Die Bundesliga-Kolumne von Jörg Wontorra

Die Vereinslegenden sind keine Nestbeschmutzer

Zuletzt hatte es bei Werder ordentlich gekracht, inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt. Auch weil in Freiburg gewonnen wurde. Unser Kolumnist Jörg Wontorra warnt aber vor einer Rückkehr zum Kuschelkurs.
26.05.2020, 09:30
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörg Wontorra
Die Vereinslegenden sind keine Nestbeschmutzer

Unser Kolumnist Jörg Wontorra verteidigt Dieter Burdenski und wünscht sich weitere Reibung bei Werder.

WESER-KURIER

Na endlich! Endlich ist mal Schluss mit dem Kuschelkurs bei Werder. Und dafür haben auch die öffentlichen Auftritte der drei Vereinslegenden mit dem großen B im Namen gesorgt. Bratseth, Borowka, Burdenski. Im Nachhinein könnten ihre kritischen Ansätze und die darauf erfolgte Reaktion von Florian Kohfeldt sogar ein Weckruf für die Mannschaft gewesen sein. So engagiert wie nach den verbalen Turbulenzen der letzten Woche ist das Team jedenfalls seit Urzeiten nicht mehr aufgetreten. Und selbst, wenn kein direkter Zusammenhang mit dem Sieg in Freiburg bestehen sollte, so könnte sich im Hinterkopf der Spieler zumindest festgesetzt haben, es den Alt–Internationalen mal so richtig zeigen zu wollen. Dann hätte deren Schelte auch schon ihren Zweck erfüllt.

Um es klarzustellen: Weder Bratseth noch Burdenski oder Borowka stehen in dem Verdacht, nur populistische Marktschreier zu sein, die ihren Ex–Klub aus niederen Motiven bloßstellen. Im Gegenteil: Jeder von ihnen trägt noch immer das große W im Herzen, Burdenski hat sogar eine Loge im Weserstadion, für die er gutes Geld hinlegt, und keiner von ihnen ist persönlich geworden. Alle drei treibt eher die Sorge, dass hier gerade ein Projekt vor die Wand zu fahren droht, das sie vor langen Jahren mal sportlich mitentwickelt haben.

Genau darum aber sind sie noch lange keine Nestbeschmutzer, und genau darum muss auch Florian Kohfeldt nicht unbedingt bekannt geben, dass er sich von der Kritik der Urgesteine persönlich getroffen fühlte. Damit muss man nun mal umgehen als öffentliche Person, das weiß man auch vorher, und das ist im Übrigen bei Bundesliga-Trainern im üppigen Gehalt mit eingepreist. Quasi als Schmerzensgeld.

Ein Strohfeuer oder mehr?

Hinter vorgehaltener Hand hatten sich auch andere – immer noch namhafte – Werderaner an der „Alles-wird-gut-Politik“ der Bosse abgearbeitet. Auch ihnen fehlte in der Krise ein Plan B. Damit lagen sie eigentlich genau auf der Linie von Dieter Burdenski, aber nur Burdenski wagte sich aus der Deckung. Es spricht für ihn, dass er den Finger in die Wunde legt, aber es spricht genauso für Frank Baumann, dass er sich im persönlichen Gespräch mit seinem Kritiker auseinandergesetzt hat. Und so ganz untätig, wie ihnen vorgehalten wurde, waren dann auch die Bosse nicht: Vor dem Freiburg–Spiel hatte sich der Aufsichtsrat immerhin schon mal untereinander abgestimmt – auch in der Personalie Kohfeldt, in der es durchaus unterschiedliche Auffassungen gegeben haben soll.

Der Erfolg in Freiburg hat nun einiges wieder geglättet, und darüber werden sich sogar die kritischen Geister gefreut haben. Denn auch bei ihnen steht über allem der Wunsch, dass Werder die Klasse hält. Aber sorry: Viel gewonnen ist mit diesem 1:0 noch nicht. Es fehlen immer noch drei Punkte auf die Relegationsberechtigung und sechs Punkte zum direkten Verbleib in der Liga. Erst heute Abend wird sich zeigen, ob da am Sonnabend nur ein Strohfeuer abgefackelt worden ist, oder ob die Mission Rettung wirklich realistische Formen annehmen kann. Gegen Gladbach fällt dabei wohl ein wichtiges Pfund unter den Tisch: der Heimvorteil. Vor Publikum hat Grünweiß bekanntlich die letzten sieben Spiele am Osterdeich verloren, und in der aktuellen Geisterspiel–Ära kommt noch erschwerend hinzu, dass die Gastgeber bei 18 Spielen nur ganze drei Mal als Sieger vom Platz gingen.

Reibung statt Kuscheleien

Werder muss also den Trend kippen. MIT Florian Kohfeldt an der Spitze. In dieser extrem schwierigen Gemengelage kann er nun wirklich zeigen, dass er für das Team der Beste ist – aktuell wie auch grundsätzlich. Denn in dieser Phase der Meisterschaft hat es tatsächlich keinen großen Sinn mehr, die Pferde zu wechseln. Darum gilt zuallererst: Möge die Übung gelingen. Wenn nicht, sollten sich am Ende dann aber auch alle im Klub ihrer Verantwortung stellen. Auf dem Weg zum immer noch angestrebten Ziel wäre ein weiterer Verzicht auf Kuscheln und Schönreden sicher hilfreich. Denn nur Reibung erzeugt Hitze, und die brauchen Bremens Profis jetzt.

Info

Zur Person

Jörg Wontorra (71)

ist als Sportmoderator eine Legende und ­arbeitet für „Sky“. Im wöchentlichen Wechsel mit Peter Gagelmann, Lou Richter, Christian Stoll und Daniel Boschmann schreibt Jörg ­Wontorra in unserer Zeitung, was ihm im Bundesliga-­Geschehen aufgefallen ist.

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