Vor dem Pokalspiel in Mönchengladbach

Werder kann wenig verlieren, aber viel gewinnen

Thomas Eichin hat am Montag eine Forderung in den Raum gestellt, die ganz simpel klingt – und doch unendlich schwer zu erfüllen ist. „Wir müssen einfach weiter an unsere Qualität glauben.“
15.12.2015, 00:00
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Werder kann wenig verlieren, aber viel gewinnen
Von Andreas Lesch

Thomas Eichin hat am Montag eine Forderung in den Raum gestellt, die ganz simpel klingt – und doch unendlich schwer zu erfüllen ist. „Wir müssen einfach weiter an unsere Qualität glauben.“

Seit Wochen ist zu besichtigen, dass den Bremer Fußballern genau das oft nicht gelingt. Einerseits verwundert das wenig; ihr letzter Sieg, das 2:1 beim FC Augsburg Anfang November, ist schon wieder mehr als einen Monat her. Andererseits wäre jetzt ein ziemlich guter Zeitpunkt, um den Glauben ans eigene Können wiederzufinden. Denn die Bremer treten an diesem Dienstag um 19 Uhr zum DFB-Pokal-Achtelfinale bei Borussia Mönchengladbach an. Zu einem Spiel, in dem sie sehr wenig verlieren, aber sehr viel gewinnen können.

Ein Erfolg wäre aus mehreren Gründen wichtig. Er würde Einnahmen bringen, die den Spielraum für Transfers im Winter vergrößern – auch wenn Eichin behauptete: „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“ Und auch wenn er wiederholte: „Stand heute sind keine Neuzugänge geplant.“ Ein Erfolg würde den Bremern zudem die Chance eröffnen, endlich mal wieder einem Titelgewinn zumindest einigermaßen nahe zu kommen; sie stünden dann ja immerhin schon im Viertelfinale.

Vor allem aber würde ein Erfolg nach vielen, vielen trüben Wochen das so ersehnte Licht ins grün-weiße Dunkel bringen. Er würde den wankenden Bremern Halt schenken. Er könnte ihnen einen Impuls geben, der Besserung verspricht. Einen Impuls, wie ihn in der vergangenen Saison der Trainerwechsel von Robin Dutt zu Viktor Skripnik und die Verpflichtung des Innenverteidigers Jannik Vestergaard gebracht haben.

Es wäre in Mönchengladbach, eben weil ein Sieg dort so wertvoll wäre, mal Zeit für einen Bremer Auftritt voller Mut und Schwung und Konsequenz. Für eine Leistung, mit der niemand gerechnet hat. Für einen Abend mit Wow-Effekt, von der ersten bis zur letzten Minute.

Wer aber Skripnik lauschte, in der Pressekonferenz vor dem Spiel, der hörte wenig von dem begeisternden, aufrüttelnden, entschlossenen Plan, unbedingt eine Überraschung schaffen zu wollen. Sondern er hörte: sehr viel Realismus. Zu viel?

Ein einziges großes Ja-Aber

Skripniks Worte jedenfalls klangen wie ein einziges großes Ja-Aber. „Die Gladbacher sind Favorit“, sagte er. „Aber wir fahren nicht chancenlos da rüber.“ Und später: „Wir versuchen natürlich, das Beste zu geben und die unruhige Situation dort zu nutzen und die Spieler, die da fehlen. Aber nach wie vor sind die eine sehr gute Mannschaft. Wenn’s läuft, dann läuft’s. Da müssen wir trotzdem dagegenstehen.“ Auf die Frage, wie Werder spielen müsse, um in Gladbach zu bestehen, antwortete Skripnik, seine Mannschaft müsse eine vernünftige Mischung finden: „Wir müssen mutig sein. Aber wir müssen auch kompakt stehen. Wir müssen die Sachen, die uns gefehlt haben, besser machen – und die Sachen, die wir gut gemacht haben, wieder auf den Platz bringen.“ Dass den Gladbachern acht Spieler fehlten, das sei „nur Statistik“, befand Skripnik. Denn die Gladbacher Ersatzleute seien wirklich gut: „Die haben schon ein paar Mal gezeigt, wo es langgeht.“

Seine Bremer dagegen haben in den vergangenen Wochen keinem Gegner gezeigt, wo es langgeht. Sie haben sich zweifellos bemüht, aber eben immer im Rahmen ihrer doch begrenzten Möglichkeiten. Sie haben oft freudlos und mutlos gespielt. Nie sind sie über 90 Minuten frech, erfrischend, überraschend aufgetreten, nie so wie in den ersten Monaten unter Skripnik, als sie mit einer Siegesserie zum Gesprächsthema der Liga wurden.

Die Partie in Gladbach könnte nun, wenn alles perfekt läuft, ein Neuanfang sein. Sie könnte die Bremer daran erinnern, dass sie mal eine große Pokalmannschaft gewesen sind. Und sie könnte ihnen ein wertvolles Training für die Bundesliga sein. Denn im Pokal müssen sie alles zeigen, worauf es auch im Abstiegskampf ankommt: Sie müssen auf den Punkt fit, konzentriert, motiviert sein; sie müssen nicht irgendwann funktionieren und sich was trauen, sondern jetzt. Wie es aussieht, steht den Bremern in der Bundesliga in nächster Zeit ein Leben voller Endspiele bevor; für die Anforderungen, die dieses Leben stellt, können sie sich jetzt schon mal wappnen.

Eichin geht diese Aufgabe zumindest verbal kämpferischer an als Skripnik. Der Geschäftsführer beurteilte die Chancen seines Teams in Gladbach als „fifty-fifty“. Er sagte, er erwarte „ein superschweres Spiel für uns“, fügte aber an: „Im Pokal hast du immer eine Chance weiterzukommen.“ Die Tatsache, dass Gladbach Favorit ist, könne auch ein Vorteil für Werder sein, so Eichin: „Es wird mit Sicherheit erst mal auf Gladbach geguckt. Vielleicht können wir mit dieser Situation ganz gut umgehen.“ Soll heißen: Die Bremer haben eigentlich keine Chance, aber die wollen sie nutzen.

Um das zu verdeutlichen, hat Eichin schnell noch einen hübschen Spruch gebracht. Er hat ja lange in Mönchengladbach gewirkt, erst als Spieler, dann als Marketingleiter. Er sagte, es gebe bei der Borussia „unglaublich viele Menschen, die ich sehr, sehr gut kenne und die ich auch sehr, sehr mag“. Das halte ihn aber nicht davon ab, „dass ich Borussia Mönchengladbach unbedingt ärgern möchte – und auch gar keine Zeit habe, dort irgendwelche Kaffeeründchen zu machen“. Und falls Werder gewinnen sollte, ist Kaffee vermutlich sowieso nicht das Getränk der Wahl.

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