Werders Gegner Heidenheim im Check

Ja heilig’s Blechle

Der 1. FC Heidenheim hat sich mit Akribie und Fleiß bis ans Einfallstor zur Bundesliga gearbeitet und will nun Werder das Leben schwer machen. Über einen etwas anderen Klub mit einigen sehr speziellen Machern.
02.07.2020, 15:09
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Von Stefan Rommel
Ja heilig’s Blechle

Freut sich auf die Relegation gegen Werder Bremen mit seinem Klub: Heidenheims Trainer Frank Schmidt.

dpa

Eine surreale Saison hat ihr surreales vorläufiges Ende gefunden. Zumindest aus Sicht des 1. FC Heidenheim. Am vergangenen Sonntag wohnte der schwäbische Außenseiter der Meisterfeier von Arminia Bielefeld bei, fast ohne Fans und mit Sicherheitsabstand. Heidenheim ging beim Zweitligameister 0:3 unter und es hätten gut und gerne auch sechs oder sieben Gegentore sein können. Und trotzdem durfte sich der FCH am Ende über den größten Zwischenerfolg der Klubgeschichte freuen: Er steht am Einfallstor zur Fußball-Bundesliga.

Das Gros der Bremer Fans dürfte noch nicht einmal ahnen, wo Heidenheim überhaupt liegt. Geschweige denn mit dem Klub etwas anzufangen wissen. Und wie kann das überhaupt sein, dass ein Verein aus der Provinz, aus einem 50 000-Einwohner-Städtchen, die Konkurrenz aus Hamburg, Hannover, Nürnberg oder Bochum düpiert? Mit dieser altmodischen Idee, fast ausschließlich auf deutsche Spieler zu setzen, die im besten Fall auch noch im Süden der Republik rekrutiert werden.

Die Zutaten für die Erfolgsgeschichte, die von den Niederungen der Landesliga bis in die Bundesliga führen soll, sind Fleiß, Unternehmergeist, Leidenschaft und Identifikation – welche auf und neben dem Platz von einigen entscheidenden Köpfen verkörpert werden.

Holger Sanwald

Im Organigramm wird Sanwald als Vorstandsvorsitzender ausgewiesen, vermutlich aber nur, weil auch einer wie er einen offiziellen Titel benötigt. Sanwald ist seit über einem Vierteljahrhundert der starke Mann auf dem Schlossberg, früher mal Mädchen für alles im Ehrenamt, heute Klinkenputzer vom örtlichen Bäcker bis hinauf zum Großkapital und vorstellig bei der Lokal­politik, weil: Jeder Partner, jeder Sponsor ist wichtig. Sanwald ist gebürtiger Heidenheimer, war selbst Spieler beim damaligen Heidenheimer Sportbund, wurde mit 27 Jahren Abteilungsleiter und hat diesen Führungsanspruch seitdem nie wieder aufgegeben. Der Chef denkt und redet schnell, aber nicht so gerne in der Öffentlichkeit. Vielmehr gefällt er sich als echter Schaffer, wie man auf der Ostalb sagt. Und Sanwald schafft offenbar ganz gut was weg.

Frank Schmidt

Der Trainer ist lediglich einen weiten Abstoß vom Stadion entfernt geboren worden, war natürlich auch Spieler beim HSB, dazu Profi in Nürnberg, Fürth, Wien, Aachen und Mannheim. Eher zufällig rutschte er im Herbst 2007 ins Amt des Trainers, Heidenheim spielte damals noch in der Oberliga. Nach zwei Meisterschaften in Folge etablierte Schmidt seinen Klub in der dritten Liga, ehe 2014 der Aufstieg in die 2. Bundesliga gelang. Kein anderer Trainer im deutschen Profifußball ist auch nur annähernd so lange im Amt wie der 46-Jährige. Womöglich hat das auch mit dieser sehr verbindlichen Art der Mannschaftsführung zu tun, die er selbst so erklärt: „Ich kann meine Spieler in den Arm nehmen, aber sie können auch den Schuh in den Arsch bekommen. Das verstehe ich unter einem ehrlichen Umgang miteinander.“

Marc Schnatterer

Ausnahmsweise mal kein gebürtiger Heidenheimer, dafür aber längst assimiliert. Schnatterer war vor Urzeiten mal nicht mehr gut genug für die zweite Mannschaft des Karlsruher SC und fand in Heidenheim sein sportliches Glück. 245 Torbeteiligungen in 426 Pflichtspielen für den FCH lassen den ungeheuren Einfluss des Spielers auf und für den Klub aber noch nicht mal erahnen. Schnatterer war Spielgestalter, Torjäger, einer der besten Standardschützen im deutschen Profifußball und als Kapitän engster Vertrauter von Trainer Schmidt. So langsam neigt sich seine Karriere dem Ende zu, oft genug war er in dieser Saison „nur“ noch ein Rollenspieler von der Bank. Schnatterers Wertigkeit ist aber trotzdem noch enorm und seine Einwechslung jedes Mal ein Signal an den Rest der Mannschaft – und den Gegner.

Tim Kleindienst

Kleindienst hat mal Bundesligaluft geschnuppert, für den SC Freiburg zwei Tore erzielt. Durchgesetzt hat sich der Angreifer aber nicht. Heidenheim schnappte zu, als Kleindienst im Begriff war, bei der zweiten Mannschaft in Freiburg zu versauern. Der 24-Jährige ist ein Brecher im Angriff, stark in der Luft und wuchtig im Abschluss. Aber trotz seiner Größe erstaunlich geschmeidig und technisch gut ausgebildet. Mit 14 Toren und sechs Assists hat Kleindienst die Lücke geschlossen, die der Verkauf von Mittelstürmer Robert Glatzel im Vorfeld der Saison gerissen hat. Im körperlich konnotierten, eher simpel gestrickten Heidenheimer Fußball nimmt er als tiefste Anspielstation eine tragende Rolle ein.

Niklas Dorsch

Der beste Sechser der 2. Liga, noch vor Stuttgarts Oral Mangala und dem Hamburger Adrian Fein. Dorschs Entwicklung sollte als Paradebeispiel für junge, talentierte Spieler dienen. Als Absolvent der Bayern-­Nachwuchsschmiede hatte er auch andere Angebote, entschied sich aber für den kleinteiligen Schritt mit der Aussicht auf regelmäßige Spielzeiten. Nach 67 Pflichtspieleinsätzen in zwei Jahren ist der Plan voll aufgegangen. Nun scheint die halbe Bundesliga hinter Dorsch her zu sein, der im zentralen Mittelfeld das Komplettpaket mitbringt: Aggressivität, Zweikampfhärte, Geschwindigkeit, eine herausragende Technik, Druckresistenz und die nötige Antizipationsfähigkeit für bestimmte Spielsituationen. Kurzum: Ein Spieler, der auch Werder sehr gut zu Gesicht stehen würde.

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