Ex-Bremer Vestergaard im Interview

„Werder kann Gegner einschüchtern“

Jannik Vestergaard spricht mit MEIN WERDER über seine Rückkehr ins Weserstadion, Abstiegssorgen und die Zukunft von Werders Thomas Delaney.
13.10.2017, 20:42
Lesedauer: 4 Min
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„Werder kann Gegner einschüchtern“
Von Christoph Sonnenberg
„Werder kann Gegner einschüchtern“

Hat noch immer ein Auge auf Werder: Jannik Vestergaard.

imago

Herr Vestergaard, nach einer tollen Rückrunde in der vergangenen Saison steckt Werder nun wieder im Abstiegskampf. Überrascht Sie diese Entwicklung?

Jannik Vestergaard: Es ist ein bisschen früh, von Abstiegskampf zu sprechen, wenn noch 27 Spiele zu spielen sind. Sicher ist, dass Werder besser gespielt hat, als es die vier Punkte vermuten lassen. Die Mannschaft ist stabil. Und was sie leisten kann, hat sie in der vergangenen Rückrunde gezeigt. Was Werder wehtut, ist, dass sie zurzeit auf Max Kruse verzichten müssen. Das ist auch psychologisch ein wichtiger Faktor.

Wie verfolgen Sie Werder, seitdem Sie in Mönchengladbach spielen?

Ich habe ein Auge auf Werder. In Bremen habe ich Freunde und an meine Zeit dort viele gute Erinnerungen. Aber als Profisportler kümmert man sich in erster Linie um seine eigene Mannschaft und sich selbst. Für mich heißt das, zu Hause komplett vom Fußball abzuschalten.

Wie nehmen Sie die aktuelle Situation bei Werder wahr?

Auf mich macht Werder einen guten und geduldigen Eindruck. Sie verfallen nicht sofort in Hektik und treffen unter Stress eine schnelle Entscheidung. Sie glauben an ihr Konzept und das zu Recht.

Werder hat von den ersten sieben Spielen keines gewonnen. Welches Auftreten erwarten Sie im Spiel gegen Mönchengladbach?

Ein sehr aggressives gegen den Ball, Werder kann mit dieser Art Gegner einschüchtern. Mit der Fünferkette haben sie eine defensive Stabilität und Sicherheit bekommen, sie lassen wenig Torchancen zu. Wir müssen unsere Qualitäten einsetzen, um sie zu bezwingen.

Oft betonen Gegner, wie schwierig es ist in Bremen zu spielen, weil die Zuschauer eine besondere Atmosphäre schaffen. Ist das wirklich so?

Das stimmt definitiv. Ich habe es ja auch als Bremer Spieler erlebt. Besonders in Phasen, in denen wir sehr unter Druck standen und nicht vor Selbstvertrauen strotzten, haben die Zuschauer ihr Bestes gegeben, um uns zu unterstützen. Das gibt der eigenen Mannschaft ein paar zusätzliche Prozente, gleichzeitig nimmt es dem Gegner ein paar. Am Sonntag ist es unsere Aufgabe, uns davon nicht beeindrucken zu lassen.

In Bremen geht es aufgrund der sportlichen Situation um die Zukunft von Trainer Alexander Nouri. Verteidiger Lamine Sané hat vergangene Woche angekündigt, für den Trainer zu spielen. Geht das im Fußball, für oder auch gegen den Trainer zu spielen?

Ich lese immer wieder, dass eine Mannschaft gegen den Trainer gespielt hat. Unzufriedene Spieler gibt es immer in einem Team, dass sie auf dem Platz gegen den Trainer spielen, habe ich aber noch nie erlebt. Umgekehrt kann es schon sein, dass eine Mannschaft enger zusammenrückt, um für einen anderen gemeinsam etwas zu tun.

Wie sehr hemmt Abstiegskampf? Denken Spieler nach längerer Zeit im Tabellenkeller nur noch an sich selbst, statt an die Mannschaft?

Es ist ein enormer Druck. Ein Abstieg kann große Konsequenzen haben, auch für den Verein und seine Mitarbeiter. In Bremen habe ich damals sehr genau gespürt, wie wichtig Werder für die Stadt ist. Das alles zusammen in einem Rucksack, den man immer mit sich trägt, kann sehr schwer wiegen. Wenn das Vertrauen in die eigenen Entscheidungen fehlt, ist es schwierig, befreit aufzuspielen.

