Persönlichkeit, die aggressiv nach oben strebt, aber hat Werder nicht.

Jahrelang haben die Mannschaft und der ganze Verein gehört und gesagt, dass sie im Vergleich zu vielen Konkurrenten in der Liga ganz schön klein sind. Manchmal haben sie es mit der Kleinrednerei ein bisschen übertrieben. Gerade deshalb ist der Punkt, an dem die Bremer jetzt stehen, so spannend. Sie müssen nun wieder lernen, groß zu denken, sich groß zu fühlen, sich auch mal größer zu machen, als sie sind.

Der Glanz des Flutlichts

Sie können doch stolz sein auf das, was sie geschafft haben. Sie müssen endlich nicht mehr das Gefühl haben, am Ende zu sein, nein: Sie haben jetzt eine Saison hinter sich, die der Anfang von etwas ist. Sie müssen sich nicht mehr nur die immergleichen Geschichten aus den guten, alten Zeiten anhören, die Geschichten von den Abenden in der Champions League, die so wunderbar im Flutlicht glänzten. Die Bremer können jetzt gute, neue Zeiten gestalten. Sie können daran arbeiten, dass sie bald wieder Flutlichtspiele mit internationalem Flair im Weserstadion haben.

Sicher, wenn sie ihren achten Platz an den Tiefen messen, aus denen sie gerade kommen, dann lädt er erst mal zum Verweilen. Er ist ja warm und trocken. Aber wenn sie ihn an den Höhen messen, die sie vor Jahren erlebt haben, dann kann er einen Hallo-Wach-Kick geben, ein Signal für einen Aufbruch. Hey, die Bremer sind wieder wer! Sie haben sogar wieder Spieler, die begehrt sind und ein Gewinn für die Gerüchteküche der Liga; die Diskussionen um die Zukunft von Zlatko Junuzovic, Jannik Vestergaard und Franco Di Santo beweisen es. Und nicht nur über Werders sportliche Qualität wird geredet, sondern auch über die Aktivitäten in der Chefetage. Geschäftsführer Eichin hat gezielt Debatten angestoßen, um seinen Klub zu positionieren. Er hat die Fragen aufgeworfen, ob der FC Bayern von den Schiedsrichtern bevorteilt wird – und ob das Fernsehgeld in der Liga gerechter verteilt werden sollte.

Eichins Piksereien haben ein bisschen an die klassenkämpferischen Schlachten erinnert, die Werders früherer Manager Willi Lemke einst geschlagen hat. Außenseiter zu sein und die Favoriten zu ärgern, das konnten die Bremer halt immer schon gut. Sie müssen es nur wieder häufiger tun. Am besten schon in den zwei verbleibenden Begegnungen dieser Saison, gegen die Borussias aus Mönchengladbach und Dortmund. Gewinnen Skripniks Spieler diese Partien, dann werden die Fans sich um ihre Trikots reißen – ganz egal, ob die von gestern sind oder von morgen.

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