Wird Werder die Klasse halten?

Davon bin ich total überzeugt. Es ist eine gute Mannschaft, und viel passiert ist bisher noch nicht. Man darf jetzt nicht alles negativ sehen.

Wie sind Ihre Kontakte zu Werder?

Allgemein habe ich ein gutes Verhältnis zu den Menschen im Klub. Ich hatte eine gute Zeit in Bremen, auch privat. All die Menschen wiederzusehen, darauf freue ich mich.

Neben Werder haben Sie für Hoffenheim gespielt, jetzt in Gladbach. Was ist das Besondere an Bremen?

In der Zeit, als ich in Bremen gespielt habe, war es sehr schwer, Werder-Fan zu sein. Nur ein paar Jahre zuvor war Werder noch ein Topklub in Deutschland, was danach kam, wird den Menschen in und um Bremen wehgetan haben. Trotzdem halten sie zu ihrem Verein. Das ist großartig! Es war eine Ehre, für Werder spielen zu dürfen.

Kommen wir zu Ihnen. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Entwicklung in Gladbach?

Zufrieden.

Können Sie das ein bisschen ausführen?

Nein, ich glaube, das trifft es ganz gut.

Ist das eingetreten, was Sie sich beim Wechsel erhofft hatten?

Ich habe im vergangenen Jahr viele Erfahrungen gesammelt, positive wie negative. Wir haben nicht die Saison gespielt, die wir uns vorgestellt haben. Trotzdem machen mich diese Erfahrungen hoffentlich als Mensch und Spieler besser. Diese Saison wollen wir besser spielen. Mein persönliches Ziel ist, auf das Niveau der Rückrunde zu kommen. Mal sehen, was wir als Mannschaft erreichen können. Wir sind ordentlich gestartet, mit der Art unseres Spiels aber noch nicht ganz zufrieden. Wir haben noch Luft nach oben.

Sie waren in den vergangenen Tagen bei der dänischen Nationalelf. Haben Sie mit Thomas Delaney über die Situation bei Werder gesprochen?

Nicht ausführlich. Wir haben kurz darüber gesprochen, dass wir gegeneinander spielen. Vergangene Woche hatten wir ein anderes, wichtiges Ziel mit der Nationalelf, das war unser Fokus. Wir freuen uns beide auf unsere Begegnung in der Bundesliga.

Wie wichtig ist Delaney nach der kurzen Zeit schon für Werder?

Jeder sieht, dass Thomas der Mannschaft guttut. Er ist torgefährlich, kann Fußballspielen. Selbst wenn ab und zu nicht alles klappt, wirft er sich immer noch in jeden Zweikampf, rennt und dirigiert. Er liefert immer eine 100-prozentige Arbeitsleistung. Er ist ein geiler Mitspieler, ein guter Typ.

In Kopenhagen hat er um Titel mitgespielt. Ist es schwer für ihn, jetzt am Ende der Tabelle zu stehen?

Das muss er beantworten. Er hat einen großen Siegeswillen und will wirklich immer gewinnen. Egal ob im Training oder beim Kartenspielen.

Hat er Ihnen verraten, ob er nächste Saison nach England wechselt?

Netter Versuch. (lacht)

Schon jetzt wird in Bremen darüber spekuliert, ob ein Spieler wie Delaney im Sommer zu halten ist.

Selbst wenn er es gesagt hätte, hätte ich nichts verraten. Ich kann aber verraten, dass er mir nichts erzählt hat. Wenn es vielleicht Interesse geben wird, kann das keinen wundern, der ihn spielen sieht. Er ist ein sehr guter Spieler. Für Werder ist es die Aufgabe, ihn zu halten.

Die Fragen stellte Christoph Sonnenberg.

Jannik Vestergaard stand von Januar 2015 bis Juni 2016 bei Werder unter Vertrag und wechselte dann zu Borussia Mönchengladbach. Der 25-Jährige ist zudem dänischer Nationalspieler und hat sich in dieser Woche mit seinen Kollegen für die Play-offs zur kommenden Weltmeisterschaft 2018 in Russland qualifiziert.

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